Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Der Semigotha
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 39 - 40 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Felix Halle: Der Semigothi 40 vor dem Semigothä erschienenen IV. Bande des genealogischen Handbuches der bürgerlichen Familien hervorgeht, nur einen Zweig einer grossen, alten Patrizierfamilie, die seit ca. 200 Jahren in Erfurt ansässig ist, während dieser ganzen Zeit den Namen Lucius geführt hat und nach den Auszügen aus den dortigen Kirchenbüchern und Ratsprotokollen ihre christliche Konfession bis zu ihrem ersten Auftauchen (1693) beweisen kann. Dennoch weiss der Semigothä im einzelnen zu berichten, dass der baronisierte Landwirtschaftsminister Dr. med. Kobert Lucius, Mitglied des Preussischen Herrenhauses, ein Sohn des Fuldaschen Händlers Hecht mosaischen Glaubens sei und 1850 katholisch wurde. Eine andere Art des Semigothä ist es, Persönlichkeiten, die für die Juden oder für einzelne Juden in irgend einer Weise eingetreten sind, zu Juden zu machen. So wurde, um eine der vornehmsten und beliebtesten Frauen der Wiener Hofgesellschaft, die Fürstin Pauline Metternich- Sandor, wegen ihrer Freundschaft mit den Rothschilds zu treffen, das Haus der Grafen Sandor zu einem Geschlecht kassarisch-jüdischer Herkunft. Aehnlich erging es dem Wiener Bürgermeister und Präsidenten des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Freiherrn von Seiller, auch seine Familie wurde zu einer jüdischen gemacht. Auf solche Weise, oft aber auch durch blosse Unkenntnis ist eine Anzahl angesehener Familien nichtjüdischer Abstammung zu Unrecht in das Buch aufgenommen worden. Von besonderer Würdelosigkeit ist die Haltung der Schrift gegenüber den regierenden Fürsten, die in der masslosesten Form angegriffen, ja als Fälscher hingestellt werden, weil sie Juden Adel, deutsche Namen und Ritterabzeichen verliehen haben. (Seite L des Vorworts.) An anderen Stellen werden sie wieder umschmeichelt, was aber nicht hindert, dass in den einzelnen Artikeln den fremdländischen oder gestürzten Fürsten aus Bosheit, den einheimischen aus genealogischer Unkenntnis jüdische Ahnen zuerteilt werden. Wenn nämlich Karl der Grosse, wie es in dem Artikel Künigl von Ehrenburg heisst, jüdisches Blut in den Adern gehabt hat, gäbe es kein europäisches Regentenhaus ohne semitische Blutsmischung, da der Name Karl des Grossen sich auf'den Ahnentafeln aller dieser Häuser befindet. Napoleon HI. ist selbstverständlich auch Jude. Sind in diesen Fällen die Verletzten die Familien, deren Herkunft verfälscht wird, so wird das Judentum geschädigt, wenn ihm Geschlechter und Personen eingereiht werden, die in der Geschichte eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben; so sind z. B. nach dem Semigothä die Borgia Juden. Da dies Verfahren bei der grossen uradligen Familie Arnim selbst dem Semigothä nicht angängig erschien, so begnügten seine Verfasser sich aus dieser Gens einen den Semiten zu zedieren; und diese eine war kein anderer als der mit einem ungeheuren politischen Skandal belastete Graf Harry Arnim. Ausser der Tatsache, das D'Israeli in seinem Roman Coningsby einen Grafen Arnim als Juden bezeichnet, wollen die Herren Gründe nicht anführen. In zwei besonders gehässigen Artikeln über die Familie Fonseca und Teixeira werden die Juden als Urheber der Revolution in Brasilien und Portugal bezeichnet und des zwiefachen Verrats an der Dynastie Braganza beschuldigt. Dass unter dem Artikel Ignaz de Loyola den Juden die Verantwortung für die Gründung des Jesuitenordens, für sein Wirken, sowie die Schuld an dem gesamten Klerikalismus aufgeladen wird, passt völlig in den Rahmen des vorangegangenen. Ebenso schnell wie das Redaktionskomitee einer grossen Anzahl angesehener christlichen Familien jüdische Ahnen verliehen hat, hat es Persönlichkeiten jüdischer Abkunft, die angegriffen werden sollten, aus eigener Machtvollkommenheit geadelt. Staatssekretär Dernburg wird durch seinen italienischen Orden nobilitiert und ihm die bekannten Vorwürfe wegen der Diamantenregie gemacht.. Spinoza wird zu Unrecht geadelt, auch falscherweise als getauft, angegeben. Sodann wird er als Ausnahmejude bezeichnet, der die Regel bestätigt. Anstatt aber damit zufrieden zu sein, wird noch bemerkt, dass H. St. Chamberlain wenig von Spinozas Grösse übrig lässt, da er ihn als einen Plagiateur erster Güte überweist. Für die niedrige Gesinnung der Verfasser spricht esT dass sie sich nicht haben nehmen lassen, Betrüger und Verbrecher, die sich des Adels widerrechtlich bedient haben, im Text oder in einer Anmerkung aufzunehmen, um sie gewissermassen den jüdischen Adelsfamilien anzuheften. In ihrem Fanatismus haben sie sogar die Namen von Verbrechern, deren Adel sie nicht einmal zu konstruieren versuchen, hereingezogen und ohne Spur eines Beweises haben sie die jüdische Abkunft des Giftmischers Hofrichte r und des Lottermönches Macoch behauptet. War solches Gebahren an Gefährlichkeit und Verwerflichkeit noch zu übertreffen, so ist es ' durch den« Versuch geschehen, den jüdischen Stamm seiner besten. Namen zu berauben. Das neue Testament existiert für den Semigothä überhaupt nicht. Er schreibt: „Dass Christus nichts mit den Juden zu tun hatte, wissen die Juden so genau wie wir,, aber sie benutzten solche Schlagworte zur Verwirrungder Geister. Der Galiläer und Nazarencr (also Ivelto- Germane d. i. Arier) Jesus war ein ausgesprochener Judengegner und fand daher bei den Juden nur Hass und Verachtung. — Er war der schärfste Antisemit aller Zeiten, aber seitdem das Denken und Urteilen im deutschen Volke abgestellt wurde, wird die plumpe Lüge verbreitet, Christus sei ein Jude gewesen". Aber nicht nur die Zugehörigkeit des historischen Christus zum jüdischen Volke wird abgeleugnet, selbst die Heldendynastie der Makkabäer wird den Juden gestohlen und zu Ariern gemacht. Die Makkabäer waren bekanntlich im Mannesstamme eine Priesterfamilie, die nur in weiblicher Linie vom davidischen Königshausc abstammte. Da die Verfasser des Semigothä auf Seite XXXV des Vorworts gezeigt haben, dass ihnen wohl bekannt ist, wie strengdie Ahnenprobe im alten Juda gehalten worden ist, erscheint mir ihre Behauptung über die Hasmonäer ebenso^ niederträchtig wie albern. Besser konnte der Semigothä seine innere krankhafte Verlogenheit nicht kennzeichnen, als durch die völlige Verkehrung der Tatsachen, die ich. durch die folgende Gegenüberstellung skizzieren möchte: nach dem Semigothä sind Jesus und die Makkabärer Kelto- Germanen; Napoleon III., neun Päpste und die Borgias sind Juden. Nur noch eine aus der Legion der Unwahrheiten sei richtig gestellt. Zur Einleitung des Namen Bauer schreibt der Semigothä: „Jüdische Bauern hat es nie gegeben". Man könnte dies mit Unkenntnis entschuldigen, wenn nicht gleichzeitig die jüdische Kolonisationgesellschaft erwähnt wird, von der auch an anderer Stelle unter Baron