Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Die Emanzipation der Juden in Preußen
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 295 - 296 (sequence 3)
- Language
- German
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295 Felix Hallo: Die Emanzipation der Juden in Preussen. 296 Schroetter, der im Jahre 1795 als Chef des ostpreussischen Provinzialdepartements in das Gcneraldirektorium eingetreten war, >var von Hause aus ein leidenschaftlicher Gegner der Juden. Es ist nicht zu bezweifeln., dass die Gegnerschaft eine durchaus ehrliche, dass er von der Schädlichkeit der Juden durchdrungen war, und dass er mit seiner Politik, die ihm selbst in Regierungskreisen, den Namen eines — Hamann der Juden eintrug, dem Staatswohl zu dienen glaubte, bis auch ihm endlich die Ueberzeugung sich erschloss, dass mit dem alten Mittel das Uebcl nicht zu bannen sei und man. nur durch eine völlige Umkehr von dem bisherigen Wege zu gesunden Verhältnissen gelangen könne. Nachdem er sich über die Judengesetzgebung der Nachbarstaaten informiert hatte, nachdem er in der wichtigsten Vorfrage für eine Emanzipation, nämlich der Eignung der Juden zum Militärdienste, zu der Ueberzeugung ihrer vollkommenen Befähigung gelangt war, arbeitete er mit Zustimmung des Königs einen Gesetzentwarf ans, der die mit Schutzbriefen und Konzessionen versehenen Juden zu preussischen Staatsbürgern machen wollte und ihnen grundsätzlich gleiche Rechte und Pflichten mit den Christen zugestand und auferlegte. Voraussetzung für che Aufnahme in den Staatsverband war die Annahme fester Familiennamen, die Führung der Handelsbücher in lebender Sprache und deutscher oder lateinischer Schrift. Und die Annahme deutscher Kleidung und Barttracht. Sodann aber war der Grundsatz der Gleichberechtigung durch zahlreiche Ausnahmebestimmungen durchbrochen, so waren Beschränkungen wegen der Zulassung zu den Staatsämtern sowie hinsichtlich des Erwerbes gewisser landwirtschaftlicher Grundstücke und der Ausübung verschiedener ländlicher Gewerbe vorgesehen. Alle diese Beschränkungen aber waren nur als Übergangsbestimmungen gedacht, um den nachteiligen Folgen eines allzu schnellen Systeinwechsels vorzubeugen. Die Einleitung der Judenemanzipation war die letzte ministerielle Tätigkeit Schroetters, bei der Neuorganisation der obersten Behörden im Dezember 1S0S schied er aus seinem Amte. In welch ungewöl i n I icl i e m Masse ihn das Zustandekommen des E m an z i patio n sgese tzes bewegte, geht «ans einem Briefe Schroetters an Friedrich Wilhelm H l. hervor, in dem er nach seinem Rücktritt dem Könige die Reform des Judenwesens auf das dringlichste ans Herzlegt e: ..Ich wünschte/' so schreibt Schroetter. ,,dass die Arbeit der Wichtigkeit des Gegenstandes irgend wert KEfllXA YirXDLAK wäre. Da ich so äusserst viel mit der jüdischen Nation zu tun gehabt habe, so bin ich der ernsten und gewissenhaften Ueberzeugung, dass Euer Königliche Majestät sie nicht in der Lage lassen können, in der sie sich jetzt befinden, ohne nicht Höchst Dero eigen Interessen, dem Interesse der Nation und selbst dem Interesse der Menschheit wehe zu tun. Statt dessen würde es weit besser sein, die ganze jüdische Nation aus dem Staate zu verbannen, als einen kleinen Staat im Staate zu dulden, den man von allen Seiten gesetzmüssig und gewaltsam zusammenpresst, ihm dadurch eine nähere und weitere Vereinigung und vermöge so vieler ihnen zu Gebote stehender moralischer als physischer Hilfsmittel,, eine Spannkraft gibt, mit der dieser kleine Staat auf allen Seiten die ihm gesetzten Schranken teils zu überschreiten, teils zu zerbrechen weiss. Vielleicht ist Euer Königliche Majestät auch in dieser Partie der inneren Staatseinrichtung der Ruhm vorbehalten, das noch geleistet zu haben, wo so viele Nationen jetzt zu leisten wünschen, indes noch immer die eigentlichen Mittel hierzu verfehlt zu haben scheinen."*) Die Angelegenheiten der Juden gingen nach dem Ausscheiden des Freiherrn von Schroetter auf den Minister Grafen zu Dohna über. Graf Dohna' holte über den Schroetterschen Entwurf die Gutachten sämtlicher Sektionen der obersten Behörden ein. Zwei dieser Rückäusserungen interessieren uns wegen ihrer grosszügigen Auffassung des Problems. Zunächst das Referat Wilhelm v. Humboldts, das er als Leiter der Kultussektion erstattete. Humboldt trat für die völlige und zwar sofortige bürgerliche Gleichstellung der Juden ein. Die Befürchtung, dass die plötzliche Verleihung aller Rechte an die Juden ein gefährlicher Sprung sei, vermag er nicht zu teilen. Bedenklich sei nur der Uebergang von einem u n - natürliche n Zustand in andere unter Ueberspringung des natürlichen. „Wer vom Knecht zum Herrn wird, der macht einen Sprung: denn Herren und Knechte sind ungewöhnliche Erscheinungen. Aber wem man bloss die Hände losbindet, die erst gefesselt waren, der komn 11 nur dahin, wo alle Menschen von selbst sind." Weniger philosophisch. aber nicht weniger entschieden, sondern mit einem durch die mili- *) Diese Worte eines erfahrenen Staatsmannes am Ende seiner politischen Laufbahn, haben allgemeine Bedeutung und Gültigkeit. Nur auf dem gleichen Wege wird Russland dereinst die grosse Aufgabe der Emanzipation der Millionen Juden, che diesem Reiche, trotz aller Ah- \va nderungen verbleiben werden, zu lösen vermögen. Der Talmudist.