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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 317 - 318

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Franz Delitzsch
Date
1913-04-01
Page
Seite 317 - 318 (sequence 1)
Language
German
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317 318 FRANZ DELITZSCH. (Geb. 23. Februar 1813, gest. 4. März 1890.) Von Dr. Simon Bernfeld. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich eine kleine Schar begabter jüdischer Männer zusammengetan, um sich hingebungsvoll der Erforschung des Judentums in der nachbiblischen Zeit zu widmen. Die grosse Welt wusste kaum etwas von dieser emsigen und erfolgreichen Arbeit, mit der keine Aemter und keine Titel verbunden waren, und die unter grossen Opfern aus Liebe zur Wissenschaft geleistet wurde. Die Begründer der Wissenschaft des Judentums hatten sogar mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, da die Zunftgelehrten, die diese Sache doch mehr anging,______________________________ dasnachbiblische Judentum mit Missachtung als wertlosen Plunder oder als „rabbinischen Aberwitz" behandelten. Allerdings hatte es schon seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts christliche, zumeist protestantische Theologen gegeben, die sich über das rabbinische Schrifttum Belehrung zu holen suchten. Manche von ihnen, z. B. der Pastor Theophil Unger, knüpften sogar schriftlich oder mündlich Bekanntschaft mit jüdischen Gelehrten an, um von diesen Auskunft über dies oder jenes im Judentum zu erhalten. Aber als die Wissenschaft des Judentums sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anschickte, sich den ihr gebührenden Platz in der Wissenschaft zu erobern, wurde sie zumeist von der christlichen Theologie als nicht ebenbürtig zurückgewiesen. In jener Zeit schloss sich ein junger lutherischer Theologe, Franz Delitzsch, aus voller Liebe zur Wissenschaft, ich möchte auch sagen, aus edlem menschlichem Interesse, jener Schar jüdischer Männer begeistert an. In Leipzig, wo Franz Delitzsch Theologie studierte, lernte er Julius Fürst kennen, der dort das bescheidene Amt eines Lektors an der Universität bekleidete. Fürst war um acht Jahre älter als Delitzsch; er beherrschte gründlich das jüdische Schrifttum und gehörte zu den besten Kennern des Aramäischen, jenes semitischen Idioms, dessen Erforschung damals bei weitem nicht so viel Interesse fand wie in unserer Zeit. Durch Fürst wurde der junge Delitzsch in das Studium des Franz Delitzsch, nachbiblischen hebräischen Schrifttums eingeführt. Von ihm erfuhr der fleissige und wissbegierige lutherische Theologe, dass es nicht nur eine rabbinische Literatur gibt, von der christliche Gelehrte allerdings schon etwas wussten, sondern auch eine nachbiblische hebräische Poesie, die im Mittelalter sogar ihr goldenes Zeitalter gehabt hat. Und diese hebräische Poesie, die ein unsterbliches Volk von Zeit zu Zeit um Schätze bereicherte, lebt noch immer fort und wird auch in der Gegenwart gepflegt. Franz Delitzsch, der Julius Fürst dankbar als seinen Leh- ____ rer bezeichnete, widmete sich mit grossem Fleiss dem Studium der nachbiblischen hebräischen Poesie und bereits in jüngeren Jahren (im Jahre 1836) veröffentlichte er eine reife wissenschaftliche Arbeit: „Zur Geschichte der jüdischen Poesie vom Abschluss der heiligen Schriften Alten Bundes bis auf die neuere Zeit.'* Diese Schrift hat damals, vor etwa 75 Jahren, in jüdischen wie in christlichen Kreisen das grösste Aufsehen hervorgerufen. Die christliche Welt war von der Tatsache überrascht, dass die hebräische Poesie keineswegs mit dem Abschluss der Bibel aufgehört hatte, und die Juden freuten sich über die Wärme, mit der der junge lutherische Theologe diesen ihm fremden Gegenstand behandelt hatte. „Niemand vermag zu leugnen", bemerkte Delitzsch in der Einleitung, ,,dass das jüdische Volk das denkwürdigste aller Völker ist, dass seine Geschichte und Literatur nächst der kirchlichen die erste und vorzüglichste Beachtung verdient. Die Poesie ist ein grosser Teil dieser kolossalen Literatur-Massen und das treueste Abbild der psychologischen Geschichte dieses Volkes. . . . Die Elegik der Synagoge führt uns die stetige Reihe jener zahllosen Leiden vor die Seele, welche Gott über die Exulanten verhängt hat, ' und die Eindrücke, welche diese Leiden im Herzen der Nation zurückliessen. Der Orient exiliert mitten im Occident; aus den Tränen seines Heimwehs quillt die jüdische Poesie." Schon diese Worte zeigen uns deutlich, mit welcher Liebe sich Delitzsch der Erforschung des Judentums hingegeben hatte;

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