Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Geld und Gott
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 215 - 216 (sequence 3)
- Language
- German
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215 Bhijuimn Segel: Geld und Gott. 216 durch saatenloses Land . . Die Gemeinde Israel ist, bildlich gesprochen, die Braut, und die angetraute Gemahlin Gottes. Nun reden, wir einmal ganz irdisch. In jeder Verlobung, in jedem Eliebündnisse werden überall in der Welt gewisse vermögensrechtliche Grundsätze und gegenseitige Verpflichtungen, die in sehr prosaische und nüchterne Formeln gefasst sind, stipuliert. Aber wer anders als eine Sollizitator- oder Gerichtsvollzieherseele, oder höchstens ein beschränkter Jurist wird den gefühlsmässigen Inhalt einer Ehe durch die Formeln der Ehepakten erschöpft wähnen? Wenn Abälard und Heloise ein Paar geworden wären, so würden ihre Anverwandten wohl einen Ehekontrakt aufgesetzt haben. Wenn Frau von Stein zehn Jahre jünger gewesen und zehn Jahre früher Goethe begegnet wäre, so würde sie — zu seiner Ehre sei es ange nommen — seine rechtmässige Frau geworden sein, dann wäre wohl hierüber beim Notar ein rechtsgültiger Akt voller Paragraphen aufgesetzt worden. Ich glaube auch, dass im Familienarchiv der Humboldts zu Tegel sich vielleicht noch der Ehevertrag zwischen Wilhelm und Karoline von Humboldt aufbewahrt finden muss. Aber wer' würde es wohl wagen, das Verhältnis zwischen diesen berühmten Liebespaaren vermittels jener amtlichen Dokumente zu beleuchten. Ein etwas feinfühligerer Mensch wird in diese intimen Seelen Vorgänge an der Hand de? ieisc n, vertrauten Gespräche einzudringen suchen, wenn er sie belauschen könnte, der Liebesgedichte, die sie einander widmeten, oder der Briefe, die sie einander schrieben, und in denen sie sich gegenseitig ihre Seelen offenbarten. Ein Analogon zu diesen intimen Seelenergüssen zwischen irdischen Liebespaaren sind die Gebete, und wer das Verhältnis zwischen den Juden und ihrem Gott richtig beurteilen will, muss die Gebete zu verstehen und sich in ihren Geist und ihre Seele hin einzufühlen suchen. Es ist merkwürdig, dass die protestantischen Theologen, die alles wissen und deren Adlerblick nichts entgeht, das Gebetritual der Juden höchst selten, nein, fast nie zur Beurteilung des Wesens des Judentums heranziehen. (Sogar das Gebet des Königs Salome bei der Einweihung des Tempels, eines der grandiosesten und machtvollsten Stücke der Weltliteratur, wird in ihren Büchern am liebsten ganz mit Schweigen übergangen.) Und da fällt mir eine kleine, ergreifende Litanei aus dem Gebetritual des Versöhnungstages ein, die in naiver und schlichter Weise das Verhältnis der Juden zu Gott schildert: ,,Wir sind dein Volk und du bist unser Gott; wir sind deine Kinder und du bist unser Vater; wir sind deine Knechte und du bist unser Herr; wir sind deine Gemeinde und du bist unser Führer; wir sind deine Herde und. du bist unser Hirte: wir sind dein Weingarten und du bist unser Hüter; wir sind dein Werk und du bist unser Schöpfer; wir sind deine Freundin und du bist unser Gelichter; wir sind deine Erwählte und du bist unser Gott: wir sind dein Volk und du bist unser König . . Und die jubelnde Melodie, die keiner vergisst, der sie je mitten unter einfachen Juden in ihrer originellen Schlichtheit gehört, nimmt hier, nach leisen, unmerklichen' Anklängen eine jähe Wendung und begleitet den weiteren Text in seiner tiefen, schuldbewussten Zerknirschtheit: „Wir sind dreist und übermütig und du bist langmütig und geduldig; wir sind voller Sünden und du bist voller Gnade; wir — unsere Tage huschen dahin wie der Schatten, und du währst bis in die Unendlichkeit." Und wieder ein anderes Gebet fällt mir ein, das viel jünger, und dämm vielleicht noch charakteristischer ist. Es gehört zum Eingang der hohen Feiertage: „Möge der Wille vor dir sein, Ewiger unser Gott, Gott unserer Väter, der du die Gebete deines Volkes in Liebe anhörst, dass du unsere Herzen beschwichtigst und unsere Gedanken aufrichtest und unser Gebet fliessend und geläufig sein lässest . . . Du barmherziger Gott in deiner grossen Liebe und Gnade verzeih uns und deinem ganzen Volke Israel alles, was wir vor dir gesündigt und gefrevelt haben, denn du weisst es ja, dass wir nicht aus Widerspenstigkeit und Untreue deinen Worten, deiner Lehre und deinen Geboten zuwider gehandelt haben, sondern durch die Kraft der Leidenschaft, die fortwährend in uns brennt und uns zu den Begierden dieser niederen Welt und ihren Albernheiten verleitet und unsere Gedanken verwirrt durch ihre Ränke, sogar wenn wir vor dir im Gebete stehen; und wir können ihr nicht widerstehen, denn unsere Vernunft ist geschwächt und unsere Widerstandskraft ist ermattet, durch den Sturm der Leidenschaften im Innern und die Mühsal des Lebens draussen. Darum handle du, barmherziger, und liebreicher Gott, an uns, wie du uns verheissen hast durch den Getreuen deines Hauses (Mose): Ich schenke meine Gnade und Liebe, wem ich. will; das deuten unsere Weisen: auch dem. der sie nicht verdient; denn das ist ja deine Art, Gutes zu tun den Bösen wie den Guten. Du weisst, wie weh es uns in der Seele tut, dass wir nicht vermögen, uns in Wahrheit und Ganzheit deinem Dienste zu weihen und unser Herz dir hinzugeben. In deiner grossen Gnade verbanne den bösen Trieb von ims und verwehre ihm, dass er uns von deinem Dienst ablenke, damit kein böser Gedanke uns beschleiche, weder im Wachen, noch im Traume; besonders wenn wir im Gebet vor dir stehen, oder deine Thora lernen oder deine Gebote erfüllen, da mögen unsere Gedanken lauter und klar und hell und stark sein, in Treue und herzlicher Hingabe, gleich wie du es gut mit uns meinst. Erwecke unser Herz, dir einzig zu dienen in Wahrheit und in Liebe, den aufrechten Dienst, der vor dem Thron deiner Herrlichkeit lieb ist; pflanze die Treue zu dir in unser Herz ohne Unterlass und entferne alle Schleier, die zwischen uns und dir, unser Vater im Himmel, scheiden, und beschütze uns vor allen Verirrungen. Verlass uns nicht und beschäme