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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 313 - 314

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Noemi und der Ritter
Date
1913-04-01
Page
Seite 313 - 314 (sequence 5)
Language
German
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313 Thekla Skorra: Noemi und der Kitter. 314 ihr Schweigen gebietend, die Hand und legte sie dann Test auf die Schulter seines Kindes. Lange sah er ihr ernst in die braunen mandelförmigen Spaniolenaugen. Nichts fand er darin, das vor den forschenden des Vaters sich hätte verstecken müssen. Da nickte er nur still verstehend. Wusste ja, was es ihn seihst einst gekostet, alle Sehnsucht aus dem Blute der Väter nach Luft, nach Sonne und Freiheit niederzuringen; Taten in Träume umzuwandeln und Leben in Ervverben. Was wussten die anderen hier vom Ghetto! Sie fühlten es längst nicht mehr, denen jeder schmutzige Mauerwinkel darin von Geschlecht zu Geschlecht vertraut, jede grausam ungerechte Bedrückung geduldig ertragenes Gesetz geworden. Gehlendet hätten sie vielleicht die Augen geschlossen, wäre statt des düster gebrochenen Dämmerscheins auf einmal ein volles Licht in ihre Kammer gedrungen. Er aber — er — wie oft, das Messer zum friedlichen Riemenschneiden erhebend, fühlte er es in der Faust zum Degen werden, den noch sein Gross - vatier um den Leib geschnallt; rang, dass er's nicht zücke, alle Unbill der Unterdrücker zu.rächen. Kaum je verliess er das Haus, weil er's nicht ertrug, den infamen, gelben. Judenhut auf den widerspänstigen ivojjf zu drücken. ' Simeon Habakuk verstand sein Kind. So empfahl er nur, als er mit ihr . allein, der Muhme Gitteles, mit doppelter Liebe und .Sorgfalt über das Kind zu wachen. Die arme Muhme Gitteles! sie hatte.stets alle Hände voll zu tun. Da waren die.Vorbereitungen zum Sabbat, mit denen sie schon am Mittwoch begann, da war das Reinigen .und Blanken des .Kiduschbechers, der silbergetriebenen Leuchter, die als einzige Wertstücke in der Zeit der Flucht in die Armseligkeit der neuen Heimat hinübergerettet worden. Die Messummahüchse musste mit Gewürz gefüllt werden; dann das Barchusbacken schon am Donnerstag. Wie sollte sie arme, gehetzte Person da noch Zeit und Augen hernehmen, auf das Mädchen zu passen! Die war doch kein Kind mehr, wusste doch, was recht und schicklich bei Arm und Reich in der ganzen Gass'. "Warum nur war Noemi niemals klug und lustig und gesprächig Avie Esther Feigenbaum? Die hatte gestern abend der Muhme nicht genug erzählen können von des reichen Ben Jüdes Sohn aus Babenberg, der bei ihr Einkäufe gemacht. Wie klug seine schwarzen Aeuglein funkelten, fast wie der Edelstein am Zeigefinger, seiner feisten Hand. Wer dem wohl gefallen könnte! Er hatte auch Noemi gesehen und Esther nach ihr ausgeforscht. Aber. gar nicht den erwarteten Eindruck übte diese Nachricht auf Noemi. Wo doch alle Mädchen im Ghetto unter den gesenkten Lidern ermunternd dem stattlichen reichen Fremden zublinkten; und alle Mütter im stillen die Hände zum Gebet erhoben, der liebe Gott möge sein Wohlgefallen gerade auf ihre Tochter lenken. Dasselbe tat auch Muhme Gitteles. mütterlich und inbrünstig. Ach, da wäre sie gleich die schwere Sorge um das seltsame Kind auf's glücklichste losgeworden. Aber nach einer armen Tifillimmacherstochter würde solch' ein Freiersmann wohl nimmer ausschauen. Weiter blaute der Frühling ins Land,, dass Herz und Sinne sehnsüchtig und des Werdens froh, den Duft mit geblähten Nüstern einsogen, der aus der wiedererwärmten Scholle und den sich belebenden Baumrinden drang. Die Juden aber hatten keinen Teil an der Scholle, ihnen gehörte kein Baum, kein Gras: so standen sie, unbeteiligte Fremdlinge beim Einzug eines siegreichen Landesfürsten, voi des Frühlings Herrscherlust. Noch war der stolze Ritter Georg von Miltenburg in der Stadt. Auf dem Burgberg droben hatte er Wohnung genommen und schaute vom ragenden Söller zuweilen auch hinunter auf die schmutzige Judengasse, der der Fuss seines Berges die Sonne verschattete. Vielleicht sahen seine blauen Falkenaugen dann auch einmal die kleine Noemi, schlank und braun wie die Hirtin Sulamith, versonnen von ihrer Dachaltane ausspähen. Aber das Lied, das jetzt zuweilen ihre schmalen Lippen umzog: ,,Ich bin eine Blume zu Saaron, und bin eine Rose im Tal", drang nicht bis zu ihm hinauf; bis zu ihr hinunter nicht der Hauch heisser Liebesworte, den droben, an sein blondes Haupt gelehnt, Anna Margaretha, des Weinschenken vom nahen Mainhaus üppig rothaarige Tochter, die als seine Geliebte mit ihm auf der Burg hausete, ihm ins Ohr flüsterte; nicht der Schall der Küsse, die sein blonder Bart auf ihre weisse Haut presste. Als dann aber der Tag sich neigte, von der Stadt die Vesperglocke schlug, und von der Zinne des Wächters Hornruf lockend erscholl, war Noemi wieder heimlich zur verschwiegenen Mauerpforte, an diesem erlaubten Wäschetage geöffnet, hinausgeschlüpft. Nicht rechts zur Stadt hinunter, nach links hatte sie sich gewendet, zwischen Mauer und hohem Gesträuch versteckt, höher und höher den Burgberg hinan, als zöge eine unbekannte Macht sie hinauf. Wras sie da wollte? sie wusste es nicht, wusste nicht einmal, dass der Ritter, von dem sie träumte seit jenem Tag, noch droben weilte. Klirren da nicht silberne Sporen über die Steinschütte des Wegs? leichtes Sausen wie Hieb der spielenden Gerte? Lauschend bleibt die Versteckte stehen. Da — plötzlich teilt sich das Gebüsch — ein starker Arm, der eben noch zum Schlag gegen einen vermeintlich auf. Raubwegen schleichenden Fuchs ausholen wollte, hält erschreckt über ihrem Haupte inne. Nach seinem kranken Leibross zu sehn, war der Ritter noch einmal hinunter gestiegen. Da führt ihm der Zufall die seltsame Beute über den Weg. WTas aber tut ein Ritter, dem im Abenddämmer ein kleines Judenmädchen als Freiwild den Burgberg hinanklettert? Ein zartes feines Geschöpf ist's schon, hold und scheu — da schliefst er's natürlich fest in die Arme und küsst es beherzt, und fragt nach keinem Juden- und keinem Christengesetz. Beruhigend, streichelt er das vor Schreck und allerlei rätselvollem Empfinden zitternde Mägdelein, und gibt sie dann frei: „Nun lauf aber geschwind heim, Kleine! Wenn meine Wächter dich finden, könnt dir's bös ergehen."

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