Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Von Kiew bis Alexandrowo
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 5)
- Language
- German
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241 Seil. Gorelik: Von Kiew bis Aloxandrowo. 242 Leider erzählt er öfter von seinen Leiden und schüttet vor ihr sein Herz aus: in der letzten Zeit ist sein Chef nicht zufrieden zu stellen; offenbar hat er es auf ihn abgesehen. Dann vom Gerüchte, dass in den nächsten Tagen eine strenge Revision wegen des Wohnrechtes stattzufinden droht. Diese unangenehmen Neuigkeiten werfen einen schweren Schatten über das Zimmer und man sitzt eine Weile beklommenen Herzens schweigend da. Der Mann hält hierauf wieder einmal seinem Aeltesten, Jaschka — er ist ein prachtvoller, gelungener Junge, aber etwas lerni'aul — eine strenge Strafpredigt. Ist er zu Ende, so beginnt sie mit rührenden, weichen Worten auf ihren Jaschinka einzureden. Ich höre in meinem Zimmer durch die dünne Wand, wie sie flehentlich und zärtlich an sein Herz appelliert: „Jaschinka, hast du denn gar kein Mitleid mit uns, siehst du denn' nicht, wie schwer Papa arbeitet, wie ei\; sich den ganzen Tag für uns abrackert^ die'letzte Kopeke für einen guten Lehrer hergibt, um etwas Tüchtiges aus dir zu machen. Du aber kümmerst dich gar nicht darum. Jaschinka, bedenke doch, dass es so weiter nicht gehen kann, wie lange noch kann Papa so schwer arbeiten?" Diese weichen Worte treffen das zarte kindliche Gemüt, Jaschka fühlt sicli schuldig gegen Papa, gegen Mama, gegen die ganze Welt und bald höre ich ihn bitterlich schluchzen. Die Mutter schluchzt mit, fällt ihm um den Hals, streichelt, liebkost und küsst ihn, trocknet endlich seine Tränen und bald hat sich Jaschinka getröstet. Nach einer Weile klopft er bei mir an und bittet mich verschämt um eine Marke. Er ist leidenschaftlicher Markensanimler und ich habe ihm eine Marke aus Kanada in Aussicht gestellt. Kaum hat er sie in Händen, springt er jauchzend aus dem Zimmer, kommt aber bald wieder. Ueber seine Freude hat er vergessen seine Botschaft auszurichten: Mama lässt den ,,Onkel" fragen, ob der Onkel Tee wünscht.. . Bald ist es stille im Häuschen. Alles schläft, e r den tiefen Schlaf eines schwer arbeitenden Menschen, s i e aber fährt zuweilen im Schlafe auf und seufzt leise, über das verfehlte Leben, über die traurigen Neuigkeiten, die ihr ihr Mann heute mitgeteilt, besonders aber darüber, dass ihr Liebling Jaschinka geweint habe. — — Es schläft die arme jüdische Familie in dem einsamen Häuschen, dicht bei jenen verdächtigen Gässchen, in denen vertierte Menschen ihr Unwesen treiben. . . . Ich kann den Gedanken nicht loswerden: Wird das Unheil wieder einmal losbrechen, dann wird es von da seinen Anfang nehmen. DIE JUDEN ITALIENS. Von Prof. Dr. Er man III. Bei der grossen Mannigfaltigkeit der rechtlichen Grundlagen, auf/denen, wie \yir gesehen haben, die israelitischen Gemeinden Italiens ruhen, wechselt natürlich auch von Gemeinde zu Gemeinde die Struktur ihrer Verwaltungskörper. Doch weisen die Formen zu wenig InteressanteWauf, als dass wir uns mit ihnen an dieser Stelle näher befassen sollten. Meist wird, Lei sehr geringer Beteiligung der Stimmberechtigten, eine gewisse Anzahl Gemeindevertreter gewählt, die dann aus ihrer Mitte den Vorstand ernennen. Hier gibt es nicht etwa, wie in England und Deutschland, grosse Fragen von allgemeinem Interesse, um deren Lösung die Geister auf einander platzen. Höchstens kommen Fragen persönlicher Natur in Betracht. Nicht einmal dem Zionismus ist es bisher gelungen, richtige Wahlkämpfe hervorzurufen. Sucht man doch, soweit irgend möglich, in den hergebrachten Formen fortzuleben! In. diesem Punkte sind fast alle Gemcindemitglieder einig. Die wichtigste Frage für die Gemeinden ist natürlich die Beschaffung geeigneter Rabbiner. Ein Mangel an jungen, guten Kräften, wie er noch vor zehn, zwanzig Jahren herrschte, besteht gegenwärtig nicht mehr, dank der Bemühungen des Oberrabbiners Dr. S. H. Margulies. Nach Ueberwindung grosser Schwierigkeiten ist es diesem Gelehrten gelungen, in dem ,,Collcgio Rabbinico" von Florenz ein Institut zur Blüte zu *) Siehe „Ost i West14 Heft 9. 12. Jnhrg. XII. o Loevinson, Rom. *) bringen, dessen Zweck über die Vorbereitung der zukünftigen Seelsorger auf ihren Beruf hinausgeht. Es ist nämlich gleichzeitig das einzige jüdische höhere Lehrinstitut für jüdische Wissenschalt in Italien, was bei der Existenz so vieler katholischer Seminare und höherer Lehranstalten in ganz Italien sowie des grossartig eingerichteten päpstlichen Instituts für Bibelforschung in Rom auch von nicht zu unterschätzender moralischer Wichtigkeit ist. Ohne das Rabbinerseminar in Florenz wäre die Pflege orientalischer Studien fast ausschliesslich in den Händen der katholischen Orthodoxie, da an den italienischen Universitäten nur sehr wenige Lehrstühle dafür vorhanden sind und nur eine ganz geringe Anzahl von Juden sich mit derartigen Studien befasst. Man muss mit Bedauern konstatieren, dass, abgesehen von den Rabbinern und manchen rühmlichen Ausnahmen, die Juden Italiens der Gegenwart fast gar kein Interesse für die Wissenschaft des Judentums zeigen. Die Ausbildung der jungen Leute im Rabbinerseminar zu Florenz entspricht in jeder Hinsicht den Anforderungen der modernen Wissenschaft. Sie studieren gewöhnlich gleichzeitig an dem dortigen },Institut für Höhere Studien", welches den übrigen Landesuniversitäten gleichsteht, und promovieren daselbst zum Doktor. Als bester Beweis für die Gründlichkeit der dortigen Ausbildung kann die Tatsache gelten, dass nicht nur eine grosse Zahl der Rabbinerstellen Italiens, sondern auch des Auslandes (Alexandrien