Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Fünfzig Jahre Geschichte
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 123 - 124 (sequence 2)
- Language
- German
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123 A. JVncsi'ii: ..Kiinrzig .hihiv (irsrliirlirr". 124 in ein Kloster zu stecken und christlich erziehen zu lassen. Das war das „gute Recht" der Kirche, denn die Taufe, ob auch an einem vernunftlosen Säugling vollzogen, hat einen character indelebilis, und das Seelchen ist immerdar Eigentum der Kirche, und diese muss als Hüterin der göttlichen Ordnung auf Erden darüber wachen, dass es in jüdischer Umgebung keinen Schaden nehme. Allein die zivilisierte Menschheit hatte damals gar kein Verständnis mehr für dieses ,,gute Recht". Und so erhob sich in ganz Europa ein ungeheurer Sturm der Entrüstung ob dieses Kinderraubes. Uns Heutigen, deren Väter damals Kinder waren, kommen die Berichte über diese Vorgänge ganz sagenhaft vor. Es regnete von allen Seiten Petitionen an den Papst, an die Regierungen; in allen Parlamenten, soweit sie damals existierten, wurde die Affäre leidenschaftlich besprochen, in öffentlichen Versammlungen wurden geharnischte Resolutionen gefasst. Die besten Männer Europas protestierten. Die Sache hat nicht wenig dazu beigetragen, in Europa die weltliche Herrschaft der Kirche verhasst zu machen. Es gab, wie es scheint, damals in der Tat etwas wie ein ,,europäisches Gewissen". Heute würde man vergebens danach suchen. Es ist nicht zu leugnen, dass die Welt in moralischer Beziehung bedeutende Fortschritte nach rückwärts gemacht hat. Wer, ausser ein paar Zeitungsschreibern, würde sich heutzutage über solche Kleinigkeiten aufregen? „Man kannte damals noch nicht jenen engherzigen Nationalismus, hinter dem so viel Gewalttätigkeit sich verbirgt," sagt Leven. „Man dachte nicht daran, dass die Unabhängigkeit der Nationen hindern könnte, von ihnen einen Akt der Gerechtigkeit gegenüber ihren Untertanen zu verlangen, oder ihnen zu danken, wenn sie einen solchen ausgeübt hatten." Achtzehn Jahre zuvor hatte diese europäische Denkweise sich in noch schärferer Form aus Anlass der Damaskus-Affäre manifestiert. Man kennt die Geschichte: ein Mönch, Pater Thomas, verschwindet auf geheimnisvolle Weise. Wer anders kann ihn getötet haben, als die Juden, um sein Blut zu gebrauchen? Der französische Generalkonsul Ratti-Menton (übrigens ein Italiener von Geburt) stachelt die Bevölkerung auf, die Mönche machen gemeinsame Sache mit ihm, die Regierung ist gezwungen, einzuschreiten. Die angesehensten Mitglieder der jüdischen Gemeinde werden eingesperrt und gefoltert, mehrere sterben während der Haft. Die Juden der ganzen Welt empfinden die wahnsinnige Anklage als eine unerträgliche Beschimpfung. Die Juden von England delegieren Moses Montefiore, die von Frankreich Cremieux und Münk, um die Sache an Ort und Stelle zu untersuchen und Abhilfe zu schaffen. Die französischen Juden standen hier gegen ihre eigene Regierung, die, von Ratti-Menton irregeführt, eine entschieden judenfeindliche Stellung einnahm. Und es ist bewundernswert, wie mutig und unerschrocken die hervorragendsten geistigen Führer der französischen Juden für ihre fernen Brüder im Orient, mit denen sie kein Verkehr und kein anderes geistiges Band verknüpfte, als das Bewusstsein der religiösen und der Volkszugehörigkeit, eintraten, ohne den Vorwurf „antipatriotischer" Haltung zu befürchten. Von dieser Stellung der französischen Juden ging ein ungeheurer Elan aus, der sich der ganzen Judenheit bemächtigte und noch ein Menschenalter nachwirkte. Das imponierte sogar den Regierungen. Das englische Parlament, der Ministerpräsident Lord Palmerston, sogar der österreichische Kanzler, der Erzreaktionär Fürst Metternich, liehen der jüdischen Mission energische Unterstützung. Wären solche Sachen heutzutage denkbar? . . . Der Ausgang ist bekannt. Die gerechte Sache triumphierte. Der Sultan erliess ein Gesetz, welches für ewige Zeiten die Erhebung der Ritualmord-Anklage im Ottomanischen Reiche untersagte. Montefiore, Cremieux und Münk wurden bei der Heimkunft von ihren Glaubensgenossen, aber auch von allen rechtlich denkenden Christen wie Triumphatoren begrüsst. Und Salomon Münk war es gewesen, der den Gedanken zuerst fasste, den orientalischen Juden dauernd Hilfe zu bringen, indem man ihnen beisteht, aus der jahrhundertelangen Unkultur und ökonomischen Versunkenheit sich emporzuarbeiten durch Gewährung eines systematischen Schulunterrichtes und einer Ausbildung im Handwerk. Kein geringerer a 1 s S a 1 o m o n Munk.eincr der genialsten und verdienstvollsten Bahnbrecher der Wissenschaft des Judentums, ist der eigentliche Urheber der grandiosen Schul- und Lehrlingswerke der AI 1 i a n c e. Doch konnte dieser 1840 gefasste Gedanke erst nach 1860 in Angriff genommen werden, eben als die Alliance gegründet worden war. Die jungen Männer, die den Plan fassten und ausführten, verfolgten keine anderen Zwecke, als der Humanität zu dienen, indem sie au der Hebung ihrer fernen Brüder im Osten arbeiteten. Hunderttausende, ja Millionen ihrer Glaubens¬ und Stammesgenossen schmachteten in Elend und Knechtschaft, während sie selber sich der vollsten Freiheit, aller bürgerlichen Rechte und der höchsten Güter der Kultur erfreuen durften. Sie waren von der Ueberzeugung durchdrungen, dass, indem sie ihren Brüdern Hilfe brachten, sie zugleich der Menschheit dienten. Keiner von ihnen hatte etwas für seine Person nötig. Sie brauchten nicht Karriere zu machen, und darum lag es ihnen fern, die geplante Verbindung als Trittbrett zu Ehren und Einfluss zu missbrauchen. Sie haschten nicht nach Popularität und traten darum gleichsam anonym auf. Zum Präsidenten der Alliance wählten sie einen Mann, der nicht ihrem Kreise angehörte. Adolphe Cremieux, „den sein Ruhm als Rechtsanwalt, seine hervorragende Rolle in der Politik, seine unvergleichliche Tapferkeitin den zahlreichen Kämpfen für seine Glaubensgenossen für eine solche Stellung wie geschaffen erscheinen Hessen." ■ Keiner von den eigentlichen