Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Fünfzig Jahre Geschichte
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 127 - 128 (sequence 4)
- Language
- German
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127 A. HnH'sm: ..I'iuif/.in- .l;ihrc CicsrhiYlilc" 12S Freiheit und Gleichheit gehören zu jenen Gütern, die man leidenschaftlich herbeisehnt, wenn man sie nicht besitzt, dann aber nur zu leicht unterschätzt. Daher kommt die grosse Undankbarkeit, die die jetzige Generation jenen Kämpfern entgegenbringt, die ihnen in heissem, blutigem, langem Ringen Freiheit und Gleichheit erfochten. Es gehört heute zum guten Ton, mit herber Kritik oder wenigstens mit geringschätziger Herablassung von 1789, 1831 und 1848zu sprechen. Man vergisst nur zu gerne,, dass ohne die Arbeit jener Jahre, wie Renan sagt,, nous serions tous brules vifs. Erst neuerdings hat Anatole France,' dieser vollendete geistige Anarchist, in seiner Erzählung ,,Les dieux ont soif" die französische Revolution blutig verhöhnt, ist, aber den Beweis schuldig geblieben, dass er selber in jener grauenvollstürmischen Zeit weiser und besonnener gewesen wäre; auch dürfte es sehr zweifelhaft sein, ob der ganze Anatole France ohne die Revolution möglich wäre. . . . Auch unter uns Juden ist es Mode geworden, über die Kämpfe um die Gleichberechtigung und die Männer, die ihnen ihre ganze Kraft gewidmet, die Achseln zu zucken. Wir streben nach „höheren Zielen". Und vergessen,. dass diese höheren Ziele nur erstrebt werden können, wenn der Grundsatz der absoluten Gleichberechtigung des , Judentums und seiner Bekenner mit allen anderen Menschen voll anerkannt und durchgeführt ist. Es ist ein kindischer und gefährlicher Irrtum, zu wähnen, dass, wenn wir uns samt und sonders irgendwo nach einem noch so realen Judenstaat geflüchtet haben würden, wir auf die Gleichberechtigung „pfeifen" könnten. Ja, dann würden wir sie erst recht benötigen. Man muss nur die Augen offen halten und sehen, was ringsum in der Welt vorgeht. Erst vor wenigen Tagen wurde von weithin sichtbarer Stelle als ein Grundsatz der ,,europäischen Kultur", eine Notwendigkeit der geschichtlichen Entwicklung Europas verkündet, dass im Herrschaftsbereich der europäischen Völker nur solche Menschen und Stämme ein Recht auf Dasein haben, die die Taufe genommen. Die hellenisch-römische Kultur — so hiess es — habe sich mit christlichem Inhalt gefüllt und sich mit der christlichen Religion identifiziert. Die Hauptvölker Europas, die bestimmt waren, die Träger der Weltgeschichte zu Averden, nahmen nacheinander die christliche, das heisst, die Mittelmeerkultur an und diese wurde zum Hauptkennzeichen des Europäertums. Einwandernde Völker aus Asien, wie die Bulgaren und Madjaren, wurden in dem Augenblick, als sie sich zum Christentum bekannten, als vollberechtigte Mitglieder in die europäische Völkerfamilie aufgenommen. Die Eindringlinge, die sich weigerten, die Taufe zu empfangen, blieben aus der europäischen Gemeinschaft ausgeschlossen und wurden von dieser dauernd als Fremdkörper empfunden, gegen die keine Duldung geübt, die unnachsichtlich hinausgedrängt oder aufgerieben wurden. . . . Nun, wir Juden sind viel, viel früher als die Madjaren und Bulgaren nach Europa gekommen, haben uns aber stets geweigert, die taufe zu empfangen. Es läge also nur in der Logik der geschichtlichen Entwicklung, wenn wir aufgerieben oder aus Europa hinausgedrängt würden. Eine glänzendere Rechtfertigung aller Judenverfolgungen von Theodosius und Ju- •stinian bis auf Plehwe und Stolypin lässt sich nicht denken. Aber wo hört Europa auf? Europa ist längst kein geographischer Begriff mehr, denn — so heisst es weiter — dieselbe Schicksalsnotwendigkeit, die die kulturelle (also christliche) Vereinheitlichung der weissen Menschheit gebot, setzt ihr als neues Ziel die Vorherrschaft über die farbigen Rassen, also über Asien und Afrika (nachdem die christliche Kultur die Rothäute Amerikas aufgerieben oder zu einem halbtierischen Dasein herabgedrückt hat). Es gibt also kein Entfliehen! Nun, gegen diese Lehre, dass auf dem ganzen Erdball nur jene ein Recht haben zu leben und zu gedeihen, die die Taufe empfangen haben, die aber, welche sich dessen weigern, aufgerieben oder hinausgedrängt oder zu Parias herabgedrückt werden dürfen, — gegen dieses barbarische, inhumane Prinzip wendet sich der Kampf um die Emanzipation. Aeusserlich stellt sich das als ein Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung in einzelnen Ländern dar, im Wesen aber ist es der Kampf um die Daseinsberechtigung des jüdischen Volkes als Träger des Judentums, in der Welt überhaupt. Seit Moses Mendelssohn kämpfen wir diesen Kampf, seit einem halben Jahrhundert hat ihn die Alliance zu ihrer Devise gemacht und ihn mit eiserner Energie, mit unerschrockener Konsequenz unverzagt geführt. Wie dies geschah, das soll bei anderer Gelegenheit dargelegt werden.