Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Die Emanzipation der Juden in Preußen
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 293 - 294 (sequence 2)
- Language
- German
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293 Felix Halle: Die Emanzipation der Juden in Preussen. 294 EEGIXA MUXDLAK. Lachende Kinder. PARIS. machen. Von Friedrich dem Grossen hatten sie seiner ganzen Politik nach eine solche Reform nicht zu erwarten. Nach seinem Tode aber schien ihnen der Zeitpunkt gekommen, eine Aenderimg ihrer Verfassung mit Erfolg anzustreben. So schnell aber, wie sie gehofft, sollten sich die Wünsche der preussischen Juden nach Verbesserung ihrer Rechtslage nicht erfüllen. Drei Reformversuehc wurden in den beiden folgenden Jahrzehnten unternommen, alle drei führten in der Hauptsache zu keinem Ergebnis. Noch waren die historisch gewordenen Gegensätze und die daraus resultierenden Widerstände zu mächtig, um einen Ausgleich der Interessen zu ermöglichen. Wohl erkannte man die Unvollkommenheit der bestehenden Judengesetzgebung, aber man war nicht gewillt, das Uebel an der Wurzel anzufassen. In dem ersten Teil seiner Darstellung berichtet Dr. Freund über diese Reformversuche. Der Hauptteil seines Werkes enthält die Geschichte des Ediktes vom 11. März 1812. — Die Katastrophe von 1806/07, welche für das ganze innere Leben Preussens von geradezu revolutionärer Bedeutung war, brachte auch die Wendung in der Judenpolitik des Preussischen Staates. Die Notwendigkeit einer Reform des gesamten Staatswesens mit aller Klarheit erfasst und mit ihrer Verwirklichung energisch und bewusst begonnen zu haben, ist das unvergängliche Verdienst des Freiherrn vom Stein. ,,Es kam darauf an" — so fasst es Stein ,,in seinem politischen Testamente" sein Werk, zusammen — ,,die Disharmonie, die im Volke stattfindet, aufzuheben, den Kampf der Stände, der uns unglücklich machte, zu vernichten, gesetzlich die Möglichkeit aufzustellen, dass jeder im Volke seine Kräfte frei in moralischer' Richtung entwickeln könne. Der letzte Rest der Sklaverei, die Erbuntertänigkeit, ist vernichtet und der unerschütterliche Pfeiler jedes Thrones, der Wille freier Menschen, ist gegründet. Das unbeschränkte Recht zum Erwerbe des Grundeigentums ist proklamiert, die Städte sind mündig erklärt." Stein selbst streifte in seinem Reformwerk die Judenfrage nur flüchtig, indem die Städteordnung (§ 19) die Erlangung des Bürgerrechts unabhängig machte von Stand, Geburt und Religion und den Juden grundsätzlich das Bürgerrecht zuerkannte. Der Mann, an dessen Namen die Einleitung eine umfassende Neugestaltung der Verhältnisse sich knüpft, ist ein Mitarbeiter Steins, Staatsminister Freiherr von Schroetter. Dass gerade dieser es gewesen, von dem der erste Schritt zur Emanzipation der Juden geschehen, ist besonders interessant, weil hier an einem markanten Beispiel sich die tiefgehende Wandlung zeigt, die Preussens Staatsmänner in jener Zeit durchgemacht.