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Ost und West · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 65 - 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Article
Von Kiew bis Alexandrowo
Date
1913-01-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 2)
Language
German
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€5 Seh. Gorelik: Von Kiew bis Alexaudrowo, 66 schlechthin über die Linie fahren, über seine Linie. Er ist in einer recht heiteren, aufgeräumten Stimmung. Wie? Kein Platz? Dummheiten! Wir sind ja Juden. In der Enge zusammengepfercht sitzen sie da. alle Welt wird durchgehechelt, die wunderbarsten Geschichten werden erzählt und die prickelndsten Witze zum besten gegeben. Man erzählt sich von grossen Menschen, grossen Juden. Moses Montefiore wird wieder einmal, Gott weiss zum wie viel hundertsten Male, aiifs Tapet gebracht. Wie er in einer goldenen Prachtkutsche zu Nikolaus dem Ersten fuhr und ihm den Vorschlag machte, ihm alle Juden abzukaufen. »Er, Montefiore, habe sich sagen lassen, dass die Juden in Russland nicht sonderlich beliebt seien, wie wäre es nun, wenn man sie ihm überliesse. Er möchte sie, seine Brüder, loskaufen. . . In dieser Weise unterhält man sich in buntem Durcheinander über Rabbiner, gekrönte Häupter und Magnaten, über neue Ausnahmegesetze und unerwartete Glücksfälle. Inzwischen langt der kleine Zug an den kleinen Stationen an, hält, einige Juden mit dünnen Stöcklein steigen aus, andere steigen dafür ein, und der Telegraphenbeamte, ein strammes Mitglied des Vereins der ,,Echten russischen Leute", macht seinem Kollegen gegenüber die witzige Bemerkung: ,,Woher kommen eigentlich so viele Juden in die Welt." Auf einer Bank, in einiger Entfernung von der Reisegesellschaft, sitzt ein vornehmer Jude in mittleren Jahren. Er trägt einen langen Kaftan aus Luster und eine Seidenmützc, lehnt sich schwer auf seinen Stock und lässt ein wehmütiges Lächeln um seine blassen Lippen spielen. Den lebhaften Gesprächen hört er geneigten Kopfes aufmerksam zu, ohne selbst teilzunehmen. Eigentlich gehört er als. Getreidehändler der Gesellschaft dieser Linie an, diesmal aber ist es ein ganz anderes Geschäft, das ihn in Anspruch nimmt. Er ist krank, schwerkrank, aber er will es sich selbst nicht eingestehen; er fährt zu einem Professor, um sich von ihm die Zustimmung zu holen, dass es, Gott behüte, keine Schwindsucht, bloss ein harmloses Stechen sei. . . Die Mitreisenden gehen auf ihn zu, begrüssen ihn und fragen ihn teilnehmend nach seinem Befinden: Wie geht es Ihnen, Rabbi Mendel? Und er antwortet leise: — Einstweilen noch nicht viel besser. Wir wollen hören, was der Professor dazu sagt. Meine Nachbaren berichten mir über den schweren Schicksalsschlag, der diesen Getreidehändler Rabbi Mendel vor einigen Monaten getroffen hat — ein schaiiei'volles Ereignis, das keine Zeitung gemeldet, dafür aber lange Zeit das Tagesgespräch auf der ganzen Linie abgegeben hat. Es war auf einer der zwischen weiten Feldern einsam gelegenen Stationen. Rabbi Mendel stand mit noch einigen Juden auf dem Perron und war ganz in sein Gespräch versunken, wie es Juden halt zu sein pflegen — über den neuen Vorbeter, übers Geschäft , vielleicht gar über Politik. So überhörte er das Signal zur Abfahrt, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Aber er muss ja unbedingt mit, rennt er in seinem langen Lusterkaftan dem Zuge nach und springt in einen — Postwagen, in dem sich lederne Säcke mit Geld und bis zu den Zähnen bewaffnete Postbeamte befinden. Es gab kein Zurück. Rabbi Mendel schaut mit seinen guten, alten, jüdischen Augen die Beamten an. Sein flehentlicher Blick schien zu sagen: Ich bin kein Räuber, kein Expropriateur, ein Jude bloss, der im Eifer des Gespräches das Signal überhört und nun aus Ueberstürzung in den unrichtigen Wagen geraten ist. Lassen Sie mich bis zur nächsten Station hier . . . Ein hoher, robuster Beamter mit einem grobkörnigen Gesichte hielt Rabbi Mendel den Revolver vor die Stirne und stellte ihm das Ultimatum: entweder er verlässt sofort den Zug oder er wird erschossen. ■ In dem dahinsausenden Zuge spielte sich nun zwischen dem wehrlosen Rabbi Mendel und dem schussbereit dastehenden Beamten ein schrecklicher Kampf ab. Rabbi Mendel, der alte Rabbi Mendel, fiel dem blutjungen Kerl zu Füssen, weinte und flehte um Gnade. . Der Beamte riss die Wagentür auf, packte Rabbi Mendel mit seinen derben Händen, schüttelte ihn in der Luft und schleuderte ihn aus dem Wagen hinaus. Der Zug sauste vorbei und Rabbi Mendel fiel bewusstlos zu Boden, das Gesicht tief in dem Schnee vergraben. So hat man ihn im freien Felde aufgefunden. ... ' Seither ist er krank, hustet schmerzhaft und siecht dahin. Man sieht ihn nicht mehr mit seinem kleinen Stöcklein auf den Stationen herumspazieren, und fährt er zuweilen über die Linie, so gilt es dem Professor ... Diese traurige Geschichte erzählten mir Rabbi Mendels Bekannte, ohne sich durch seine Gegenwart beirren zu lassen. Er selbst hörte fast teilnahmlos zu und murmelte zuweilen: Was sich nicht alles ereignen kann, was sich nicht alles ereignen kann! Nur einmal fiel er dem Erzähler ins Wort, nahm, der genaueren Wiedergabe wegen, den Faden des Berichtes selbst auf und erzählte, wie er dem Beamten zu Füssen gefallen und ihn angefleht habe: Väterchen mein, gnädiger Herr, hab' Erbarmen! . . Die lustigen Witze, die eben erst den Raum erfüllten, sind vergessen, man sitzt da, knirscht mit den Zähnen und beisst in die Lippen in zuckendem Schmerz und machtloser Wut ... Der vom Tode gekennzeichnete Getreidelländler aber fährt zum Professor nach Kiew, in der festen Zuversicht, dort seine Krankheit loszuwerden. Er hofft bald wieder gesund zu sein. Wie sollte er es nicht? Es ist ja nur^ein harmloses Stechen. . . „Browari", „Browari", „Station Browari" ertönte von draussen her die Stimme des Schaffners. Die Insassen des Wagens werden von Unruhe und Bangigkeit erfasst. Einer, der Witzigste und ausgelassen Lustigste unter allen, sagt kleinlaut und hohl: So? Browari! Nun kommt ja bald Kiew! und' zuckt mit

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