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Ost und West · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 67 - 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Article
Von Kiew bis Alexandrowo
Date
1913-01-01
Page
Seite 67 - 68 (sequence 3)
Language
German
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67 Sch. Grorelik: Von Kiew bis Alexandrowo. 68 den Schultern. Er ist ratlos, weiss nicht, wie er es einrichten soll, um die Nacht in Kiew unbehelligt verbringen zu können. Die Hüter des Gesetzes, des Gesetzes der Wohnentrechtung, wachen in letzter Zeit doppelt strenge. Man dringt in die Wohnungen und schleppt die Juden von ihren Schlafstätten weg. Die hange Frage: wo übernachten? schwebt nun in allen Winkeln des schmutzigen, rauchgeschwängerten Wagens, auf allen Gesichtern lagern Angst und Beunruhigung. Die Fenster des Wagens enthüllen jetzt eine wundervolle Szenerie: den breiten Dnjepr, die schneebedeckten Berge und die goldenen Kuppeln der alten Kiewer Kirchen. Doch wer vermag in solchem Momente Bergen, Kuppeln, Schönheit auch nur einen Blick zu schenken? ,Nun kommt Kiew, und die Juden mit den dünnen Stöcklein wissen nicht, wo sie heute ihren Kopf hinlegen sollen. Man beratschlagt und fragt einander im Flüstertone aus: Wo werden Sie übernachten? Was kostet es? Ist die Polizei in jenem Revier zugänglich? . . . „Kiew, Kiew!" Es entsteht ein Tumult, die Träger laufen hin und her, reissen geräuschvoll die Wagentüren auf, die jüdischen Passagiere verlassen den Zug. Draussen auf dem Perron ertönt das Geklirr der Sporen und die schweren Schritte der Gendarmen, und die Juden mit den dünnen Stöcklein stehen dicht aneinandergedrückt angstvoll da. Wer mag wissen, ob jene drei baumlangen Gendarmen es nicht just auf sie abgesehen haben? Kaum werden sie den Zug verlassen, werden ihnen diese: Aha, hineingefallen! zurufen, ihnen die Papiere abverlangen und sie durch die breiten Strassen Kiews auf die Polizei schleppen. Endlich wagt sich einer hervor und verlässt schnell und so unbemerkt als nur möglich den Wagen, ihm folgt ein zweiter, die anderen stürzen nach. Atemlos rennen sie über den Perron den Türen zu und bald sind sie in jenen dunkeln Gassen verschwunden, die ins podolische Revier führen, dort, wo die rechtlose jüdische Bevölkerung lebt und bebt. . . Als letzter verliess Rabbi Mendel, jener Getreidehändler, dem ein Unglücksfall zugestossen war, den. Wagen. ' Vorsichtig und keuchend stieg er die Treppe hinunter, sich krampfhaft an die eiserne Stange haltend. Er kramte lange in seinen Taschen herum, bis er endlich ein Zettelchen hervorholte, auf dem eine billige Herberge angegeben war. Wie schade, dass es bereits dunkel ist und er heute nicht mehr zum Professor gehen kann. Indem er langsam über den öden Perron schwankte, überlegte er bei sich, ob er sich eine Droschke nehmen oder zu Fuss in die Herberge gehen sollte. Eine Droschke wäre eigentlich besser. Er hat ja ein wenig Seitenstechen. . . JUEDISCH - SOZIALE FRAUENARBEIT IN FRANKFURT A. M. Von Stephanie Forchhei mer, Frankfurt a. M. „Der Wille der Frau, sich nicht abzuschliessen vom Volksinteresse, ist im tiefsten Sinne der Inhalt der Frauenbewegung". Diesem schönen Gedanken, den Gertrud Bäumer gelegentlich des deutschen Frauenkongresses in Berlin (Februar 1912) zum Ausdiuck brachte, liegt eine bedeutungsvolle Wahrheit zugrunde. Es muss sich der Frauenwille den Werken zuwenden, die der Lösung sozialer Fragen und Probleme gelten. Wohl hat seit jeher die Frau ihr Teil beigetragen in dem Kampfe gegen Leid und Not der Menschheit, , Israelitischer Mädchenklub, gegr. 1902. wenn auch in früheren Zeiten nicht in dem Sinne, in dem wir heute die Frauenbewegung erfassen. Da war es noch nicht die Gleichstellung der Rechte von Mann und Frau, für die die Frauen heute kämpfesmutig in die Schranken treten; aber aus ihrem tiefsten Wesensinneren heraus übten sie in allen Zeiten die freie Liebestätigkeit. Die Caritas bildete stets das Leitmotiv des beginnenden sozialen Lebens des Weibes. Und die jüdische Frau ist vor allen anderen durch Schulung und Tradition wahrhaft berufen die Wohlfahrtspflege auszuüben. Ihre Aufgabe war es seit jeher die Kranken zu pflegen, die Hungrigen zu speisen, und die tägliche Not dar Armen zu lindern. Sie folgte dem Gebote der Religion wie dem Zuge ihres Herzens, indem sie diese caritative Betätigung planmässig den wachsenden Bedürfnissen einer vorwärtsdrängenden Zeit anpasste. Denn die Wohlfahrtspflege kann heute nicht mehr nur Sache des einzelnen sein, um den Anforderungen, die aus den Schichten des ringenden Volkes gebieterisch herantreten, gerecht zu werden. Es genügt nicht, aus blossem Mitleidsgefühl Trost und Hilfe zu spenden, wenn uns der Bedürftige begegnet. Den Gefahren und der Not, denen Tausende preisgegeben sind, muss planmässig entgegengetreten werden, um wirksam gegen sie anzukämpfen. Das Räderwerk der Maschine unseres modernen Lebens saust mit täglich wachsender Kraft, in seinem Kreislauf die weniger "Widerstandsfähigen unbarmherzig zermalmend. Dieser Gewalt unserer Zeit kann nicht

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