Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Von Kiew bis Alexandrowo
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 239 - 240 (sequence 4)
- Language
- German
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239 -Seh. Gorclik: Von Kiew bis Alexandrowo. 240 schlagenheit und FrecJilieit aufbieten. Oft sieht man da, wie ein kleiner, magerer, verwachsener, aber flinker Judenjunge sich hartnäckig an die Rockschösse eines baumlangen, robusten, aber phlegmatischen Bauers klammert, der sich von ihm loszumachen sucht. Vergebens: der Judenjunge geht als Sieger aus - dem Ringkampfe hervor, der Bauer muss klein beigeben und ihm in den Laden folgen. Doch ist es wahrlich kein leichtes Brot — diese ewige Jagd auf den Kunden den ganzen lieben Tag, in Schriee und Regen oder bei sengender Glut. Zeigt sich weit und breit keine Menschenseele, aus der ein Kunde gemacht werden könnte, so verlassen die Kommis ihre Standorte, bilden kleinere und grössere Gruppen und unterhalten sieh in ihrem eigenen Jargon, ihrer Fachsprache, die kein fremdes Ohr zu erfassen vermag, machen sich über ihre Chefs und über die Kundschaft lustig, sprechen über die strenge Polizei, oder über die Grossstadt da droben am Berge. Podol, das dem Kataster nach zu Kiew gehört, hält sich nämlich nichtsdestoweniger für eine ganz selbständige Ortschaft mit ihrem eigenen Stil. Mit Recht. Hier heimelt einen die Provinz an. Hinter der Zentralstrasse, in der sich der Handel konzentriert, liegen Gassen und Gässchen, mit lauter einstöckigen Häusern, manche von einem kleinen Gärtchen umrahmt, oder durch einen mit verkrüppelten Bäumen besetzten, wildwachsenden Rasen von einander getrennt, wo krausköpfige jüdische Kinder herumtollen und mit den dort weidenden weissen Ziegen ihr Spiel treiben. In schwülen Sommernächten strömt Jung und Alt aus den einstöckigen Häusern heraus, lassen sich ungeniert in blossen Hemdärmeln an den Türschwellen nieder und debattieren lebhaft. Das Ganze atmet echte, unverfälschte jüdische Kleinstadt. Dem Brautpaar, das da Arm in Arm vorbeispaziei't, sieht man schon von weitem die Provinz an. Es fehlt die Keckheit und Ausgelassenheit der Grossstadt. Sie gehen still und verschämt nebeneinander her, e r trägt etwas protzenhaft seine goldene Kette zur Schau, die er von seinem Schwiegervater in spe bekommen hat, s i e birgt in ihrem Herzen alle Träume einer jüdischen züchtigen Braut, Geheimnisse, die sie selbst ihren vertrautesten Freundinnen nicht zu enthüllen vermöchte. Da kommen zwei Jünglinge des Weges einher. Beide haben Zwicker an und tragen schwer an den vielen grossen und kleinen ■Büchern, die sie mit sich schleppen. Das sind die Gründer der jüdischen Bibliothek, die jüdischen Kulturträger des Podol, grenzenlose Phantasten, hochbegeisterte Nationalisten. Bald zeigt sich auch das Dienstmädchen, mit einem frischgeschlachteten, noch blutenden Hahn in der Hand, der soeben beim Schachtel' sein Leben gelassen hat. Endlich kommen, um das Bild der jüdischen Kleinstadt zu vervollständigen, zwei jüdische Greise aus dem Bet-Hamidrasch. Sie sind ganz in ihr hochwichtiges Gespräch vertieft, ein Gespräch, das sich gewiss nicht um das naheliegende, rauschende, sündhafte, moderne Babel, nicht um die Grossstadt Kiew dreht, vielmehrum jenes Babel von vor zweitausend Jahren, um jene berühmten jüdischen Lehrhäuser Sura und Purnpaditha .... Damit ist aber die Charakteristik des Podols noch keineswegs erschöpft. Podol, das im Tale, wenn man so sagen darf, Kiew zu Füssen liegt, bildet dessen Abzugskanal, wohin zugleich mit dem geschmolzenen Schnee, Kehricht und schmutzigen Wasser auch' "schmutziges Mehsch'enmateriäT beruht errieselt. In Podol, am Ufer des Dnjepr, konzentriert sich in Spelunken, Nachtasylen und ähnlichen Behausungen jen-e Bevölkerung, die man als „Barfüssler", „Hooligans" oder idealisierend als ,,diegewesenen Menschen" bezeichnet, mit den roten Nasen, den aufgedunsenen Gesichtern und den hervorgequollenen Augen, mit schmutzigen Fetzen an ihren Leibern und zerrissenem Schuhwerk an ihren Füssen, aus dem zuweilen ein roter Strumpf, zuweilen die blossen schmutzigen Zehen hervorlugen. Bei Tag irren sie ziellos in den Strassen herum oder umstehen die Reichsschenken (Monopolki), in der Nacht aber entfalten sie ihre Tätigkeit, und mancher verzweifelte Hilferuf durchschneidet da vergebens die Luft. Diese Individuen umzingeln ununterbrochen die jüdischen Gassen im Podol. Von hier aus pflegen die schauerlichen Ereignisse ihren Anfang zu nehmen. Von hier geht die Parole: Plündert und mordet sie! aus und dringt höher, höher bergan, hinauf bis zum Kreschtschatik. Wenn in Kreschtschatik die ersten Scheiben klirrend zur Erde fallen, ist in Podol die Ordnung schon längst wiederhergestellt und das jüdische Viertel dem Boden gleich gemacht. Ich muss jedesmal daran denken, wenn ich am Podol vorbeikomme, und während meines letzten zehntägigen Aufenthaltes in Kiew weilte ich dort sehr oft. Ich wollte die Gastfreundschaft meines bekannten Rechtsanwalts nicht so lange in Anspruch nehmen und suchte Unterkunft bei einer armen jüdischen Familie, in einem etwas abgelegenen Häuschen in einem Gässchen des Podol. Diese Familie machte einen rührenden, unverwischbaren Eindruck auf mich. Mein freundlicher Wirt ist Kommis in einem Konfektionsgeschäfte. Um Frau und zwei Kinder kümmerlich zu ernähren, steht er vom frühen Morgen bis tief in die Nacht vor der Schwelle des Ladens, preist die Waren an und lockt oder schleppt die Kunden herbei. Das längliche, blasse Gesicht der Frau, ihre rührend zarte Bruststimme, a7erraten einstige Schönheit und jetzigen Kummer. Sie pflegt, nachdem sie die Kinder zur Schule geschickt und alle anderen häuslichen Pflichten erledigt hat, sich in einen sentimentalen Roman zu vertiefen. Oft sah ich sie dasitzen, das Buch in ihrem Schosse, in Gedanken versunken, leise, ganz leise ein trauriges Liedchen vor sich hinsummend. Ich erkannte bald, dass ich eine unglückliche Frau vor mir habe, eine jener jüdischen Frauen, die ihre Leiden, ihren Kummer nicht nur vor der Welt, auch vor sich selbst verbergen möchten. Sie begegnet ihrem Manne, der spät abends nach Hause kommt, mit einem lieben, süssen Lächeln, und tut alles, um ihm die wenigen Stunden, die er zu Hause weilt, angenehm zu machen. Mannund Frau pflegen sich dann an den Tisch zu setzen, auf dem der blankgeputzte- Samowar lustig brodelt; er erzählt von seinen alltäglichen Leiden und Freuden und sie lauscht teilnahmvolL