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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 285 - 286

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Geld und Gott
Date
1913-04-01
Page
Seite 285 - 286 (sequence 3)
Language
German
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285 Binjamin Segel: Geld und Gott. 286 auf sich nehmen könne, um den Namen Indras oder Zeus' „zu heiligen"', wie es der Jude tat und auch alle Zeiten hindurch zu tun nicht aufhören wird. Denn sterben, und noch dazu mit einem Dankgebet, mit Gesang auf den Lippen, kann man doch nur für einen, den man liebt, mehr liebt, als sein bisschen armseliges Leben liienieden. Und mit was für Stimmungen sie das taten, das lehrt uns am besten der Psalm 44, der von späteren ähnlichen Liedern wohl an Reichtum des Gefühls und Bewegtheit der Farben, aber nicht an Kraft übertroffen wurde: ,,Du, du hast uns verlassen und beschämt und ziehst nicht aus mit unsern Armeen. Vor dem Feind lässest du uns zurückweichen, die Hasser dürfen plündern nach Herzenslust. Wie Schafe wirfst du uns zum Frass hin, unter die Völker hast du uns verstreut. Für ein Nichts hast du dein Volk verkauft, gar wenig für es gefordert. Zur Schmach unter unsern Nachbarn lässest du uns Averden, zum Gespött unserer Umgebung. . . . All das ist über uns gekommen, aber vergessen haben wir dich nicht, und deinen Bund nicht verleugnet. Unser Herz ist nicht zurückgewichen, unser Schritt von deinem Pfad nicht abgetreten. In die Behausung von Schlangen hast du uns Verstössen und Todesschatten über uns gebreitet. Haben wir gleichwohl etwa des Namens unseres Gottes vergessen und unsere Hände zu einem fremden Gott ausgestreckt? Das möge Gott selbst beurteilen, denn er kennt die Geheimnisse des Herzens. Für dich lassen wir uns den ganzen Tag töten und erachten uns gleich Schlachttieren. Erwache, warum schläfst du! Ewiger, erwache, verlass uns nicht au f immer. Warum verbirgst du dein Antlitz, vergissest unsre Pein und Not? Steh auf und hilf uns und erlöse uns um deiner Gnade willen." Das sind nicht winselnde Sklaven, die vor einem orientalischen Despoten auf dem Bauch liegen. Das sind Männer, die ihren Wert kennen.2) Sie sind überzeugt, von Gott Recht und Gerechtigkeit fordern zu dürfen, weil er der Gott der Gerechtigkeit ist. Vom bittern Sarkasmus geht ihr Ton in hingebungsvolle, vertrauende Demut über. Trotzig bekennen sie der ganzen Welt gegenüber ihren Gott, und erhobenen Hauptes rühmen sie sich vor Gott ihrer Treue, ohne aber am Ende viel Wesens aus ihr zu machen, denn schliesslich soll er sie ,,nur um seiner Gnade willen erlösen". Ist das der Ausdruck eines Kontraktes auf der Basis do ut des? Und noch auf einen Punkt muss bei dieser Gelegenheit aufmerksam gemacht werden: es wurde gesagt» dass das Verhältnis Israels zu Gott unter dem Bilde eines Ehebundes angeschaut wurde. Dies wird sogar täglich beim Anlegen der Thephillin durch die Um- 2) Damit ist auch eins neuste Geschwätz des Herrn Max Maurcnbrecher erledigt, der wohl unter allen, die über jüdische Religionsgeschichte und -Psychologie schreiben, zu den seichtesten und unwissendsten gehört. wicklung der Rezuah um den Mittelfinger der Linken gleich einem Ehering symbolisiert, wobei der charakteristische Vers aus Hosea gesprochen wird: ,,Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an durch Gerechtigkeit und Recht, durch Liebe und Barmherzigkeit; ich traue dich mir an in Treue, und du (fem.) wirst Gott erkennen." Gleichwohl hat diese Vorstellung nie eine Abbiegimg ins Sinnlich-Erotische erfahren. Es ist f ür den Folkloristen interessant, class diese Vorstellung in der primitiven Volkspoesie der Juden ihre naiv-fröhliche, man möchte sagen humoristisch-herzliche Abspiegelung gefunden hat: bekannt ist die sogenannte Ketubbah zwischen Gott und Israel, die im Volke in vielen Versionen kursiert. AI) er so etwas wie der ,,Seelenbräutigam" und das „wunnesame Jesulein", die Marienlyrik, oder die jeden Kenner wohlbekannten Ergüsse katholischer und protestantischer sogenannter Mystiker, bei deren Lektüre man bisweilen Ausschnitte aus einer Pariser Novelle vor sich zu haben glaubt, — das konnte im Judentum nie aufkommen. Stimmungen,wie z. B.Murillo sie in seinem hl. Antonius von Padua — nebenbei gesagt, einem der schönsten Bilder der Welt! — festgehalten hat, hatten bei uns keinen Raum. Jene scharfe, feine Linie, wo die religiöse Exstase in sinnliche Geilheit einerseits oder sadistische und masochistische Grausamkeit andererseits übergeht,3) ist im Judentum nie überschritten worden. An schüchternen Anläufen hierzu hat es auch bei uns nicht gefehlt, namentlich im 16. und 17. Jahrhundert, als die mystische Schwärmerei überhand nahm. Aber alledieseAnläufewurden von denRabbinen, und gerade von solchen, die selber im Banne der Mystik standen, mit so viel Energie und Rücksichtslosigkeit wie Klugheit und feinem Verständnis im Keime erstickt, dass sie keinen nennenswerten Schaden stiften konnten. (Die Anhänger des Sabbathai Zevi und des Jakob Frank wurden ausgestossen, als ihre religiösen Schwärmereien in Lüsternheit übergingen.) Diese Tatsache hat ihren Grund darin, dass der jüdische Gottesbegriff vom Urbeginn rein geistig, streng übersinnlich gefasst wrorden ist. Die ganze Energie und die ganze Kraft der Lehrer wurde zusammengefasst und auf diesen Punkt konzentriert: die Gottheit als absolut über alle Sinne, über alles durch die Sinne Wahrnehmbare, als rein geistig, übermenschlieh und überweltlich zu begreifen, so dass es absolut ausgeschlossen wrar, dass die Liebe zu ihr, bei aller Glut und Hingebung, animalische Triebe rege zu machen, sinnliche Begierden zu erwecken vermocht hätte. Diesem grossen Gedanken wurde der natürliche plastische Trieb, der Drang zur bildlichen Darstellung der Dinge geopfert. Wir sind bis auf die neueste Zeit, unserem rein geistigen Gottesbegriff zuliebe, ein 3) Man denke an die unio mystica einerseits iind den Flagellantismus und die verwandten Erscheinungen andererseits.

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