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Ost und West · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 63 - 64

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Article
Von Kiew bis Alexandrowo
Date
1913-01-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 1)
Language
German
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.63 VON KIEW BIS ALEXANDROWO. 64 Von Sch. r Der Jude mit dem dünnen Stock. Der Zug mit den alten, staubigen Wagen stand bereit zur Abfahrt nach Kiew da und schien bloss auf das Signal des Mannes mit der roten Mütze zu warten. Dieser aber beeilte sich nicht. In jenem gesegneten Lande,, wo sich alles verspätet, bilden die Züge keine Ausnahme. Keine Eile, nur keine Eile! Juden, mit einem Fusse auf dem Trittbrett, mit einer Hand am Griff der Wagentüre, wissen Minuten und Sekunden recht gut auszunützen, und manches Geschäft kommt da zustande. Preise, Angebot und Nachfrage, die verschiedensten Kombinationen von Kauf und Verkauf schwirren durch die Luft. Keine rührseligen Abschiedsszenen. Offenbar hat keiner eine weite Reise vor. Es sind lauter gute Bekannte, deren Reiseziel sich nicht über die nächsten Stationen erstreckt. Höchstens gilt es für ein, zwei Tage nach Kiew. Das sind leichte Passagiere. Endlich gibt der Mann mit der roten Mütze sein Signal, der Schaffner klingelt, der Zug setzt sich in Bewegung und fort ist er mit seiner leichten Ladung — den leichten Juden. Tu, tu, tu . . . pfeift leichtsinnig die winzige Lokomotive, rasch Feld und Wald und weite Dörfer durchfliegend. Hier reist der Jude, der Jude mit dem dünnen Stöcklein. Bequemte d e r sich, zu Hause zu bleiben, wahrlich! Die grossen europäischen Kontors, aus denen um die Mittagszeit dickleibige Grosskaufleute mit dicken Zigarren herausströmen, all diese Eier-, Gänse- und Getreide firmen in Danzig, Königsberg und London müsston schliessen. Nun gibt es aber Juden, die nichts ihr eigen nennen als ihre scharfsinnigen Köpfe und ihre dünnen Stöcklein. Diese Juden kommen zu Fuss oder fahren zusammengepfercht in einer alten Droschke, rennen, mit ihren dünnen Stöcklein klopfend, über den asphaltenen Bahnsteig, fassen einander an den Rockklappen, gestikulieren, klatschen in die Hände, springen hinein und hinaus und — die Industrie nimmt ihren Siegeslauf über die grosse weite Welt. Der Jude mit dem dünnen Stocke — ein gar wundersames Geschöpf. Seine Existenz schwebt fortwährend in der Luft, er weiss nie, womit er den morgigen Tag fristen wird, büsst aber über die Unsicherheit seiner Lage seinen Humor nicht ein, besitzt sogar eine gute Dosis von jenem Leichtsinn, der eben nur einem guten Juden eigen ist, einem herzlich frommen Leichtsinn. Er hört gerne einen Witz, noch lieber erzählt er einen, aber zwischen einem Witzworte und dem zweiten macht er die-,vorteilhaftesten Bekanntschaften, schliesst Geschäfte ab, gewinnt, verliert, und lässt manche Hoffnung unter seinen Fingern zerrinnen,, um im Nu eine andere dafür einzutauschen. Eine solche1 Lebensweise mag keinen festen Boden haben. Was tut's? Lebt er ja schon viele, viele Jahre so, im Grunde genommen nicht einmal besonders schlecht. Wer mag übrigens sagen, Gorel ik. was einen schon auf der nächsten Station erwartet? Da trifft man eine Unmenge von Leuten, die sich |ja keinen müssigen Gedanken hingeben. Jeder hat mindestens ein Geschäft, wenn nicht gar mehrere im Kopfe. Man erschnappt da ein Wort und dort ein Wort. Wer mag voraussagen, womit so etwas zuweilen ende? Was bedeutet das beschränkte Leben eines Krämers im Vergleiche mit dem seinigen? Wer vermag es, so frei wie er, in einer Welt voller Phantasien und Pläne herumzuschweifen? Da, zum Exempel, lässt ein Mitreisender, der sich bei ihm sein Teeglas ausbittet, von ungefähr ein Wort fallen über einen reichen Gutsbesitzer, dessen Gut unweit der Station liegt. Diese leicht hingeworfene Bemerkung zieht bald die genauesten Informationen nach -sich, wie sie kein Auskunftsbureau der Welt zu bieten vermöchte. Bald ist er über den Gutsbesitzer bis ins kleinste DetaiL informiert und weiss in allen Einzelheiten des Waldes, der sich an das Gut anschliesst, Bescheid. Wie? Wald! Im Kopfe des Juden mit dem dünnen Stöcklein -beginnt es sich fieberhaft zu regen. Jener besitzt also einen Wald . . . vielleicht möchte er ihn verkaufen . . . warum sollte er ihn nicht verkaufen? .. . er wird ihn gewiss verkaufen wollen. Unser Don Quichotte lässt seiner schrankenlosen Phantasie freien Lauf und häuft turmhoch Pläne über Pläne. In rosiger Laune kehrt er des Morgens heim, stösst auf den Hausbesitzer, der ihn recht eindringlich an die Miete mahnt und entgegnet ihm mit einer geheimnisvoll lustigen Miene: — Wie? Geld! bald kommt Geld und viel, recht viel dazu! . . . Oder: Seine Gespräche mit den Mitreisenden sind erschöpft. Nun kommt ihn die Lust an, eine Zeitung zu lesen; er möchte gerne wissen, was in der Welt vorgeht oder etwas Neues über Juden erfahren, das. heisst: neue Ausnahmegesetze oder dergleichen. Er geht auf den erstbesten zu, der eine Zeitung in der Hand hält und bittet um ein Stückchen" Zeitung. Die ganze* Zeitung beansprucht er nicht. Die wird ja vom Besitzer selbst gelesen, und andere Reisegefährten lesen mit. Er bekommt seinen Teil, dankt, die Bekanntschaft ist gemacht. Er lässt sich in ein Gespräch ein. Bald haben beide ihre stark abgenutzten Notizbüchlemhervorgeholt, stecken die Köpfe zusammen und notieren eifrig Adressen und Preise. Niemand dürfte eine Ahnung davon haben, welche komplizierten und weltbewegenden Geschäfte sich jetzt zwischen den beiden Juden mit den dünnen Stöcklein abwickeln. Hat er einige Tage zu Hause verlebt, ohne dassihm die Post interessante Ueberraschungen gebracht hätte, dann duldet es ihn nicht länger daheim. Er steht auf, nimmt recht kurzen Abschied von Frau und Kindern, küsst die „Mesusah", holt sich seinen Stock hervor. Schon ist er fort und steigt in den erstbesten Zug, der über seine, ihm so wohlvertrauten Stationen fährt, auf denen sich hunderte gleicher Gefährten herumtreiben. Das nennt er

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