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Ost und West · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 217 - 218

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Article
Geld und Gott
Date
1913-03-01
Page
Seite 217 - 218 (sequence 4)
Language
German
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217 Binjiunin Segel: Geld und Gott. 21S uns nicht, und sei mit unserm Munde, wenn wir reden, mit unseren Händen, wenn wir arbeiten, mit unserem Herzen, wenn wir denken, und gib uns die Kraft, dass wir Herzen und Gedanken und Reden und Taten, und alle Regungen und Gefühle, die bewussten wie die. unbewussten, die offenen und die geheimen, einzig dir weihen, in Wahrheit und Treue, ohne jeden trübenden Gedanken; läutere unser Herz, heilige uns in deiner Liebe und Barmherzigkeit und pflanze uns deine Liebe und deine Ehrfurcht ein immerdar, ohne Unterlass; zu allerzeit und allerorten möge dein heiliger Geist in uns brennen, dass wirj stets vertrauensvoll ergeben seien deiner Grösse, deiner Liebe, d einer Ehrfurcht, deiner geschriebenen und überlieferten Lehre und deinen Geboten. Behüte uns vor selbstsüchtigen Hintergedanken, vor Hochmut, Jähzorn, kleinlicher Grillenhaftigkeit, Niedergeschlagenheit, Neigung zur üblen Nachrede und anderen bösen Eigenschaften, die uns hinderlich sind in deinem heiligen und reinen Dienst, der uns so lieb ist. Giesse deinen heiligen Geist über uns aus, dass wir uns dir anschliessen und uns sehnen nach dir immer mehr und mehr; lass uns von Stufe zu Stufe immer höher emporsteigen, bis zu -dem Range unserer Ii eiligen Väter; dass du dich an uns freust und dich unser rühmst, und class wir Früchte nach oben tragen und Wurzel nach unten schlagen; sende uns aus der Welt der Busse ein Sinnen, immer zu dir zurückzukehren von ganzem Herzen; schütze uns vor dem Neid; dass kein Neid gegen einen Menschen unser Herz beschleiche, noch der Neid gegen uns das Herz eines Menschen, sondern gewähre uns, dass jeder nur die Vorzüge des anderen sehe, nicht aber seine Fehler, und dass wir mit unseren Nebenmenschen in aufrichtiger Weise verkehren, wie es dir wohlgefällig ist, dass kein Hass erwache unter uns, und dass du uns in der Liebe zu dir stärkst, wie dies ja der Kern unserer Mühen ist. Und wenn unsere Vernunft versagt, so gib du uns ein, deinen wahren Willen zu erkennen. Das alles erflehen wir von. dir, Gott voller Gnaden, empfange unser Gebet in Liebe und Wohlwollen." Das war kein geringer Mann, der dieses Gebet verfasst hat, und seine Vorfahren, die Psalmisten, würden sich seiner nicht zu schämen brauchen. Er erreicht sie nicht in der Bildkraft der Sprache, in der Wucht des'Ausdruckes und der Macht der Leidenschaft, aber er erreicht sie wohl in der Tiefe, Zartheit und Innigkeit, im Reichtum des Erlebens und in Kenntnis der menschlichen Natur. Das war aber auch kein seichtes und seelisch armes Volk, welches dieses Gebet aufnahm, verstand und seinem Gebetritual einverleibte.1) Hier ist die reinste, vollkommen selbstlose Hingabe ausgedrückt. Was von. Gott erbeten und l) .Der Verfasser ist der in der ehnsidischen Literatur sehr bekannte K. Elimelcch von Lezajsk. Das Gebet dürfte also etwa 150 Jahre alt sein. Ich zitiere es nach dem Gebetbuch meines Vaters. Es findet sich in den meisten n Osteuropa gebrauchten ^lachsor-Ausgaben. erhofft wird, ist, dass er uns helfe, das Beste in uns herauszuarbeiten und zu objektiviren. Indessen sind diese Töne, trotz der eigenartigen Färbung, uralt, denn abgesehen von der Bibel, klingen sie auch schonin den Gebeten aus der talmudischen Zeit. Das psychologisch Wichtigste und Unterscheidende des jüdischen Gebets ist, dass sein Grundton gar nicht das Beten, das lieisst: das Bitten um irgendein äusserjiches Gut, sondern die hingebende Kontemplation (paliel, thephillah) ist. Das Erwecken und Bewusst. werden des Verhältnisses zu Gott.2) Soweit es ein Beten um äussere Güter zulicss, betraf es die Allgemeinheit, das ganze Volk oder die ganze Welt; dem einzelnen erlaubte man nur, gleichsam als notgedrungene Konzession an die Schwäche der Menschennatur, hie und da eine Bitte um seine persönlichen Bedürfnisse einzuschalten. Von einer Mahnung an Gott, dass er gewisse Gegenleistungen für i h m dargebrachte gute Taten vertragsmässig schuldig sei, findet sich in Iraels Gebeten nicht die leiseste Spur. ,,Errette uns heute und alle Tage vor Frechlingen und vor Frechheit" (ei, wie selten erhört Gott dieses Gebet!) „vor bösen Menschen, vor bösem Trieb, vor falschen Freunden" (auch in diesem Punkt könnte der liebe Gott uns mein* entgegenkommen), „vor böser Nachrede, vor Verleumdung, vor Hass der Menschen, ob Glaubensgenossen oder nicht." Oder: „Mögest du Wohlgefallen finden an unserer Sabbatruhe; heilige uns durch deine Gebote, lass uns Anteil haben an deiner Lehre, sättige uns an deiner Güte und erfreue uns durch deine Erlösung und läutere unsre Herzen, dass wir dir dienen in der Wahrheit, und lass uns in Liebe und Wohlgefallen deinen Jieiligen Sabbat erben . . ." Doch wozu das viele Zitieren? Sombart versichert uns ja ohnehin, class man aus dem Talmud „alles, aber auch alles beweisen kann". Warum soll nicht dasselbe auch von den Gebeten gelten, die ja gewissermassen nur der Extrakt des Talmuds, sein feinster Saft, ein von ihm stetig genährter Nebenstrom sind? Und dass man aus dem Talmud alles, aber auch alles beweisen kann, ersehen wir beispielsweise ans der Tatsache, dass man bis auf den heutigen Tag aus ihm beweist, class wir Juden Christenblut brauchen. vVlles, aber auch alles kannst du aus dem Talmud beweisen, nur nicht, dass einer von vielen Gelehrten, die keine zehn Zeilen in ihm zu lesen verstehen und alles aus ihm beweisen, sich etwa einmal geirrt haben könnte. Ich schlage vor, dieses fruchtbare Prinzip auch auf die Bibel auszudehnen, und da wird es sich sofort zeigen, dass Sombart in der Charakteristik unserer Religion noch sehr gnädig zu uns ist. Chamberlain hat ja „bewiesen", dass wir Juden die eigentlichen Polytheisten und Götzendiener sind, gar keine Religion haben und dass uns überhaupt die Fälligkeit, Religion zu schaffen 2) Ve-rgl. die schönen Ausführungen über das (lebet bei Felix l'crles: „.Jüdische Skizzen".

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