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Ost und West · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 77 - 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Article
Zur Geschichte der Juden in den Balkanländern
Date
1913-01-01
Page
Seite 77 - 78 (sequence 3)
Language
German
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77 Rabbiner Dr. M. L. Bamberger: Zur Geschichte der Juden in den ßalkanländern. 78 9. Orientalen. Bald nachdem die Türkenherrschaft in Europa begründet war, lange Zeit vor der Eroberung Konstantinopels, Hessen sich viele Juden aus Palästina, Syrien und Aegypten in der Türkei nieder. Da sie sich den Rominoten anschlössen, sind die Spuren ihrer Heimat bald verloren gegangen. Bekannt ist eine Familie Jeruschalmi, deren Mitglied R. Abraham Jeruschalmi i. J. 1549 den Machsor für die Rotninotengemeinde mit Anmerkungen in Venedig drucken Hess. Auf den Orient hinweisende Familiennamen, die heute noch existieren, sind: Abukri, Algasi, Alchalil, Almosnino, Alfasi, Argel, Barci, Di Gabes, Di Fez, Calali, Moziri, Misiri. Bei einzelnen steht dies allerdings nicht fest, da sie möglicherweise auch auf dem Umwege durch Spanien und Portugal nach dem Balkan kamen. (Schluss folgt.) GETAUFT. Von Clementine Krämer, München. Der kleine Viktor Cron kam dunkelrot nach Hanse. '•Autsch, Mattel, das war aber fein, die haben vir schön verhaut. Und sie waren doch von der zweiten, so lange Beugels. Also der Bendiner ist heute meinen Weg gegangen, weil er bei seinem Grossvater gegessen hat.] Und dann haben -sie ,Jud' gerufen. Autsch, sind wir los. Du, das war eine Keilerei!" Und die Augen des neunjährigen Knaben blitzen noch in Kampfeslust. „Brav," sagt die Matter, „Buben müssen sich nichts gefallen lassen:" fragt aber dann mit einer gewissen Hast nach der lateinischen Schulaufgabe. SUh," macht der Kleine, „die war sauschwer!" „Viktor, Gassenbengel!" „Ich weiss auch schon einen Fehler, aber keinen grossen." „Und der Bendiner?" „Der schon zwei, der strebt doch auch nicht," fügt er langsam hinzu, und dann auf einmal lebhaft: „Du Mutti, es ist doch gewiss keine Schande, wenn einer ein Jude ist und überhaupt, er kann doch nichts dafür. Und warum eigentlich schimpft man sie?" „Ach," sagt die Mutter, sichtlich nicht eben angenehm berührt, „weisst du, sie sind halt die wenigeren, die Minorität nennt man das!" „Ja," macht Viktor, „weiss schon, minor minoris, nach der dritten." „Ja und," erwidert Frau Cron, „die Minoritäten haben immer von den Majoritäten, von der Mehrzahl, zu leiden. Nicht wahr, wenn in deiner Klasse ein Preusse ist, bloss einer, dann rufen sie ,Preuss' und das ist dann auch ein Schimpfwort." „Ja oder ,Saupreuss." * * * Damit ist das Gespräch beendet. Abends beim Zubettgehen fragt aber der kleine Viktor mit einem Mile die Mutter: „Mutti, ist das wahr? Der Bendiner sagt, sein Grossvater hätte gesagt, er hätte unseren Grossvater noch gekannt und der wäre auch ein Jude gewesen. Und du und der Vater, ihr seid dann ohne Religion gewesen, ja und ich — ich wäre dann gleich, wie ich auf die Welt gekommen bin, ein Protestant gewesen. Ist das wahr, Mutti?" „Ja, mein Junge," er widert die Mutter, „das ist so ungefähr wahr." „Mutti," fragt das Kind, „wieso eigentlich? Du hast doch selbst gesagt, es ist keine Schande, ein Jude zu sein?" — „Nein," gewiss ist es keine Schande, aber sieh mal, man hat's doch leichter im Leben, wenn man eben nicht Minorität ist." — „Ach Mutti, zu kämpfen ist doch auch fein. Uh, war das heut Vormittag schön, wie wir die Grossen verhaut haben." „Gewiss ist Kämpfen schön," erwidert die Mutter, aber es gibt so viel zu kämpfen und es gibt eben Kämpfe, die weniger aussichtslos sind, weisst du!"--- Viktor Cron sollte indes nicht viel von den Kämpfen des Lebens erfahren. Zwei Tage später fiel er in der Turnstunde von einer hohen Leiter herab, zog sich innerliche Verletzungen zu, an denen er eine Woche darauf starb. Fritz Bendiner hatte die Lehrer nach Schulschluss reden hören und rannte nun spornstreichs in die Wohnung, um sich Gewissheit zu verschaffen. Als es kurz nach 12 läutete, fuhr Frau Cron auf. Gerade um diese Zeit war sonst ihr Viktor heimgekommen. Gerade so lange und heftig hatte auch er auf die Klingel gedrückt. Sie sprang auf und eilte mechanisch zur Tür. Da stand ein kleiner Junge: „ich ... ist das wahr . . . bitte, entschuldigen Sie ... dass der Cron ...?" Die Mutter, die keine Tränen finden konnte, blickte den Kleinen an und nickte langsam. Dann sagte sie mit einem schweren Seufzer: „Ja, mein Junge, das ist wahr. Komm doch mal herein!" Der kleine Bendiner folgt ihr. „Gelt, du bist der Bendiner?" Der Junge erwidert kurz und feindselig „Ja". „Der Viktor hat immer von dir erzählt, er hat dich sehr lieb gehabt.'* Der Kleine blickt aus grossen braunen Kinderaugen auf: „M?in Grossvater hat noch gestern abend gesagt, wenn der Cron stirbt, dann ist es die Sündenschuld, weil Sie ihn haben taufen lassen." Erregt hat der Junge diese Worte hervorgestossen. „Ach," sagt Frau Cron gepresst, „dass weiss kein Msnsch, auch dein Grossvater nicht. Man tut so, wie man es für am besten hält." Und sie blickt in schweren Gedanken geradeaus. „Kommt er denn jetzt auf den protestantischen Friedhof?" fragt der Kleine stockend. Frau Cron nickt. „Ach bitte, bitte, lassen Sie ihn doch auf dem jüdischen begraben, da ist auch meine Grossmama. Auf den protestantischen darf ich nie." Frau Cron lächelt schmerzlich „Ach, mein Junge, das ist ja jetzt alles gleich" und damit erhebt sie sich. Beim Hinausgehen sagt der Kleine: „Wir haben heute die Skription herausbekommen, er hat einen Einser, bloss er, ganz allein." Da konnte die Mutter mit einem Male weinen ... Fritz Bendiner hatte es trotz des Grossvaters durchgesetzt, dass er bei der Beerdigung auf den protestantischen Friedhof mitgehen durfte. Als die Klasse vor dem offenen Grab den Choral: „Jesus, meine Zuversicht" sang, stand Fritz dabei, presste die Zähne aufeinander und blickte geradeaus. — Ob er, wenn sie ihn nicht hätten taufen lassen, auch von der Leiter gefallen wäre? Er hat doch nichts dafür gekonnt, dass er getauft worden ist, dann hätte doch sein Vater oder seine Mutter irgendwo herunterfallen können, die haben ihn doch taufen lassen--. Es lässt ihm keine Ruhe und als er mittags heimkommt, fragt er: „Vater, ist das wirklich die allergrösste Sünde, wenn man sich taufen lässt? So eine grosse, wie der Grossvater sagt?" „Vor allem," sagt der Vater, „ist es die allergrösste Dummheit, weil man nämlich gar nicht, wenn man Jude ist, Christ werden k a n n . Weisst du,

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