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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 311 - 312

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Noemi und der Ritter
Date
1913-04-01
Page
Seite 311 - 312 (sequence 4)
Language
German
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311 Thekla Skorra: .Noemi und der Ritter. 312 Schon war Noemi nahe genug, den Ritter zu erkennen, der allen voran, auf milchweissem Hengst dahersprengte. Sein Federbarett hob er von dem eigensinnig hochsträub enden BlondscJiopC, schwenkte es grüssend der Stadt entgegen. Auch ihm schien die Frühlingsluft den Kopf heiss zu machen, die Brust unter dem blauen Sammetwams noch breiter zu straffen, dass die Lippen unter dem kräuselnden, blonden Kncbelbart sich öffnen müssen, all ihre Morgenseligkeit in die seidige Frühlingsluft hinauszusingen: ein jubelndes, ein keckfrisches Reiterlied, dringt es bis zu dem verlaufenen Judenkind, das fremd und verwundert in diese Welt der Kraft und Schönheit hineinhorcht; in dem es widerhallt, als würden alle Träume der Voreltern aus versunkener, spanischer Zeit der Freiheit und des Glanzes lebendig in der scheuen Seele des Ghettokindes. Muss es nicht alle Gebote einer knechtseligen Zeit darüber vergessen? Versinken lassen die dunkle Ghettogasse mit allem, was darin von Beschränkung und Bedrückung ihrer harrt V So zieht sie weiter und weiter den Reitern nach, unbemerkt zwischen den gaffenden Christenkindern, auf der schräg sieh absenkenden Mauerböschung der ..Hohen Rossfurt""' in die verbotene Stadt sich schleichend. Noch halte sie niemand bemerkt, und sie konnte hinter dem Mauerpfeiler eines Bogenganges zu dem Marktplatz hin üb erlügen, auf dem jetzt der Tross sieh sammelte; konnte die Ratsherren mit den goldenen Brustketten auf die Freitreppe des inmitten sich erhebenden roten Backsteinraihauses, hinaustreten sehen. Das Schönste aber war, dass sie den Ritter erschauen konnte: Ritter Georg von Miltonburg; dass sie hörte, wie er jetzt dem hohen Rate den Gruss des Kaisers entbot, als dessen Abgesandter er kam. Von neuen Rechten und Freiheiten, in begeisterter Rede kündend, die sein nllergnädigster Lehnsherr den ehrsamen Bürgern dieser getreu lieben, fränkischen Stadtgemeine huldvollst verliehen. Jubelnder Beifall umtost rings den Redner, der nun, das krause, blonde Gewirr aus der Stirn streichend, mit sieghaftem Lächeln um sich blickt. Das kleine verscheuchte Judenkind dort hinten aber hört, als er längst geendet, seine Stimme weiter und weiter klingen, zu immer mächtigeren Akkorden anschwellend, wie Frühlingswind, der über die Berge fährt, und auf seiner .Fahrt zuweilen auch ihre Dachkammer erreicht. Und alle Sehnsucht, die dort oben über ihrem Stickrahmen ihr Mädchenherz umklammert hielt, schien auf einmal sich auszulösen in tausend seligen Tönen, die sie einlullen, verhüllen, dass sie wie in einem unsichtbar machenden Nebel sich sicher genug fühlt, aus dem schützenden Pfeilerversteck hervorzutreten. Alle Scheu der ehrsamen Jungfrau, alle..zehnfache des umhüteten eingezwängten Judenmädchens, schien von ihr gewichen, als gingen von diesen Augen, blau wie der Sammet seines" Wamses, Strahlenfäden aus, sie umstrickend — immer enger — dass sie plötzlich dicht vor ihm, wie der Kecksten eine, dem Ritter die Hand entgegenstrecken musste. — „Wer ist sie?" — „Was will sie hier, die Judenjungfer?" — „Was dankt sie ihm?" — „Euch bat er nichts gebracht vom Kaiser — Ihr bleibt des Reiches Kammerknechte wie zuvor. — Reisst sie zurück, die Freche!" — Ein allgemeiner Tumult erhebt sich. Buben werfen mit Strassenkot nach ihr. Weiber schlagen auf sie ein, und rohe Männerfäuste, unter dem Vorwand, sie davonstossen zu wollen, packen ihre zarten Arme, drängen sich gegen ihre Brust, ihre Hüften. Betäubt von Ekel und Entsetzen steht Noemi, wehrlos allem preisgegeben. Der Ritter aber blickte vermindert in diese reinen Züge, auf ihr seltsam verträumtes Gebahren. — Nein, das war keine Freche, so tat keine Dirne! Das schien wohl ein versonnen Ding, eine erdfremde Blüte, hineingeweht in diese Welt beutegierigen Feilschens und Schacherns; eine Welt nicht weniger profitsüchtig hier draussen in der Marktfreiheit, als drinnen im Zwang des Ghettos. Ruhe gebietend streckte des Kaisers Abgesandter die Hand aus und fasste die zitternde des Mägdeleins: ..Grüss dich Gott, Jungfrau! Ist dein Gott, scheint's, auch ein anderer, wird er doch meinen Gruss nicht verschmähen." Da Hessen sie alle von ihr ab, und nur der brave Erasmus Trauhilf, der Gerbermeister, trat vor, wie schützend neben das Mädchen: „Ist die Tochter des Riemenschneiders Habakuk droben, des Spaniolen. der das Leder zu seinem Gewerbe seit Jahren ehrlich und rechtlich von mir bezieht. Weiss nicht, wie sie dahergelangt? zumal die Juden droben beut' Sabbat haben!"' Ja, wusste denn Noemi selbst, wie sie hergelangt *? Noch, was sie hier wollte? Der Ritter aber entbot dem Gerbermeister, der Kleinen seinen Schutz zu leihen. Unter dem Gefolge der nun wieder ungestört johlenden Menge, die ihr das Kleid zerreissen wollte, schritten sie auf Noemis Bitte zur selben heimlichen Pforte, durch die sie gekommen. Hätten die drüben sie eintreten sehen am Sabbat, kein besserer Empfang wäre ihr bei den Ihren geworden, als bei der feindlichen Christenschar. Jetzt aber hielt das Sabbatmahl sie alle in den Stuben fest, dass die Zurückgekehrte ungesehen in das Haus des Vaters schlüpfen konnte. Der sass bleicher noch als sonst, stumm neben der händeringenden Muhme. Esther Feigenbaum war dagewesen, hatte von Noemis rätselhaftem Benehmen erzählt und klug gewarnt, nicht etwa*durch Suchen die Aufmerksamkeit der Frommen auf des Mädchens Fehltritt zu lenken. Sie werde sicher bald heimkehren, müsse wohl krank sein, die Arme, dass solch ein Verlangen nach frischer Luft sie erfassen konnte. Die zwei am Tisch, die noch keinen Bissen hatten essen, mögen, atmeten befreit auf — aber erschreckt fuhren sie zurück: wie sah das Kind aus, das da eintrat in den reinliehen Sabbatfrieden der Stube? Das Gewand in- Fetzen, sie selbst kotbespritzt von den Armen bis zu den Schuhen. Mit entsetzten Fragen wollte Miüime Gitteles zeternd auf sie eindringen. Simeon Habakuk hob.

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