Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in den Balkanländern
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 73 - 74 (sequence 1)
- Language
- German
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73 74 ZUR GESCHICHTE DER JUDEN IN DEN BALKANLAENDERN. Von Rabbiner Dr.. M. L. Bamberger in Schönlanke. (Fortsetzung aus dem Dezember-Heft 1912.) 4. Italien er. Seit der Herrschaft der Paläologen über Byzanz bestand ein freundschaftliches, durch gemeinsame Handelsinteressen begründetes Verhältnis zwischen der Türkei und den italienischen Republiken Genua, Venedig und Ragusa, das viele Italiener nach Konstantinopel übersiedeln Hess. Unter denAusgewanderten befanden sich auch viele Juden, die gleich ihren christlichen Landsleuten in Galata Wohnsitz nahmen. Dort gründeten sie auch eine Synagoge, die noch gegenwärtig existiert. Durch die Judenausweisung in Spanien 1492 wurden auch die auf Sizilien lebenden Juden betroffen, da diese Insel zu Spanien gehörte. Die von dort stammenden Juden siedelten sich zum grossen Teile in Adrianopel, Konstantinopel, Saloniki und in Morea an und bildeten dort eigene Gemeinden, welche ihre Synagogenbräuche nach dem allgemeinen italienischen oder dem speziellen römischen Minhag regelten. Auch in Patras bestand neben der Rominotengemeinde eine spaniolische und sizilianische Gemeinde. Letztere wollte ihren Minhag auch bei den anderen Gemeinden zur Einführung bringen, wobei sie aber auf Widerspruch stiess. Es wurde die Entscheidung des berühmten Rabbiners von Saloniki, R. Samuel da Modena, angerufen1), der jedoch zuungunsten der Italiener entschied. Die Streitigkeiten währten noch lange Zeit, schliesslich aber vereinigten sich die verschiedenen Gemeinden doch noch. Auch in Arta existierten eine Zeitlang sogar 4 verschiedene Gemeinden neben einander, Korfioten, Sizilianer, Galabreser und Apulier2), was zu vielfachen Streitigkeiten führte. Besondere sizilianische Gemeinden waren vorhanden in Thessalia, Negroponte, Larissa, Agripon, Janina und Saloniki (alte und neue Gemeindeder Sizilianer). Die Italiener hatten den römischen Machsor3), der heute noch in den beiden italienischen Gemeinden in Saloniki benützt wird, während der von den Sizilianern und Apuliern benützte Machsor, der nur handschriftlich vorhanden war, für uns wohl ganz verloren ist. Einen interessanten heftigen Streit, der zwischen den Spaniolen und den Italienern in den Balkanländern entbrannte, dürfen wir nicht unerwähnt lassen. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts beobachtete man inDeutschland,dass viele weder dazubefähigtenoch berechtigte Elemente sich rabbinische .Funktionen, wie Ehescheidungen, Ghalizas usw. anmassten. Dies veranlasste den Wiener Rabbiner Rabbi Meir halevy ben Baruch, die Semicha wieder einzuführen, d. h. er erliess eine Verordnung, dass kein Talmudjünger rabbinische Funktionen ausüben dürfe, ohne vorher von einem bewährten Rabbiner durch die Morenu dazu ermächtigt worden zu sein4). Diese Anordnung *) Cfr. R G.A. hsnv w Jore Deah 153. a) Cfr. y-nn-a mtr Abs. 13. 3) Soncino, — Casale Maggiore 246 1486. 4) Rabbi Meir halevv ben Baruch, 1318 geboren, starb Ende des 14. Jahrhdts. als Wiener Rabbiner cfr. Gastfreund. Wiener Rabbiner S. 22 f.: Auerbach, Berith Awrohom S. 6; Grätz. Geschichte der Juden VIII. S. 11 f. wurde von der deutschen, französischen und italienischen Juden angenommen; die Spaniolen dagegen lehnten sie ab, mit der Begründung, dass man jetzt nicht mehr berechtigt, die Semicha zu erteilen, ,,weil die Kette der zur Erteilung der Semicha Berechtigten gerissen sei." Durch diese Meinungsverschiedenheit entstand zwischen den italienischen und spaniolischen Juden in den Balkanländern ein heftiger Streit, der mit besonderer Heftigkeit von dem italienischen Rabbiner R. David Messer Leone in Avelona geführt wurde5). Auch bezüglich anderer Fragen, in erster Linie über die Art der Handhabung der Talmudstudien, ebenso über die rituelle Untersuchung der Lunge konnten Italiener und Spaniolen in diesen Gegenden sich nicht verständigen. Die Zeit hat auch in diesen Streitfragen versöhnend gewirkt und heute sind nur noch einige Dinge vorhanden, welche an die italienische Einwanderung erinnern. So z. B. betrachten die Juden in Korfu und viele Juden in Saloniki das Italienische als ihre Muttersprache. In Adrianopel, Konstantinopel, Saloniki sind noch Synagogen vorhanden, welche als Synagoge der Italiener, Apulier, Sizilianer bezeichnet werden. Auf italienischen . Ursprung weisen auch die Familiennamen hin: Ancona, Caponano, Gariglio, Castro, Fano, Ferrera, Florentin, Massa, Modiano, Pazzi, Pesero, Pisa, Pisante, Ravano, Romano, Soncino, Tavento,Treves,Trani (auchMitrani), Venezia, Viterbo. Auch die Eigennamen Angelo, Vitalti, Angella, Bella, Regina deuten auf italienische Abstammung hiu9). 5. Deutsche. Einwanderungen deutscher Juden nach dem Balkan fanden — wie wir bereits erwähnten — infolge des Sendschreibens des R. Isak Zarfatis zum ersten Male statt7). Diese fanden durch die von Johannes de Capistrano hervorgerufene Judenverfolgung 1447 bedeutenden Nachschub. Die judenfeindliche Gesinnung des Papstes Nikolaus V., in dessen Auftrag Johannes de Capistrano hetzte, wirkte ansteckend auch in weiten Kreisen. So Hess der bayerische Herzog von Landshut, Ludwig der Reiche, sämtliche Juden seines Landes am 5. Oktober 1450 festnehmen, die Männer in den Kerker, die Frauen in die Synagoge einsperren und alle ihre Barschaft und Kleinodien für sich konfiszieren. Vier Wochen hielt er sie in Gewahrsam, dann jagte er sie arm und fast nackt aus dem Lande8). Der Strom dieser Unglücklichen ergoss sich nach den Balkanländern; diese Auswanderer siedelten sich in Nikopolis, Plewna, Sofia, (Widdin?) Konstantinopel, Adrianopel und Saloniki an. Auch gleichzeitig mit den spanischen Emigranten (nach 5) Cfr. dessen Schrift nwn um und R. Dävid Kohn in dessen R. G. A. 40. t-') Cfr. Franco: Essai sur l'Histoire des Israelites de l'Eixipire Ottomane p. 285 u. Rosanes Geschichte der Juden in der Türkei I. Tl. S. 162. . . 7) Vergl Ost und West 1912 S. 1114. 8) Grätz, Geschichte der Juden VIII, S. 193 f.