Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Von Kiew bis Alexandrowo
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584037-2604348--14321-2604423- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
237 Seh. Gorelik: Von Kiew bis Alexandrowo, 238' zückenden Anblick der zahlreichen Berge und Hügel, die die Stadt umsäumen, vor allem des lieblich anmutigen Wladimirhügels. Im Kaufmännischen Garten findet heute ein Orchesterkonzert statt und ich begehe mich dorthin, um die Erinnerung an den Anblick des gehetzten Zuckermaklers loszuwerden und meine trüben Gedanken zu verscheuchen. Der Garten ist überfüllt von einem feierlich gestimmten Publikum, überwiegend Juden, die von überall herbeigeströmt kommen, um hier frische Luft einzuatmen, sich an dem Anblick des Dnjepr und der anderen Naturscliönhciten zu erfreuen, um Musik zu hören, kurz, um all das zu gemessen, was sie in Demiewka, Podol und wie die anderen schmutzigen, engen Quartiere heissen, in denen sie zusammengepfercht leben, entbehren müssen, g Hier sind auch jene Zucker- und Börsenmakler anzutreffen, auf die erst vor wenigen Stunden auf dem Kreschtschatik eine Hetzjagd veranstaltet wurde. % Es ist ihnen endlich doch gelungen, den Schutzmann hinters Licht zu führen, ins Cafe Semadeni zu schlüpfen, dort die nötigen Verhandlungen anzuknüpfen und das Geschäft günstig abzuschliessen. Unter den vielen hunderten jüdischen Familien Kiews, die Tag für Tag verfolgt, gehetzt, in ihrer Existenz bedroht und systematisch zugrunde gerichtet werden, gibt es eine beträchtliche Anzahl von Leuten, die sich nicht unterkriegen lassen, die ihren Humor, ihren Galgenhumor, unerschütterlich bewahren. Der Zucker- und Börsenmakler, den wir heute auf seiner Flucht gesehen haben, wird ohne Zweifel morgen wieder an seinem oewohnten Standorte anzutreffen sein. Von vornherein dürfen Sie sicher sein, dass die bestimmte Anzahl von Zuckerladungen, die verkauft werden sollen, auch verkauft werden, ebenso die Aktien. Und die dichten Reihen von Schutzleuten, die das nicht zulassen wollen? Die sind eben machtlos. Und wären sie noch so zahlreich und ständen sie so dicht beieinander, dass keine Nadel zwischen ihnen Raum fände, der Zucker- und Börsenmakler wird trotzdem unbemerkt durchschlüpfen. Auf Avelche Weise? Das ist ein Geheimnis, das nur die Kinder eines Volkes kennen, das sich einer tausendjährigen Verfolgung erfreut hat. Wie könnte da einer auch nur einen Tag leben, wenn er dieses kleine Kunststück nicht verstände. Gibt es ja überall dichte Reihen, zwischen .denen es durchzuschlüpfen gilt, wenn man nicht untergehen will. Ein Jude ist ein geborener Jongleur, .er besitzt von Natur die Fähigkeit, den Gesetzen des Raumes zum Trotze, überall durchzuschlüpfen. Geht das einmal nicht, damiAveiss er sich einen anderen Rat: •er nimmt alle Kraft zusammen, duckt sich, ein kleiner Anlauf, hops, ein leichter Sprung und — schon ist er jenseits der dichten Reihen . . . Hier, im Kaufmännischen Garten, fühlt sich der Zucker- und Börsenmakler als gleichberechtigter Bürger, ja als Bürger ersten Grades. Hier machen seine weissen Hosen, und sein Panamahut nicht mehr diesen trostlosen, kornischen Eindruck, wie früher, als er gehetzt durch die Strasse rannte. Hier führt er triumphierend seine Dame am Arm, sucht sich einen guten Platz aus, lässt sich recht bequem in den Sessel fallen, setzt die Miene einer aristokratischen Müdigkeit auf und winkt gebieterisch einen Kellner herbei.....Er ist es ja gar nicht — der gehetzte Jude auf dem Kreschtschatik, er hat auch keine Aehnlichkeit mit ihm. Der hier sitzt, weiss sich erhaben über alle Ausnahmegesetze, i Kiew bleibt doch die schönste Stadt der Welt. Nicht wahr? Ja, an jenem Abend, in jenem von 'Mondlicht beschienenen Garten, bei den lebensfrohen Klängen des Orchesters, das das Intermezzo von „Cavalleria Rusticana" erschallen liess, beim Anblick so vieler reizender Frauengesichter, musste es einen dünken, als ob es nichts Schöneres in der Welt gäbe, nicht geben könnte. Still sass ich in einem Winkel, schaute bald den bunten Lichtreflexen zu, die zwischen den Alleen ihr neckisch reizendes Spiel trieben, bald Hess ich meine Blicke über das im hellen Mondschein daliegende Dorf lein Bogasina schweifen, hörte bald der Orchestermusik zu, bald lauschte ich einer andern, noch mächtigeren Melodie, dem Echo des rauschenden Dnjeprs, das zarte Lüfte in mein Ohr dringen Hessen, um endlich meine Aufmerksamkeit dem so wohltönenden Lachen der lebenslustigen Studentin zu schenken, jener Studentin mit dem reizenden Stumpfnäschen, die einem so keck in die Augen schauen kann. Aber auch manchen schweren Seufzer hörte ich an jenem Abend. Es sind eben nicht alle Menschen glücklich, und es mag auch solche geben, die nur hergekommen sind, weil es sie in ihrer dumpfen Stube nicht länger duldete,' solche, die selbst ein Frühlingsabend in jenem wundervollen Parke nicht über ihre Leiden hinwegzutrösten oder ihnen auch nur ein zeitweiliges Vergessen zu spenden vermag.---- Inzwischen nahte die Mitternachtsstunde und ich musste fort in einen Klub, wo ich mit einem guten Bekannten, einem Rechtsanwalt, der mich zu sich geladen, zusammentreffen sollte. Mein Gastfreund ist eine der markantesten und geachtetsten Persönlichkeiten der Stadt, ein Mensch von Position und Einfluss. Aber wenn er mich spät in der Nacht in seine Wohnung bringt, tut er es heimlich und geängstigt, bittet mich, leise, recht leise die Treppe hinaufzugehen und keinen Laut von mir zu geben. Man könnte sonst den angesehenen Rechtsanwalt bei einem Verbrechen ertappen: dass er einem Menschen, der kein Wohnrecht hat, Unterkunft gewährt. Ungern verlasse ich den Garten, fange rasch noch^einige Töne Von „Cavalleria Rusticana" auf und eile in den Klub. In einem jüdischen Hause. Vom schmucken Kreschtschatik zweigt sich ein Weg ab, der zum jüdischen Quartier führt. Man gelangt von da bergab in die Zentralstrasse, wo sich die Konfektionsgeschäfte, Gros und Detail, befinden, ebenso schmutzige Hotels mit berühmten Namen und spottbillige Bioskope und Kinotheater. An den Ladentüren stehen jüdische Kommis und rufen, locken oder schleppen die Kunden herbei. Die Leute sind eben verschieden. Für die einen genügen wenige Worte, für die andern muss man den ganzen Vorrat an Ver-