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Ost und West · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 363 - 364

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Article
Das Lebensrecht der Wenigen
Date
1913-05-01
Page
Seite 363 - 364 (sequence 2)
Language
German
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363 A. Benesra: Das Lebensreclit der Wenigen. rausch überkommt sie, jeder, der stärker ist, oder sich stärker wähnt, fühlt das Gelüste, über den wirklich oder vermeintlich Schwächern herzufallen und ihm das Lebenslicht auszublasen. In solchen Epochen . gesteigerter Raublust und Mordbegier zieht sich alles Edle und Vornehme im Menschen, was tausendjährige Arbeit grosser und gütiger Geister unter unendlichen Opfern und Mühen grossgezogen und aufgezüchtet, scheu zurück. Das Tier im Menschen wagt sich, aller Fesseln ledig, kecker hervor. In solchen Epochen schwebt auch über uns Juden das Verderben in noch gefährlicherer Form, als sonst immer. In solchen Zeiten müssen wir uns unseres Wesens noch bewusster werden als sonst, uns an unsere Lehre noch fester klammern, und unsere Kräfte zur Abwehr eifriger sammeln. Vor allem aber müssen wir noch mehr als sonst uns davor hüten, mitzuwirken an Gewalttätigkeiten und Unrechttun. Das Wort des Jehuda Halewi, Israel sei das Herz der Völker — ein Wort, das in ruhigen Zeiten übertrieben klingt — erscheint dann in seiner vollen Wahrheit: jedes in der Welt geschehende Unrecht, jede Vergewaltigung, jede Rechtsbeugung rächt sich am Ende an uns, direkt oder indirekt aber immer schmerzlich genug. Man kann dies aus dem Werk des Herrn Narcisse Leven über die Geschichte der Alliance Israelite Universelle*) am klarsten ersehen. Von einem trefflichen historischen Sinn geleitet, schickt der Verfasser der Geschichte der Institution, deren langjähriger Präsident er ist, ein ausführliches Kapitel voraus: „Rückblick auf achtzehn Jahrhunderte jüdischer Geschichte", welches in meisterhafter Verkürzung die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes seit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit vorführt. Wir lernen daraus den tiefen Zusammenhang zwischen dem Schicksal der Juden und den Wandlungen der allgemeinen Ideen im Verlaufe der Kulturgeschichte. Wir lernen aber daraus auch, welch eine tiefe Wahrheit einer der ersten Schöpfer der Idee der Alliance, der des Augenlichtes beraubte und doch so weitsichtige S a 1 o m o n Münk in Paris ausgesprochen hat, als er sagte: „Möchte der grausige Vorfall von Damaskus wenigstens dazu dienen, uns unsere Vereinsamung zum Bewusstsein zu bringen, die zwar betrübend, aber eine Tatsache ist, möchte er uns zeigen, dass wir in gefahrvollen Lagen unserer eigenen Kraft über- *) „Cinquante ans d'Histoire." Paris. Felix Alcan. 1911. Tome premier. lassen sind, und möchte das Band, das uns ehemals einigte, sich von neuem befestigen." Seit achtzehnhundert Jahren hat es wohl innerhalb der Judenheit keine Institution gegeben, die „das Band, das uns ehemals einigte", in dem Masse und mit so grossem Erfolge „von neuem zu befestigen" bestrebt war, wie die Alliance Israelite Universelle. Und wie wenig wir in gefahrvoller Lage auf andere, als auf unsere eigenen Kräfte rechnen dürfen, hat uns soeben erst ein Vorfall bewiesen, der, obgleich an sich nicht so grausig, wie jener von Damaskus, doch eine nicht minder herbe Lehre erhält. Kämpften da die Balkanvölker einen harten und siegreichen Kampf um ihre Befreiung. Rumänien stand dabei und schaute zu. Nun verlangt es von Bulgarien den Abtritt des Gebietes von Silistria. Rumänien hat die ihm von den Mächten auferlegte Pflicht, den Juden Gleichberechtigung zu verleihen, im Gegensatz zu Bulgarien, bis heute nicht erfüllt, und denkt auch in Zukunft nicht daran. Wofür der rumänische Staat eine Gebietserweiterung auf Kosten Bulgariens fordert, ist keinem Menschen verständlich: er hat während des ganzen blutigen Kampfes keinen Finger gerührt, und er erinnert ein wenig an jenen wackern Spiessbürger, der nach der Niederwerfung der Revolution von 1848 von der Regierung einen Orden verlangte. „Wofür kommt Ihnen denn der Orden?" fragt ihn der Minister. „Haben Sie etwa gegen die verruchten Aufständischen gekämpft?"—„Das nicht," erwidert der Ordensbedürftige, „aber ich habe mich während der Revolution so sehr gefürchtet." Auf Grund einer ähnlichen Lage fordert Rumänien Silistria. Sollte man nicht etwa meinen, dass die Mächte die Gelegenheit wahrnehmen würden, die Erfüllung der Forderung wenigstens von der Erfüllung der durch den Berliner Vertrag auferlegten Verpflichtung abhängig zu machen? Weit gefehlt! Dieselben bulgarischen Juden, Bewohner von Silistria, die jetzt mit den anderen bulgarischen Bürgern für die Befreiung Mazedoniens vom „türkischen Joch" ihr Blut vergossen haben, kommen unter die rumänische Knechtschaft, werden zu Bürgern zweiten Ranges degradiert. Den Mächten ist es recht. Und zwar den Dreibundmächten, die nicht bloss Silistria, sondern auch noch dessen Umgebung an Rumänien abgetreten wissen wollen. „Und keiner gedachte dabei dieses armen Mannes" ... So sieht, in unseren Tagen die Gerechtigkeit aus, wie sie hoch oben in den Regionen der „hehren Politik" aufgefasst wird." Um so betrübender ist es, dass in dieser ge-

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