Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Das Lehrlingswerk der Alliance in Tunis
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 337 - 338 (sequence 2)
- Language
- German
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337 Das Lehriingswerk der Alliance in Tunis. 338 die törichte Eitelkeit zu bekämpfen, die die mit dem Elementarschulzeugnis versehenen jungen Leute gewisser Kreise der Bureautätigkeit zuführt, weil sie die Ausübung eines Handwerks als eine Entwürdigung betrachten. Reservekasse. Um imsere Lehrlinge an das Sparen zu gewöhnen, machen wir von der monatlichen Beihilfe einen Abzug von 2—3 Frs., die in eine besondere Kasse abgeführt werden, die die Bezeichnung , .Reservekasse" führt. Jeder Lehrling hat sein Konto, und der Betrag sämtlicher während seiner Lehrlingszeit zurückbehaltener Spargelder gehört ihm. Die so gesammelten kleinen Ersparnisse, zu denen noch eine der handwerklichen Tüchtigkeit des Lehrlings entsprechende Gratifikation kommt, werden ihm zum Schluss der Lehrzeit ausbezahlt. Sie gestatten ihm, sich Werkzeug anzuschaffen oder sogar sich auf eigene Rechnung zu etablieren. Der Lehrling, der während der Lehrzeit seinen Beruf aufgibt, verliert das Recht auf Auszahlung seiner Spargelder. Versieherung. Unsere Fürsorge erstreckt sich nicht nur auf die technische Ausbildung unserer Lehrlinge; wir versuchen auch, sie für die Geselligkeit zu erziehen, sie an Vorsorge zu gewöhnen, das Gefühl gegenseitiger Verantwortlichkeit in ihnen zu wecken. Sie gehören daher obligatorisch der Versicherungskasse der israelitischen Arbeiterschaft an, einer Gesellschaft, die den Zweck gegenseitiger Hilfeleistung verfolgt, und die ihr Entstehen der Direktion der Allianceschulen und der Mitwirkung der Vereinigung ehemaliger Allianceschüler verdankt. Ein monatlicher Beitrag von 0,60 Frs. berechtigt unsere Lehrlinge, im Krankheitsfälle kostenfreie ärztliche Behandlung in Anspruch zu nehmen; ausserdem erhalten sie kostenlos Medikamente geliefert sowie ein Krankengeld von 0,60 Frs. Die Vorteile dieser Versicherung werden von unseren Lehrlingen so gewürdigt, dass der grösste Teil auch nach Beendigung der Lehrzeit die -Mitgliedschaft in der israelitischen Arbeiter Versicherung aufrechterhält. Gegenwärtige La g e. Die Zahl der gegenwärtig unserer Fürsorge unterstehenden Lehrlinge beträgt 98, die sich auf 24 Handwerke verteilen. Dies sind: 1 Wagenbauer, 2 Juweliere, 3 Stellmacher, 3 Kupferziseleure, 6 Kunsttischler, 9 Elektrotechniker, 11 Tischler, 1 Dekorationsmaler, 1 Wagenlackierer, 2 Photographen, 9 Bleiarbeiter, 4 Buchbinder, 5 Holzschnitzer, 3 Sattler, 4 Tapezierer, 3 Böttcher, 5 Drechsler. 9 Zöglinge sind in der Gewerbeschule Emil Loubet untergebracht, davon einer in der Normal- und 8 in der Lehrlingsabteilung. Fortbildungs -Werkstätte. Seit einigen Monaten haben wir in der Schule der Malta- Srira-Strasse eine kleine Werkstatt für Holz-, Stahl- und Schnitzarbeit eingerichtet. Diese Werkstatt, die von einem geschickten Arbeiter geleitet wird, ist nur an den Sonn- und Festtagen in Betrieb. Sie dient dazu, unseren zukünftigen Lehrlingen die ersten Unterweisungen im Gebrauch des Handwerkzeuges zu geben und erfüllt daneben den Zweck, sie vor schlechten Einflüssen zu bewahren, mit einem Wort: ihnen g-ute Lehren zu geben, damit sie einmal geschickte Arbeiter werden können. Budget. Jeder Lehrling kostet uns ca. 125 Frs. jährlich. Da die Durchschnittslehrzeit vier Jahre beträgt, kostet uns die Ausbildung eines Lehrlings 500 Francs. Die jährlichen Kosten für die gewerbliche Ausbildung der Knaben in Tunis belaufen sich auf 12,500 Francs, die von der Alliance allein getragen werden. Resultate. Seit seiner Entstehung bildet unser Werk, das von den Gewerbetreibenden ausserordentlich geschätzt wird, eine wichtige Einrichtung auf dem Gebiete der Arbeiterausbildung. Die Statistik der letzten 10 Jahre zeigt, dass wir vom Jahre 1910 ab bis 1912. 260 junge Leute in die Lehre geschickt haben, von denen 50 nach einem Aufenthalt von wenigen Monaten ihre Werkstatt verlassen haben; 98 befinden sich noch in der Lehre, 112 haben ihre handwerkliche Ausbildung beendet und arbeiten als Gesellen; einige haben sich als selbstständige Meister niedergelassen. Unter den ausgebildeten Handwerkern befinden sich: 15 Kunsttischler, 10 Bleiarbeiter, 9 Schmiede, 9 Maler, 8 Tapezierer, 7 Holzschnitzer, 7 Gürtler, 6 Elektrotechniker„ 5 Marmorarbeiter, 5 Sattler, 4 Buchbinder, 4 Stellmacher, 3 Graveure, 3 Böttcher, 3 Seiler, 3 Goldarbeiter, 2 Wagenlackierer, 1 Lohgerber, 1 Ziseleur. Alle diese Handwerker arbeiten tüchtig und ehrlich mit einem. Durchschnittsverdienst von täglich 3—5 Frs. [Lehrlingswerk für Mädchen. Das Lehriingswerk für Mädchen besteht erst seit dem Jahre 1895. Die Ausbildung der Lehrlinge erfolgt zum Teil in den in der Schule El Mechenakastrasse eingerichteten Werkstätten, zum Teil bei Meistern in der Stadt. In der Schule El Mechenakastrasse werden 3 Ateliers betrieben: 1. Ein Näh- und Schneideratelier, 2. Ein Atelier für Stickereien, Spitzen und feine Weisswaren. 3. Ein Strickatelier. Schneiderei. Von einer Näherin geleitet und von einer Lehrerin unserer Schule überwacht, nimmt das Atelier als Lehrmädchen nur solche Schülerinnen auf, die mindestens ein Jahr lang die erste Klasse besucht haben. Wie bei den Knaben ist auch hier die Erfahrung gemacht worden, dass die Mädchen, die eine vollständige Elementarbildung besitzen, die besten Arbeiterinnen sind. Die Nählehrmädchen erhalten keine Bezahlung, sondern alljährlich aus dem Ueberschuss der Einnahmen des Ateliers Prämien, die je nach ihren Leistungen zwischen 15—50 Frs. betragen. Die Lehrzeit dauert 3—4 Jahre. Die Lehrmädchen, die nach diesem Zeitraum die Werkstatt verlassen, sind imstande, als Näherinnen mit 2—4 M. täglichem Lohn ihr Brot zu verdienen. Die besten erhalten von der Schule leihweise eine Nähmaschine, die sie in monatlichen Raten abzahlen müssen. Das Nähatelier, das seit seiner Gründung zahlreiche Arbeiterinnen ausgebildet hat, zählt gegenwärtig fünf Lehrlinge. Atelier für Stickereien, Spitzen u n d feine Weisswaren. Dieses Atelier ist als Produktionsgenossenschaft organisiert. Die Schulleitung bewilligt ihm keinerlei Subvention, sondern beschränkt sich darauf, den Arbeitsraum zu stellen und die Stickerinnen in direkten Verkehr mit der Kundschaft zu bringen, um die Zwischenhändler zu umgehen, die sonst den grössten Teil des Gewinnes einstreichen würden. Die Lehrlinge des Stickereiateliers werden vom ersten Monat an entlohnt, die den Arbeiterinnen von dieser Genossenschaft gezahlten Gehälter übersteigen den Betrag von 3000 Francs jährlich.