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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 327 - 328

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Lord Byrons hebräische Gesänge und die Tondichter der romantischen Schule
Date
1913-04-01
Page
Seite 327 - 328 (sequence 4)
Language
German
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327 Dr. Leopold Hirschberg-Bcrlin: Lord Byrons hebräische Gesänge und die Tondichter der romantischen Schule. 328 als erstes Stück des dritten Heftes eine urgewaltige Ballade: „Sanheribs Niederlage" (Byron No. 22), frei gedichtet nach dem zweiten Buch der Könige (19,35) und Jesaias (37,36). Rauh und dürr, als fegte der Herbstwind über die Heide, ertönt die Musik; drohende Töne, den göttlichen Zorn versinnbildlichend, klingen schaurig hinein. Die Tempobezeichnung enthält das Wort „marziale". Aber es ist kein kriegerischer Marsch, der an unserm Ohr vorüberzieht — es ist der eherne Schritt des Schicksals, das sich erfüllt hat an dem Verächter des Ewigen. Der Anfang von Glucks Ouvertüre „Iphigenie in Aulis" ist ein Seitenstück dieses grossartigen Tongemäldes. Ein weiteres Meisterstück schliesst sich an: „Belsazars Gesicht" (Byron No. 16). In kurzen Zügen malt der Einleitungssatz das wüste Bachanal; die Vers-Cäsuren werden durch heftige Zwischenspiele („rigoroso") bezeichnet. Dann hebt sofort der Hauptsatz („agitatissimo") an, mit seinen eiligen, unheimlich rollenden, in der Tiefe beginnenden und immer höher und höher steigenden Läufen der Begleitung: Die Geisterhand schreibt mystische Zeichen, irrt ruhelos an der Wand hin und her, und wie mit einem Zauberschlag nimmt der grausige Spuk ein Ende, als Daniel eintritt und die Schrift deutet. Gleich der Posaune des jüngsten Gerichts erschallen die Akkorde des ,,Mene Tekel Peres Upharsin", die gesprochen werden; erneute Bassgänge in den kurzen Pausen zwischen den einzelnen Worten, als wenn die Hand nach der Deutung das folgende noch einmal nachdrücklich niederschreiben wollte, vollenden die Wahrheit des kolossalen Gemäldes, welches hinter der berühmten Komposition Schumanns (nach Heines Gedicht) in keiner Weise zurücksteht. Die düsteren Nachtbilder Averden durch einen innigen Gesang: „Die Ii ö h e r e W e 11" (Byron No. 3) verscheucht; auch Marschners Komposition desselben Stückes ist ergreifend und ausdrucksvoll. Und seltsam! Wieder haben beide Tondichter (natürlich unabhängig von einander) die gleiche Tonart (E-dur) gewählt. In dem Monolog: „Jordans U f e r" (Byron No. 6) gesellt sich abermals Marschner zu Loewe; sein Werk trägt die Ueberschrift „Racheruf. Jede der beiden Tondichtungen ist vollendet; doch bin ich geneigt, die Marsclinersche Komposition mit ihrer wilden dramatischen Kraft für noch bedeutender als die Loewesche zu erklären. Bald knirscht es wie ohnmächtige Wut, bald wie gellender Verzweiflungsschrei, dass Gott die gräuliche Götzendienerei ungestraft ihr Wesen treiben lasse; in dumpfem Stöhnen klingt die Erregung aus. Singstimme und Begleitung ergänzen sich in dem Marschnerschen Werke zu einer wahrhaft grandiosen Einheitlichkeit und Geschlossenheit. Aber Loewes Gesang dürfen wir darum nicht geringer achten. Von neuem zeigt er hier, wie er in allen Sätteln der Satzkunst gerecht ist und seltene alte Formen da, wo sie ihm zum vollen Ausdruck seiner Empfindung geeignet erscheinen, beseelt und belebt. Er bringt nämlich den uralten sogen, „hypophrygischen" Modus in Anwendung, d. h. eine Tonart ohne bestimmten Charakter,; die durchaus kein Vorzeichenkennt und duldet. Wie der eisige Nord über das Stoppelfeld, so stürmt es in den 65 Takten gespenstisch eintönig dahin, den Hörer mit Furcht und Grausen erfüllend ob des unversöhnlichen Hasses, der, wie Goethes Phorkyas, ,,blutigtrüben Blickes" das Entsetzliche tatenlos über sich ergehen lässt. Sphärenklänge führen aus „Wohin, o Seele?" (Byron No. 15) den Tieferschütterten zu dem von Wehmut und Hoffnung erzitternden letzten Gesänge der dritten Abteilung: „Die Sonne der Schlaflosen" (Byron No. 17), wohl dem bekanntesten und am häufigsten komponierten Byronschen Gedichte. Neben Loewe, der wieder seine „seraphischen Klänge" ertönen lässt, tritt Schumann und Felix Mendelssohn-Bart h oldy (zum ersten und einzigen Male) auf den Plan. Schumanns Gesang ist „An den Mond" betitelt und durchweg von melancholischen Harfenschlägen begleitet, die in ihrer eigenartigen Harmonie: den „blassen Gesellen" Heines sehr treffend malen. Mendelsssohn bietet eine rein melodiöse Romanze, die zwar den Inhalt der Dichtung nicht erschöpft, aber ihrer Wirkung stets sicher sein kann. Das monumentale Eingangstor zu dem letzten Heft des Loeweschen Werkes bildet die Bailade „S a u 1 und Samuel" (Byron No. 13). Ich glaube mit meiner Vermutung nicht fehlzugehen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil meiner geehrten Leser bereits Gelegenheit hatte, dieses Wunderwerk der Balladenkunst in meinen Vorträgen über „Bibel und Musik" zu hören und dabei die Richtigkeit von Philipp Spittas Urteil zu bestätigen, dass diese Ballade eines der grössten Meisterwerke der gesamten Gesangsliteratur sei. Allerdings stellt Loewe, welcher Sänger und Begleiter stets in einer Person vereinigt wissen will, an den Vortragenden Ansprüche, die kaum zu erfüllen sind. Es gilt nicht nur, die drei sprechenden Gestalten (Saul, die Hexe von Endor, Samuels Geist) und den erzählenden Teil des Gedichts streng auseinanderzuhalten, wenn es an sich auch schon schwer genug ist, in die wenigen Worte Sauls die tiefe Zerknirschung, in die der Hexe Triumph und Hohn hineinzulegen. Nein, nach der Vorschrift des Dichters sollen die Laute des Geistes aus einem ,,unbewegten Munde" kommen. Dieses verbotenus auszuführen, ist natürlich undenkbar; aber der Sänger soll wenigstens bestrebt sein, durch nur ganz geringes Bewegen der Lippen, worunter jedoch die Deutlichkeit der Aussprache nicht leiden darf, dieser Vorschrift möglichst nahe zu kommen. Wie ein Ruf aus einer andern Welt, wie aus dem Jenseits müssen die Geisterlaute das Ohr des Hörers treffen. Ueber die Urgewalt der Begleitung, die „wie Heulen aus Höhlenschlünden" (Spitta) ertönt, über die ganze Anordnung dieses einem Höllenbreughel abgelauschten Nachtbildes Worte des Lobes oder der Bewunderung zu verlieren, ist zwecklos; wie man Beethovens Werke nicht beurteilen kann, „ohne in den Ton der Verzückung zu verfallen" (Richard Wagner), ebenso wenig ist es der trocknen Rede möglich, die Höhen und Tiefen dieses Werkes zu durchmessen. Wie ein mächtiger Zauberer beschwört Loewe eine neue Geistergestalt aus der Tiefe: „Eliphas Gesicht" (Byron No. 23) nach dem Hiob. Und abermals wendet er, wie in „Jordans Ufer", zur Schil-

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