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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 321 - 322

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Franz Delitzsch
Date
1913-04-01
Page
Seite 321 - 322 (sequence 3)
Language
German
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321 Dr. Simon Bernfcld: Franz Delitzsch. 322 Neigung zum Pietismus, was zu manchen Reibungen in diesem seltsamen Kreise führte. Aber seine Menschenliebe überbrückte auch diese tiefe Kluft in der religiösen Anschauung und er blieb bis zu seinem Lebensende der warme Freund des jüdischen Volkes, dessen Leidensgeschichte er kannte, und der Verehrer des jüdischen Schrifttums, in dessen Studium er sich vertiefte. Es war zweifellos eine Schwäche von ihm, dass er sich neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten zur Erforschung der Heiligen Schrift mit grossem Eifer auch dem Missionswesen widmete und die Juden zum Christentum bekehren wollte. Diese Arbeit nannte er: „Eine Saat auf Hoffnung". Er war bekanntlich der Begründer des Institutum judaicum, des Delitzschianum, in Leipzig, in dem junge protestantische Theologen für die Missionstätigkeit unter Juden ausgebildet werden. Dass mir diese Art von Proselytenmacherei im höchsten Grade unsympathisch ist, brauche ich wohl hier kaum zu sagen. Und doch muss ich der weit verbreiteten Meinung entgegentreten, dass Franz Delitzsch lediglich zur Förderung der Judenmission dem jüdischen Volke sein warmes Interesse bekundet hätte, um desto wirkungsvoller die missionarische Tätigkeit auszuüben. Sein Eintreten für die Sache der Juden und des Judentums die scharfe Zurückweisung, die alle antisemitischen Verleumdungen durch ihn oft erfuhren, entsprangen seiner Wahrhaftigkeit, die tief in seiner Natur wurzelte. Weil er das jüdische Schrifttum so gut kannte, empörte ihn dessen nichtswürdige Verunglimpfung. Und es war das rein menschliche Mitgefühl für die Angegriffenen und Verfolgten, das ihn zur Feder greifen Hess, um Lüge und Niedertracht zu bekämpfen. In den letzten Jahren seines Lebens ist Delitzsch häufig apologetisch für das Judentum aufgetreten; insbesondere bekämpfte er mit Entschiedenheit und in heiliger Empörung die wiederaufgetauchte Ritualmordlüge, die Rohling vor einem Gericht beschwören wollte. An der Entlarvung dieses katholischen Fanatikers, der Jahrzehnte hindurch sein unheilvolles Wirken hatte fortsetzen können, hatte Delitzsch rühmlichen Anteil. Er ist mannhaft für die Sache der Gerechtigkeit eingetreten, wie es Reuchlin etwa vier Jahrhunderte zuvor in dem bekannten Talmudprozess getan hat. Franz Delitzsch war als Bibelforscher von hervorragender Bedeutung. Zu mehreren biblischen Büchern schrieb er ausführliche und gründliche Kommentare. Sein exegetischer Standpunkt war ein konservativer. Er ging sehr vorsichtig mit dem überlieferten Text um und zeigte sich nicht voreilig in Aenderungsvorschlägen und in Konjekturen. Dies ist in meinen Augen ein grosser Vorzug, wenn sich auch die moderne Bibelforschung in protestantischen Kreisen immer mehr den Emendationshypothesen überlässt. In den bibelexegetischen Schriften Delitzschs ist ein reichhaltiges Material zu finden, das wohl dereinst besser gewürdigt werden dürfte als es jetzt der Fall ist. Mit Dankbarkeit und Verehrung gedenkt die Judenheit eines Mannes, der länger als ein halbes Jahrhundert in der Erforschung des Judentums eifrig tätig war, und der oft mit warmer Liebe für die Sache der Gerechtigkeit gegen Gehässigkeit und Böswilligkeit eingetreten ist. In der Geschichte der Wissenschaft des Judentums nimmt Delitzsch einen ehrenvollen Platz ein, denn er hat vieles selbst geleistet und manches Wertvolle unterstützt und gefördert. Wie er die hebräische Poesie in ihrer ganzen Tiefe verstanden hat, das wird stets unsere Bewunderung finden. Von alters*her pflegten die Juden die „Frommen der Andersgläubigen" zu verehren und sie als unsterblich zu bezeichnen. Franz Delitzsch war gewiss ein frommer Andersgläubiger, dessen Andenken unvergesten bleiben wird. LORD BYRONS HEBRAEISCHE GESAENGE UND DIE TONDICHTER DER ROMANTISCHEN SCHULE. Von Dr. Leopold Hirsch borg;-Berlin. Als der Hof- und Domprediger Franz Theremin zu Berlin im Jahre 1820 als erster eine Uebersetzung von Byrons „Hebrew Melodies" herausgab, hielt er es für unbedingt erforderlich, dieses ungeheuerliche Unternehmen vor seiner Gemeinde ausdrücklich zu verantworten. Mit kalter, spitzfindiger Dialektik spricht er zunächst dem Juden die Möglichkeit ab, das „Rührende in seinem Zustande" empfinden zu können. Die „beispiellose Dumpfheit", in der er lebt, lässt ihn nicht fühlen, wie unendlich „poetisch" die Sehnsucht nach dem ewig verlorenen Vaterlande ist. Erkennt man aus solchen Aeusserungen den salbungsvollen Redner ästhetischer Thees, so entlarvt er sich in seinen weiteren Ausführungen als Tartüffe: „Der Jude lässt es sich am Orte seiner Verbannung, bei den fremden Nationen, von deren Marke er zehrt, ganz wohl seyn." Nur der Christ, indem er von seinem „universalhistorischen" Standpunkte aus das Schicksal des jüdischen Volkes betrachtet, indem er sich den Juden „konstruirt" und ihm die Gefühle des Patriotismus leiht, die in jenem längst untergegangen sind, kann über das Schicksal desselben von einer tiefen „Wehnrath" ergriffen werden. All diese und ähnlichen Behauptungen sind um so dreister, als nur wenige Jahre seit den Freiheitskriegen verflossen waren, in denen die Kugeln der Franzosen von dem Marke der Juden zehrten. Aengstlich besorgt um den Eindruck, den die Uebersetzung hebräischer Gesänge durch einen christlichen Prediger machen könnte, schliesst er: „Ich glaube also auch, indem ich sie übersetzte, mich mit nichts Unchristlichem befasst, noch mich irgend einer Theilnahme für die Juden, die über die Grenzen der schuldigen Nächstenliebe hinausginge, verdächtig gemacht zu

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