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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 315 - 316

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Noemi und der Ritter
Date
1913-04-01
Page
Seite 315 - 316 (sequence 6)
Language
German
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315 Thekla Skorra: Noemi und der Ritter. 316 In Noemi aber wuchs alle angstvolle Glückseligkeit und alles nie geahnte Verlangen jener' Stunde, von ihrem Kopf unbegriffen, zu immer herzberausch ender er Woge an. Das Blut der Ahnen, das in Jahrhunderten des Glücks die Sonne Spaniens erhitzt, suchte vergeblich nach einem Ausweg. Und morgen schon sollte der Ritter die Stadt verlassen. Die Kammervogtin hat es arglos vor ihr der Muhme berichtet. Davon — er? Ach, dann wird die Gasse hier wieder dunkel und trostlos wie zuvor daliegen; dann wird der Anger nicht mehr grün sein und kein Veilchenduft mehr über die Mauer weh'n. In hilflosem Weh krampft ihr Herz sich zusammen. Ach, dass sie ihm nachziehen dürfte! mit ihm in eine lockende Welt, wenn auch voller Tücke und Gefahren. Dass des Vaters Herz brechen, dass Juden, wie Christen sie verfluchen, verfolgen würden — warum nur? warum denn? es war ja alles so selbstverständlich, das einfachste Ding von der Erd'. Wie erhebt sich ihr sehnsüchtiges Herz im Augenblick um jenen einen, da sie an seiner Brust liegen durfte, hinweg über eine Welt, starrend voll feindseliger Unmöglichkeiten, hinweg über ihn selbst und sein eigenes Wesen. Und morgen schon? fort —vorbei?! Aber sehen, ihn sehen wenigstens — noch einmal! Ist ja Frühlingsmarkt heute; draussen auf dem Anger ist auch den Juden der Zutritt im Handel"und Wandel allergnädigst verstattet worden. Vielleicht, dass auch ,,Er<£ hinuntersteigt. Noemi denkt nicht daran, ihr Festgewand anzulegen, wie die Anderen für den Besuch des Marktes pflegen. Schmucklos, im grauen Hänger, wie sie an der Arbeit gesessen, rennt sie davon, gejagt, als könne in einer Stunde schon alles zu spät sein. Und da •— gerad' wie sie aus dem Tor in die feilschende Budenstadt hinaustritt, nicht achtend, dass Esther Feigenbaum ihr von drüben eifrig zuwinkt, etwas sehr Interessantes ihr berichten zu wollen scheint--da schreitet den Burgberg hinab: Ritter Georg von Miltenberg, — dem Markte zu; anzuschaun wie Sonnenleuchten und Jugendkraft, umstrahlt, es ihn, blitzt aus seinen lachenden Blauaugen über die ehrfürchtig zur Seite weichende Menge. Noemi aber weiss nur, dass er morgen nicht mehr da sein wird; weiss nur, dass es selig war, an seinem Herzen zu liegen, seinen Kuss zu fühlen. Wo ist der Markt und sein Getümmel? wo die Stadt mit der Burg droben und der dunklen Jndengasse darunter? — Vergessen, versunken alles — alles! ,,Ein einzig Mal noch nimm mich an dein Herz!" 1 raumwandelnd breitet sie dicht vor ihm die Arme aus, öffnet ihren süssen Kindermund ihm entgegen. Aus ihren braunen Spaniolenaugen strahlt in Gluten urewiger Liebeskraft des Weibes, nicht gebunden an Basse und Volk, nicht beengt von Frohnvesten und Mauern der Zeit: „Weil ich dich hebe, nimm mich hin!" Hat die berauschte Törin die Frauengestalt nicht gesehn? Dicht hinter ihm,, an hochragendem Wuchs fast ihm gleich, im seidenen Schleppgewand, gekleidet in blau und rote Farben, wie sie nur den Freien gestattet, allem Judenvolk aber verboten, Goldketten um das flammende Rothaar gewunden, lachend und glücklich wie er: des Mainschenken Tochter Anna Margaretha! Weiss die kleine Närrin allein nicht, dass das Ritter Georgs öffentlich anerkannte Geliebte ist? Zu der wendet sich jetzt der Ritter, Noemis sieh breitende Arme zur Seite stossend, mit lachendem Spott: ,,Seht, Traute, die feile Judendirne! Was solch ein Tag in Marktfreiheit doch Erstaunliches bringt."' Und über die Menge hin: ,,Schafft die Zudringliche beiseite. Auf! wer kennt sie hier?" Nicht hätt's dieser Aufforderung bedurft. Von allen Seiten dringt es, schmäht es, spottet es auf Noemi ein, als hätten alle Fäuste sich verdoppelt, alle Lästermäuler sich verzehnfacht. Vorwärts drängt man sie, die mit schwindenden Sinnen die Mauer zu erreichen strebt. Esther Feigenbaum drüben hat die Gefahr gesehn, will zu ihr, ihr zu Hilfe — man lässt sie nicht, jagt sie fort. Ein Regen von faulenden Früchten, die kichernde, johlende Buben und Mädchen aus Abfallhaufen neben den Buden auflesen, überschüttet ihr braunes Haupt, klebt sich an Wange und Brust. Aber da — auch die? Frauen der Juden, Mädchen, gekleidet wie sie selbst, — ins Antlitz speien sie flu*, aufs Gewand — ,,warum nur ihr? ihr Eigenen? was denn tat ich euch?" In spitzen, gelben Judenhüten Männer ihres Volkes, Knaben in braunem Ivaftan, warum? Nach Steinen gar greifen sie jetzt, die am Wegrand aufgeschichtet: wehe! Nach ihr zielen sie: „Dirne, feile, du Schändlichste in Israel, Auswurf Gemorrhas!" — Warum nur, warum?--- WTo aner war Simeon Habakuk, der stolze Spaniole? Wo die besorgte Muhme Gitteles, ihr verirrtes Kind zu schützen?-- Ach — der gute Gott hatte ja der Muhme mütterliches Gebet erhört. Bevor auch er den Markt aufzusuchen ging, war des reichen Ben Jüdes stattlicher Sohn zu Simeon Habakuk eingetreten, ihn um die Hand seiner holdseligen Tochter Noemi zu bitten, worauf der Brautwerber den glücklichen Vater und die Muhme schon seit zwei Tagen vorbereitet. Sicher und geborgen glaubten sie ihr Kind in stillem Fleiss in seiner Kammer droben. Erst wenn alles zu Glück und Segen geordnet, wollten sie sie herunterholen, ihre Noemi — ihr Glückskind mm!. — Während drinnen in der dämmerigen Stube das Auge des Vaters sich gen Himmel hob in heissem Dank für das geborgene Los seines Teuersten, und der Muhme Freudentränen die Haubenbänder netzten, floss draussen das Herzblut ihres Kindes, vom Steinwurf des rohen Schlächtersohnes Itzak zu Tod getroffen, auf den grünen Anger; zuckten die Lippen in schmerzlich-staunendem Stammeln vor dem Erblassen noch einmal auf: „Vater?! Lieber Vater?!" Und man wusste nicht, galt es dem auf Erden, oder jenem unerforschlichen im Himmel?

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