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Ost und West · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 235 - 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Article
Von Kiew bis Alexandrowo
Date
1913-03-01
Page
Seite 235 - 236 (sequence 2)
Language
German
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235 Scli. üorelik: Von Kiew bis Alexandrowo. 23G sie sicli lange, lange und verzweifelt dagegen gewehrt hätten. Sie waren ihren alten, launenhaften, aber zutraulichen Göttern herzlich zugetan und es tat ihnen furchtbar leid, sie nun den kalten Wellen preiszugeben. Ueberdies hatten sie eine unheimliche Angst vor den übermenschlich schweren Pflichten, die ihnen der neue Glaube auferlegte, wie Nächstenliebe und dergleichen. Sie waren eben Kinder und in ihrer Naivität dachten sie, dass wenn man etwas gelobt, man sieh auch daran halten müsste. . . . Fürst Wladimir aber kümmerte sich wenig um die Angst dieser grossen Kinder und liess sie gewaltsam in den Fluss schleppen. So wurde der Grund zu einer der bedeutendsten christlichen Städte gelegt, so entstand Kiew. Jahrhunderte über Jahrhunderte vergingen, die Zahl der Kirchen und Klöster wuchs ins Ungeheure und die Nachkommen jener Götzen hatten sich herrlich zurechtgefunden. Sie haben die alten Götter ihrer Vorfahren schon längst vergessen, schon längst jede Angst vor dem neuen Glauben überwunden. Worte wie Liebe, Brüderlichkeit oder die leidende Gestalt des blassen Nazareners behindern sie in ihren Handhingen nicht sonderlich. . . . Kiew ist auch berühmt durch seine periodischen Judenpogrome, die meist mit den heiligsten, der Menschenverbrüderung geweihten Feiertagen zusammenfallen. An diesen Tagen schreitet hocherhobenen Hauptes ein Schreckensgespenst ■ an allen jüdischen Häusern vorbei und pocht unheilverkündend an die fest verrammelten Türen und Fensterläden. . . . Die jüdische Bevölkerung hält sich versteckt in ihren Schlupfwinkeln, liegt zusammengekauert bebend da und wagt sich kaum ans Tageslicht. Jeder Pfiff, jedes Geklirr, jedes laute Wort, das zu ihnen dringt, verkündet ihnen das Herannahen des blutigen Ungeheuers ... Die jüdischen Notabein halten Konferenzen über Konferenzen ab, bis es ihnen hohe Zeit zu sein scheint, eine Deputation an die einflussreichen Sphären abzuordnen.....Diese heilige, mit allerhand Reliquien vollgespickte Stadt, beherbergt nämlich auch eine zahlreiche, wohlgerüstete Menschenmenge, die, von Hunger und Judenhass getrieben, Tag und Nacht bereit dasteh t, um auf das erste Signal, auf den ersten Wink die wehr- und schutzlose jüdische Bevölkerung zu überfallen. Wie sonderbar! Die Juden Kiews spielen eine bedeutende Rolle im ganzen öffentlichen Leben, in Handel und in Industrie, ebenso wie in Literatur und Kunst. Doch bedarf es nur eines winzigen Anlasses, eines Scheinanlasses, um ihnen die Unsicherheit ihrer Lage unheimlich deutlich vor Augen zu führen. Es genügt dazu eine kleine Rauferei zwischen einigen Hooligans, am Ufer des Dnjepr, ein Brand, ja, ein umgekippter Wagen, kurz alles, was einen Menschenauflauf hervorzurufen vermag. . . . ,,Das nimmt noch ein schlechtes Ende!" sagt sich angstvoll ein Kiewer Jude, schliesst seinen Laden und rennt atemlos nach Haus. ... Im Nu rennen zehn andere nach ihm, bald sind es ihrer hundert. Sie rennen dicht beieinander, wie eine gehetzte Schafsherde, ohne zu wissen wohin, und wie eine Schafsherdehalten sie plötzlich auf einmal inne und schauen einander in die vor Angst verzerrten Züge: „Weshalb sind wir denn eigentlich fortgelaufen?" Sie machen Kehrt und rennen wieder zu ihren Läden zurück. Die Hooligans hatten sich inzwischen ausgesöhnt, der Brand ist gelöscht und der umgekippte Wagen ist schon längst davongerollt. . . . Kein Grund zur Beunruhigung. .. . „Gottlob, dass es bei der ausgestandenen Angst sein Bewenden gehabt . . * * * Kiew ist eine grosse und heilige Stadt, über der ein wundervoll klarer blauer Himmel sich wölbt, eine Stadt mit schönen, breiten Strassen, darunter die schönste: Kreschtschatik mit ihrem riesigen Verkehr. So oft ich nach Kiew komme, pflege ich mich in eine Strassenecke zu stellen und mir die Leute, besonders die lebhaften, jungen Gesichter der studierenden Jugend anzusehen. Diesmal aber bot mir der Kreschtschatik einen hässlichen Anblick dar, diesmal sah ich vor mir keine Strasse einer europäischen Grosstadt, vielmehr einTerrain, auf dem eine Hetzjagd auf Menschen sich abspielt, auf die Börsen- und Zuckermakler, die ihren Sammelpunkt in der Nähe des Cafe Semadeni zu haben pflegen. . . . An jenem sonnigen Tage sah ich in der vornehmsten Strasse Kiews folgende tragikomische, grässliche Szene: Ein Jude rennt atemlos über die Strasse, nicht von denen im langen Kal'tan, vielmehr ein elegant gekleideter Europäer. Doch er ist barhäuptig, da ihm der Wind seinen Panamahut letzter Mode davongetragen hat. Er rennt, verfolgt von einem Schutzmann und begleitet vom schallenden Gelächter zweier Offiziere. Sie sind wohl entzückt von diesem kontrastvollen Strassenbilde: Blauer Himmel, sonniger Tag, überall Eleganz und Prunk, und da rennt ein Mensch in weissen Hosen barhäuptig. Der Flüchtling ist ein Jude, verkauft Zucker und hat kein Wohnrecht. Der Schutzmann verfolgt ihn und wird ihn sicherlich einholen. Denn das Auge des Gesetzes wacht und seine Hand reicht weithin. . . . Die Glocken der Kirchen läuten dazu mächtig und feierlich. In Kiew verstummen die Kirchenglocken nie. Ist es ja eine heilige Stadt! . . . Ich verlasse niedergedrückt den Kreschtschatik und denke wieder einmal an jene naiven Götzendiener-, an ihre Angst vor den Pflichten und Geboten, als die Aussaat des neuen Glaubens unter ihnen begann. ,,An den Früchten sollt ihr sie erkennen!" Hätten die widerstrebenden Neophiten vorausgeahnt, wie köstlich dicseFrüchte ihren Nachkommen schmecken werden, sie wären lustig in den Dnjepr gesprungen und hätten wie toll ausgelassene Jungens im Wasser herumgeplätschert. . . . Ein Abend im Sommergarten. Ich kenne keinen Ort, der, namentlich zur Frühlingszeit, die eigenartigen Schönheiten Kiews deutlicher und vielseitiger enthüllt, als der „Kaufmännische Garten". Hier zeigt sich in der ganzen Fülle seiner majestätisch-göttlichen Pracht der mächtige Dnjepr, hinter ihm in einer endlosen Ausdehnung grüne Felder, Dörfer, Mühlen, schmucke, niedliche Holzkirchen mit vergoldeten Küppein. In der Abenddämmerung ist die ganze Szenerie vom reichen Lichte der untergehenden Sonne umflossen, da geniesst man den ent-

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