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Ost und West · 1913-02-01 · Heft 2 (Februar 1913) · p. Seite 125 - 126

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 2 (Februar 1913)
Article
Fünfzig Jahre Geschichte
Date
1913-02-01
Page
Seite 125 - 126 (sequence 3)
Language
German
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125 A. Bt.*nesr:i: ..Fünfzig Ja Lire < ieschidite' 126 Initiatoren drängte sich irgendwie in den Vordergrund, keiner Hess seinen Namen durch die Zeitungen in die weiteWelt hinaustrommeln. Sie arbeiteten still und rastlos, und das war der einzige Lohn, der ihnen zuteil ward. Sie hielten keine Reden vor versammelter Menge. Hierin glichen sie den Grossen unserer Vorzeiten, die alle so sehr hinter ihrem Werk verschwanden, dass naseweise Skeptiker der Nachwelt ihr Dasein überhaupt in Zweifel zogen. Die französische Sprache hat für solches Verhalten ein unnachahmliches Wort: „s'effacer". Auch wollte keiner von ihnen sich nach obenhin wichtig machen, sich einschmeicheln und vortäuschen, als hätte er es in der Hand, Millionen und Millionen von Juden in fernen Ländern den einheimischen Machthabern — deren Launen, ach, so schnell wechseln — gefügig zu machen. Sie liefen darum auch nicht zum Herrn Minister, um seinen, — ei, wie schwankenden und unsicheren — Schutz anzurufen, ihn ihrer braven Gesinnung zu versichern und auf den Knien seinen Segen zu empfangen. Und sie hatten doch bald oft und oft Gelegenheit, zu den Mächtigsten dieser Erde zu sprechen, um das Recht ihrer Brüder im Namen der Menschlichkeit zu fordern oder zu verteidigen. Sie waren alle treue Söhne ihres Vaterlandes, ihre Väter hatten auf den Schlachtfeldern für dessen Ehre geblutet und sie selber taten 10 Jahre später das gleiche. Aber es wäre ihnen nicht eingefallen, dass die Sorge und die Arbeit für die fernen Glaubensgenossen mit der Liebe zu ihrem eigenen Vaterlande unvereinbar wäre, — ebensowenig, wie es einem französischen Protestanten einfallen würde, dass die Anhänglichkeit an seine Religion und an seine Ueberlieferung antinational sei, ebensowenig, wie ein deutscher Katholik erlauben würde, dass man ihm zumute, seinen Patriotismus dadurch zu bekunden, dass er seine französischen Glaubensgenossen ihrem Vaterlande abtrünnig zu machen suche. Darum gründeten sie nicht etwa eine Alliance Israelite Frar.caise, sondern eine Alliance Israelite Universelle, die das eine und ungeteilte Judentum zu gemeinsamer Arbeit und Anstrengung zusammenfassen sollte. Und noch eins können wir Heutigen von den jungen Männern von dazumal lernen: den Glauben an die Zukunft und das Vertrauen in die Arbeit! Welch ein krankhafter Pessimismus wütet heutzutage in unseren Reihen! Ein eitler, zerfressender, die Tatkraft lähmender Skeptizismus bohrt sich in die Seelen der Jugend ein, verleitet zum Abfall, schafft eine weinerliche, süsslich-saure, unwahrhaftige Stimmung, zerstört die Lust zur männlichen Tat, zur tapferen Gegenwehr und zur unbefangenen Arbeit für die Zukunft. Jedesmal ertönt von neuem das Lied vom nahen Untergang des Judentums. Und dies in einer Zeit, da es, wie nie zuvor, von grossen und kleinen Messiassen unter uns wimmelt, von denen jeder ein besonderes Heilmittel gegen den ,,ewigen Judenschmerz" in Versen oder Prosa anpreist. Manche sind geneigt, die Schuld an diesem Zustand der „modernen Kultur" zuzuschreiben, die jetzt unter unserer Jugend angeblich herrsche. Man lese nur in dem Buche von Leven, wie er in seinem schlichten, vornehmen, thukydideischen Stil von jenen Zeiten und Menschen erzählt. Die jungen Leute, die die Alliance gründeten, gehörten zu den höchstgebildeten Kreisen der damaligen Metropole europäischer Kultur. Es war eine Zeit, da die exakte Wissenschaft Triumphe über Triumphe feierte, da die positivistische Philosophie in höchster Blüte stand, und oberflächliche Köpfe hätten mehr als heute Grund gehabt, an den jähen Untergang alles Bestehenden zu glauben. In Frankreich selber war der tausendjährige Druck von den Juden seit mehr als einem halben Jahrhundert genommen, der Jugend waren die Wege zu den höchsten staatlichen Ehren und Aemtern offen, die gesellschaftlichen Vorurteile waren bis auf verschwindende Reste, die sich in die verstecktesten Winkel verkrochen, längst verschwunden. Dazu bildeten die Bekenner des Judentums in Frankreich eine an Zahl sehr geringe Minderheit, der es materiell sehr gut erging und die für sich selbst nichts zu wünschen übrig hatte. Also keine Not von innen, keine Verfolgungen von aussen. Sollte man nicht meinen, dass die lebendige Kraft unter solchen Umständen einschlafen oder ganz absterben müsste? Und gerade aus der Mitte dieser Jugend erscholl an die Gesam t judenheit der Ruf: „Wenn Sie glauben, das dies unserer Religion zur Ehre gereichen, den Völkern ein Beispiel, für die Menschlichkeit einen Fortschritt bedeuten, einen Triumph der Wahrheit und der allgemeinen Vernunft sein wird, wenn man sieht, dass alle Kräfte des Judentums, welches klein ist an Zahl, aber gross durch die Liebe zur Wahrheit und den Willen zum Guten, sich vereinen, so kommt zu uns. Wir begründen die Alliance Israelite Universelle!" . . . Ihnen wäre es ganz unverständlich und absurd vorgekommen, wenn jemand an dem ewigen Wert des Judentums gezweifelt, dessen „baldigen Untergang" vorausgesagt, oder es als fragwürdig hingestellt hätte, für dessen Ruhm und Zukunft zu arbeiten. Sie waren eben Juden sans phrase, sie waren nicht umsonst an den Schriften und Ideen der Propheten Israels erzogen worden. Sie waren von jener ritterlichen, selbstlosen, tatenfreudigen Hilfsbereitschaft beseelt, die allzeit die Besten unter der Jugend auszeichnet, und diese Gesinnung hat sie bis ins höchste Alter begleitet, und sie spricht aus jeder Zeile dieses schönen Buches, welches uns Narcisse Leven, der nunmehr die Schwelle des Heldenalters überschritten, geschenkt hat. Ziel und Aufgabe ihrer neuen Gesellschaft fassten die Gründer in drei kurzen, klaren Sätzen zusammen. 1. Ueberall für die Gleichberechtigung und den moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten. 2. Wirksame Hilfe jenen zu gewähren, die wegen ihres Judentums zu leiden haben. 3. Jegliche Publikation zu unterstützen, die geeignet ist, diese Ziele zu fördern.

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