Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in den Balkanländern
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 75 - 76 (sequence 2)
- Language
- German
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75 Rabbiner Dr. M. L. Bamberger: Zur Geschichte der Jaden in den Balkanländern. 76 1492) zogen viele deutsche Juden in die Balkanländer ein. Die Deutschen hielten an ihren früheren Lebensgewohnheiten fest, insbesondere auch bezüglich der Kleidung und Sprache. Das Verhältnis zu den andern Balkanjuden wurde dadurch ungünstig beeinflusst; insbesondere waren die spanischen Juden nicht gerade gut auf ihre deutschen Glaubensgenossen zu sprechen, wovon der Ausdruck: „Tedesco mallo (schlechter Deutscher)" und das Sprichwort zeugen: „Ni Ajo dulce, ni Tedesco buono'' (Knoblauch ist nicht süss und ein Deutscher ist nicht gut)! Ein spanischer Rabbiner der damaligen Zeit schreibt in bezug auf den berühmten Rabbi Jehuda Minz aus Padua: „bringe mir keinen Beweis von den Worten des Rabbi Jehuda Minz, denn wenn er auch ohne Zweifel ein hervorragender Gelehrter war, so-lässt sich aus seinen Entscheidungen seine Geistesgrösse nicht erkennen, war er doch ein Deutscher und die Deutschen sind schwerfällig im Ausdruck, sie sind weder imstande sich klar auszusprechen, noch durch die Feder die tiefen Gedanken, die sie im Herzen haben, wiederzugeben. Verstehen kann sie nur derjenige, der lange Zeit mit ihnen verkehrt und ihre Lehranstalten besucht hat.*'"'9) Auch in bezug auf den Ritus und den Kultus bestanden zwischen den Deutschen und den übrigen Juden in jenen Ländern Differenzen. Die bedeutendste deutsche Gemeinde war die zu Plewna. An deren Spitze standen hervorragende Gelehrte als Rabbinen, so Rabbi Todros, der mit Rabbi Josef Karo im gelehrten Briefwechsel stand10), ebenso Rabbi Moses ben Secharjah Frank11). Ein anderer Rabbiner in Plewna Rabbi Gerschon ben Jehuda Aschkenasi korrespondierte mit dem. Krakauer Rabbiner Rabbi Mose Isseries (Remoh)12). Das geistige Oberhaupt der deutschen Gemeinde in Sofia war Rabbi Benjamin ben Mair halevy aus Nürnberg, welcher den Machsor für die deutschen Gemeinden in den Balkanländern (Saloniki 5310= 1540) für den Druck vorbereitete. Dieser Machsor ist noch heute bei den deutschen Gemeinden in Konstantinopel, Saloniki und Sofia am Roschhaschono und Jaum kippur im Gebrauch. Eine Zierde der deutschen Gemeinde zu Saloniki war Rabbi Schimon Aschkenasi aus Frankfurt am Main, der Verfasser des bekannten aggadischen Werkes Jalkut Schimoni. Grossen Ansehens erfreuten sich auch die Buchdrucker Bezalel Achkenasi Halevy und sein Sohn Sadjah Halevy. Der gleichnamige Sadjah Halevy, der noch jetzt in Saloniki eine Druckerei besitzt und die Wochenschrift „La Epoca" herausgibt, ist ein Nachkomme Bezalels13). Trotzdem die Spaniolen die Deutschen nicht liebten, nahmen sie vieles von ihnen an in Sprache und Sitte. Das Jüdisch-Spaniolische besitzt viele Wörter, welche als deutsche Lehnwörter erkennbar sind, so z. B. Gugil (die bekannte Sabbatspeise), Waksi ( =Wachs), Pantilah (= Band), Jahrzeit. Auch 9) R. Josua Soncin mitgeteilt bei Conforte nvr*n x*np S. 296 Cfr. Rosanes S. 164. 10) R. G. A. fran r.prx 212. 11) ibid 70, 71. 12) K. G. A. des Remoh 82. 13) Rosanes S. 172. Franco 2S2. Familiennamen wie Alleman, Aschkenasi, Bona (Bonn), Gutha, welche bestimmt deutschen Ursprungs sind, treffen wir bei den Spaniolen. Es ist fast selbstverständlich, dass die vielfachen deutschen Einwanderungen noch heute deu tlich zu erkennen sind, um so mein', da aus den östlichen Ländern bis in die neueste Zeit hinein Deutsche resp. Juden mit dem Ritus der Deutschen einwanderten, und gilt dies ganz besonders für Konstantinopel, Sofia, Belgrad. t$. Walachen—Moldauer. Die aus der Walachei und Moldau nach Nikopolis, Plewna — und vielleicht auch nach Sofia — eingewanderten Juden waren 1336 aus Ungarn ausgewandert. Nur etwa hundert Jahre hatten sie in der Moldau und Walachei ruhig leben können. Der grausame Don V. verjagte sie von dort und nun folgten sie dem Zuge ihrer bereits früher ausgewanderten Landsleute nach dem Balkan. Sie schlössen sich bald enger an die Spaniolen an und nur weniges erinnert noch an diese Einwanderung aus der Moldau und Walachei, so z. B. der Familienname Lupu (= Wolf im Walachischen), der in Plewna schon sehr frühzeitig uns begegnet und noch heute erhalten ist14). 7. Slawen. Eine Judenausweisung aus Russland und Polen im Jahre 1493 brachte eine Anzahl polnischer und russischer Juden und später auch galizischer und böhmischer Juden nach dem Balkan. Es waren ihrer jedoch nur wenige, und bald waren ihre Spuren nicht zu merken. Daran erinnern jedoch noch immer die Familiennamen Wilna, Warsawa, Praga, Colmi (Kolomea), Brodo (Brody), Russo und Polaco. Nicht uninteressant ist die Tatsache, dass die Türken alle nichtspaniolisehon Juden als „Pollaken" bezeichnen. S. Navarer, Provenzalen. Ein grosser Teil der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden liess sich in Navarra und der Provence nieder, um nach fünf Jahren wiederum den Wanderstab zu ergreifen, da man ihnen die Wahl zwischen der Ausweisung und der Taufe stellte. Diejenigen Navarer, welche die Ausweisung wählten, richteten ihren Blick nach der Türkei und kamen nach Saloniki; auch einzelne Provenealen hatten sich ihnen angeschlossen. Die in der Provence zurückgebliebenen Juden litten unter den dortigen Verhältnissen sehr, und etwa 60 Jahre später schickten sie zwei Abgesandte nach Saloniki, um ihre früheren Landsleute über ihre Verhältnisse in der neuen Heimat zu befragen und ihren Rat zu erbitten, ob auch sie nach dort auswandern sollten. In einem warm gehaltenen Schreiben vom 1. Elul 5310 luden sie die Vertreter der Gemeinde in Saloniki ein, nach dorten zu kommen. Dieses Schreiben und die mündlichen Berichte der Abgesandten veranlassten die Provenealen, nach Saloniki überzusiedeln. Noch heute erinnert an sie die SiT2HD p"p in Saloniki und die häufig uns dort begegnenden Familiennair en Navaro und Provencal. ») Rosanes S. 176