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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 283 - 284

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Geld und Gott
Date
1913-04-01
Page
Seite 283 - 284 (sequence 2)
Language
German
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283 Biujaiiün Sögel: Geld und Gott. 284 Resultat musste endlich das menschliche Nachdenken über den Kosmos von seiher logischerweise gelangen. Aber dass diese einig-einzige Urkraft eine lebendige Persönlichkeit ist, die man lieben, der man sich in Vertrauen und Hoffnung selbstlos hingeben kann, das hat das Judentum zuerst der Welt verkündet. Es ist ja ganz verfehlt, zu meinen, dass das jüdische Glaubensbekenntnis sich in dem Verse erschöpfe: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." Jeder kleine Juden junge weiss, dass dazu auch das nachfolgende Kapitel untrennbar gehört, welches lautet: ,,Und du wirst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Innigkeit" und so weiter. Und schon in ältester talmudischer Zeit interpretierte man dieses Bekenntnis folgendermassen: mit ganzem Herzen, das heisst, mit beiden Trieben des Herzens, dem altruistischen sowie dem Lusttrieb; mit ganzer Seele, das heisst, auch wenn Gott dir die Seele nimmt (dich sterben lässt, oder Leid über dich verhängt). An die Todesbereitschaft für Gott muss man auch denken beim Aussprechen des Wörtchens „echad", weshalb dessen letzte Silbe verlängert wird. Ausserhalb des Judentums ist die griechische Philosophie und innerhalb dieser Aristoteles, PJatos Gedanken hierin konsequent entwickelnd, dem jüdischen Gottesbegriff am nächsten gekommen, weshalb denn auch die Juden der griechischen Philosophie so zuneigten und insbesondere diesen beiden Denkern* fast religiöse Ehren zollten. Aber dem Aristoteles war der Monotheismus nur die beste Erklärung des Weltgeschehens und liess sich am bequemsten mit seinem gereiften Denken vereinen. Dass man aber Gott lieben oder von ihm geliebt werden könnte, kam ihm, wie er selber sagt, absurd, ja unziemlich (ä'-oxov) vor.1) Zwischen Göttern und Menschen könne keine Liebe und Gegenliebe bestehen, und es wäre ungeziemend, wenn einer sagte, er liebe Zeus. So dachte und empfand einer der grössten heidnischen Geister. Und nun vergleiche man damit die angeführten jüdischen Gebete, um die ganze Kluft zu ermessen, die die beiden Weltgefühle trennt. Freilich war der Monotheismus die unerlässliche Voraussetzung der jüdischen Theophilie. Denn wenn x) Der Passus ist so charakteristisch, dass er hiev im Wortlaut wiedergegeben werden muss: r/;v y).p cptXtav sv-cuD-a cpaiisv stvczi ob saxiv ~b av-lcp&sioftai, rtoz ^po; frsov toikia oö-zz av-lcpiXitofrat or/^-ca o:ffl 6\a>q, to cpdstv, a'-o~ov fap «v strj st nie, cpatVj cptXstv tov Ata. Magnorum Moralium II 11, ed. Suscmihl, Leipzig. Teubner S. 85. — In der lateinischen Ucbersetzung, III. Band der von der Preussischen Akademie besorgten grossen Ausgabe des Aristoteles. „Opera A. Jatine interpretibus variis1,1, S. 604a lautet der Satz: Amicitiam nanque hic esse dieimus ubi. nmor muttius: at erga deum amicitia neutique nintiia. et ne amor quidem suseipit. aliemmi nanque fuerit si quisquam dixerit sc Jovein ainarc. ich zehn Väter habe, die noch dazu, wie in Indien und Griechenland, einander die gröbsten Injurien an den Kopf schleudern, sich die Weiber abjagen und gegeneinander intrigieren, so kann ich keinen von ihnen lieben. Zuerst musste die Erkenntnis oder Offenbarung kommen, dass es nur einen einig-einzigen Gott geben kann, dann erst konnte die kindliche, hingebungsvolle, vertrauende,, nichts, nur ihn allein verlangende Liebe erblühen. Wäre die jüdische Religion beim Monotheismus allein stehen geblieben, dann hätte Paul de Lagarde recht mit seiner Behauptung, die Lehre von der Einheit Gottes sei jeden religiösen Wertes bar. ,,Der Monotheismus," sagte er in seiner platten ihm geistreich dünkenden Art, ,,hat aber mit der Religion in Wahrheit nichts mehr zu tun, als das Wissen um die Einwohnerzahl Deutschlands mit dem deutschen Patriotismus zu tun hat." Oder: ,,Der Monotheismus der Juden steht auf einer Stufe mit dem Berichte eines zur Intendantur kommandierten Unteroffiziers, der das Dasein von nur einem Exemplar irgendeines Gegenstandes meldet." Ja, ab er der Unteroffizier liebt diesen einzigen Gegenstand gar nicht, er ist ihm vollkommen gleichgültig, geschweige, dass er sich für ihn töten Hesse. Der ,,tiefe und grosse" Chamberlain dekretiert: „Die Arithmetik hat mit der Religion nichts zu tun." Diese Weisen übersehen nur, dass diese Arithmetik, Avelche die absolute Eins herausbrachte, jenen starken und bedeutungsvollen Umschwung im Gefühlsleben möglich machte, der den Monotheismus zur Grundlage aller Religion der Kulturmenschheit werden liess, — ein Prozess, der übrigens noch lange nicht vollendet ist. Alle die zahlreichen, so ungeheuer gründlichen Werke, in denen mit Hilfe der Ethnologie, der Urgeschichte, der Psychologie, der Philologie, der Erkenntnistheorie die „semitische Religion"' erklärt und dargestellt wird (vorausgesetzt, dass es eine solche überhaupt je gegeben hat), geben uns über das Judentum gerade soviel Auskunft, wie z. B. das Goethehaus in Frankfurt über Goethes Dichtungen. Was für ein Zusammenhang besteht zwischen dem Erlkönig, Ueber allen Gipfeln, dem Gott und der Bajadere oder dem Faust und all dem Zinngeschirr und den sonstigen ehrwürdigen Utensilien, die dort aufbewahrt werden und die vor 160 Jahren in jedem „besseren" Bürgerliause zu Frankfurt ebenfalls vorhanden waren? Was geht mich all das Gerumpel an, welches die flachbrüstigen, bädeckerbewaffenten Engländerinnen so sehr beschnüffeln, als würde ihnen dadurch der Genius des Dichters offenbar? ... Und wie die Juden zuerst die Liebe Gottes in die Welt gebracht haben, so waren sie es, die die Idee des Martyriums geschaffen. (Dass der Jude aber auch für das ausserjüdische Martyrium Sinn und Verständnis hatte, beweist das 4. Buch des Kusari wohl am allerbesten.) Keinem Inder und keinem Griechen wäre es je eingefallen, dass man Qualen,Leiden undTod

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