Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Franz Delitzsch
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 319 - 320 (sequence 2)
- Language
- German
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319 Dr. Simon Bentfeld: Franz Delitzsch. 320 sie entsprang aus dem warmen Interesse, das er für die Geschichte Israels,, die Geschichte seiner Leiden, empfand. Deshalb waren ihm die Erzeugnisse der hebräischen Dichtung nicht bloss literarische Denkmäler, die man für ein Museum sammelt, keine getrockneten und gepressten Blumen, die man Stück für Stück auf ein weisses Blatt klebt, sondern die Lebenszeichen eines verfolgten und gequälten Volkes, das trotz seiner unerträglichen Leiden geistig ungebrochen blieb und in erhabenen Dichtungen bald seinem Schmerz über die ihm zuteil gewordene Demütigung und bald seiner Hoffnung auf Erlösung Ausdruck gab. Der christliche Gelehrte zeigt in seiner Warmherzigkeit ein weitgehendes Verständnis für die Tragik der jüdischen Geschichte. Dieses Verständnis bildete den Grundton seiner Schrift über die nachbiblische hebräische Poesie, weshalb sie viel mehr als bloss eine wissenschaftliche Arbeit bedeutet. Merkwürdig ist aber dabei, dass Franz Delitzsch schon damals einen tiefen Blick in das Wesen der hebräischen Poesie bekundete und die Richtung, die sie seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts genommen hatte, viel besser erkannte als seine jüdischen Zeitgenossen. Das ist vielleicht das Rühmlichste an seinem Buche, das inhaltlich jetzt natürlich bereits überholt ist. Delitzsch wies auf die Quelle hin, aus der die hebräische Poesie in früheren Zeiten geschöpft hatte. Diese war, wie er richtig herausfand, das nationale Bewusstsein des jüdischen Volkes, dessen felsenfeste Ueberzeugung von der ewigen Bedeutung Israels in der Geschichte, von seiner Erwählung in uralter Zeit und von der geschichtlichen Aufgabe, die ihm in ferner Zukunft noch bevorsteht. Weil das jüdische Volk nicht sterben wollte, deshalb blieb es unsterblich, und von diesem Glauben an seine Unsterblichkeit heraus dichtet es zu verschiedenen Zeiten Lieder des Schmerzes und der Hoffnung, deren ergreifende Wirkung unvergänglich ist und unvergänglich bleiben wird. Der dichterische Genius im jüdischen Volke lebte mit ihm fort. Dass die hebräische Poesie von Zeit zu Zeit neue Formen angenommen hat, berührte den Inhalt wenig; wenn auch Salomo ibn Gabirol, Jehuda ha-Levi, Mose und Abraham ibn Esra für ihre Dichtungen arabische Formen und hin und wieder sogar arabische Sprachbilder wählten, ihre Lieder blieben doch durch und durch jüdisch. Sie wurzelten im jüdischen Geiste, sie schöpften aus der Geschichte des jüdischen Volkes und gaben die Gedanken und Gefühle wieder, die der jüdische Stamm dachte und empfand, k Hingegen wies Delitzsch darauf hin, dass die hebräische Poesie seit Mendelssohn der Verflachung anheimfalle; sie wird Wortgeklingel ohne Inhalt. Mögen die hebräischen Dichtungen in der Form noch so korrekt und tadellos sein, ihr Inhalt ist nicht jüdisch. Es ist hier der germanische Geist, der sich in hebräische Worte kleidet. Diesen Gedanken, dieses treffliche Urteil über die Kunstgattung seinerzeit und über die Richtung, die die hebräische Poesie in der Zukunft zu nehmen hätte, wenn sie sich nach aufwärts bewegen sollte, kleidete Delitzsch in folgende bedeutungsvolle Worte: „Die mittelalterliche jüdische Poesie ist das Dokument von der Freiheit des Volkes in der Sklaverei. Die moderne von der Sklaverei des Volkes in der Freiheit, und die zukünftige möge sein das lebendige Lebensbild von der Freiheit des Volkes in der Freihei t." Er, der Christ, zeigte ein solches Verständnis für das geistige Leben des jüdischen Volkes, und es unterliegt keinem Zweifel, dass er bei den Juden seiner Zeit unverstanden geblieben ist. Die oben zitierten Worte verdienen der Vergessenheit entrissen zu werden, denn sie sind von programmatischer Bedeutung. Neben dem Tadel über das Eindringen des germanischen Geistes in die hebräische Poesie führt Delitzsch die nachahmenswerten Muster vor, die die jüngere Epoche aufzuweisen hatte. Drei neuere hebräische Dichter waren es, das Dreigestirn Luzzatto, deren Bedeutung für die Entwicklung der hebräischen Dichtung er besser zu würdigen verstand als seine jüdischen Zeitgenossen in Deutschland und in Polen. Mose Haim Luzzatto, der unglückliche Dichter und Mystiker aus der ersten - Hälfte des 18. Jahrhunderts, erscheint ihm der Begründer einer neuen Dichterschule. Efraim Luzzatto in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bildet nach Delitzsch die Fortsetzung-dieser Schule und als deren glänzendsten Vertreter bezeichnet er Samuel David Luzzatto, der im Jahre 1825 mit einem Band hebräischer Gedichte hervorgetreten war. Delitzsch analysierte trefflich den jüdisch-nationalen Geist, den S. D. Luzzattos Gedichte atmeten. Die Verehrung, die er für die wahren hebräischen Dichter hegte, bezeugte er auch dadurch, dass er ein ungedruckt gebliebenes allegorisches Drama des Mose Haim Luzzatto (Migdal oz) herausgab und mit S. D. Luzzatto in brieflichen Verkehr trat. Der jüdische Dichter und Forscher in Padua förderte mit allen Kräften die wissenschaftlichen Arbeiten seines christlichen Freundes. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass Franz Delitzsch keineswegs ein Freigeist war, dem jede religiöse Form gleichgültig gewesen wäre. Er blieb Zeit seines Lebens ein lutherischer Christ, dem jede Kritik des Christentums wehetat. Als sich einst Abraham Geiger ein sehr freimütiges Wort über die Person Jesu erlaubte, geriet Delitzsch darüber in Erregung und machte sich in einem gereizten Schreiben an seinen jüdischen Freund Luft. In Leipzig verkehrte Delitzsch ausser mit Julius Fürst auch mit Adolf Jellinek und andern jüdischen Gelehrten, mit denen er freundschaftlichen Umgang pflog. Da konnte man seine Doppelnatur bewundern. Delitzsch verleugnete niemals seinen christlich-lutherischen Standpunkt, seine