Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Der Semigotha
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 41 - 42 (sequence 6)
- Language
- German
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4L Felix Halle: Der Semigotha. 42 Hirsch die Rede ist. Wer die Berichte der I. C. A. kennt, der muss wissen, dass es trotz manchen missglückten Versuches in Argentinien und Palästina bedeutende jüdische Bauernkolonien gibt. Gewiss die vielen Verdrehungen und Entstellungen werden in letzter Linie den Verbreitern schaden und ■denen, die an sie glauben. Wir dürfen aber andererseits •die Verwirrung nicht unterschätzen, die solche Verleumdungen in ihrer pseudowissenschaftlichen Verkappung •in unreifen und unwissenden Gemütern anstiften können. Wenn auch der Semigotha zur Zeit beschlagnahmt und seine Vernichtung in dieser Form wahrscheinlich ist, so ist mit Sicherheit anzunehmen, dass er in einer oder der andern Gestalt seine Auferstehung erleben wird. Wer historisch gearbeitet hat, der weiss, wie schnell sich unrichtige Daten verbreiten und wie schwer sie auszurotten sind. Deswegen ist es notwendig, dass ein von der gelehrten Welt ohne Unterschied des Glaubens und <ler Abstammung als wertvoll anerkanntes genealogisches Handbuch der jüdischen Familien geschaffen wird, die das Machwerk von seinem nur als Lückenbüsser usurpierten Platz eines genealogischen Werkes verdrängt und in das literarische Raritätenkabinett verjagt, wo es Liebhaber hervorsuchen mögen. So peinlich die Lektüre des Semigotha auf mich gewirkt hat, an einigen Stellen habe ich mich gefreut, denn es ist den Verfassern oft wie Bileam gegangen, sie wollten fluchen, aber sie mussten gegen ihren Willen segnen. Zwischen den Entstellungen und Unwahrheiten leuchtet die Kraft, vor allem aber die hochherzige Wohltätigkeit der Familien hervor und verspricht, dass eine echte Genealogie jüdischer Familien sich würdig den vorhandenen genealogischen Handbüchern der adligen und der bürgerlichen Familien anschliessen wird. Wenn der Semigotha das Interesse für genealogische Forschungen in jüdischen Kreisen erregt hat und die Herausgabe eines genealogischen Handbuches der jüdischen Familien dadurch beschleunigt wird, so hat sich der Antisemitismus wie schon so oft bewährt als: „Ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will, Und stets das Gute schafft". DER GELDHANDEL DER CHRISTEN IN DEUTSCHLAND WAEHREND DES MITTELALTERS (BIS c. 1350). Von Rabb. Dr. Js. E. Z Der Gegensatz in der Beurteilung und Wertung des irdischen Lebens, seiner Wirklichkeiten und menschlichen Selbstverständlichkeiten bildet einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Judentum und der christlichen Tochterreligion. Mag das Christentum die Welt unter den Sternen für ein Jammertal und einen Sündenpfuhl halten, die jüdische Lehre will, dass wir uns ihrer freuen und uns die Genüsse und Gaben, die sie bietet, nicht versagen. Was da ist, ist vernünftig und gut oder kann es doch zum mindesten durch sittliche Zucht und durch die Kulturarbeit der Menschen werden. Darum predigt das Judentum nicht die Weitflucht, die asketische Abtötung des Fleisches und die Entsagung. Es befiehlt lediglich die menschlichen Neigungen und Leidenschaften, die nun einmal dem Staubgeborenen anhaften, zu zügeln, zu läutern und zu weihen. Wie ungleich erziehlicher und eine Versöhnung in höherem Masse anbahnend muss zum Beispiel gegenüber der Mahnimg des Neuen Testamentes, den Feind zu lieben, das Bestreben des jüdischen Sittengesetzes wirken, das uns zu edle m H andeln anleitet! Empfindungen und Gesinnungen können nicht anbefohlen werden; sie sind „zollfrei" wie die Gedanken. Wer aber nach dor Vorschrift der Thora seinem Feinde den verirrten und von ihm aufgefundenen Esel zurückbringt, hat — zunächst auf kurze Zeit — das Gefühl des Hasses ausgeschaltet und durch das Erwachen und Einklingen eines rivalisierenden Affektes, des Mitleids mit dem verirrten Tier, mattgesetzt. Das Judentum ist zielbewusst darauf ausgegangen, unter Verzicht auf naturwidrige Forderungen das reale Leben erkennen zu lassen und durch Selbstzucht zu ethisieren. Dieses Bestreben tritt mit besonderer Klarheit auf dem Gebiete des Erwerbslebens hervor, des leidenschaftlichen Bemühens der Menschen, materielle Werte zu schaffen und Reichtum zu erlangen. Das Judentum will diesen Trieb nicht unterdrücken, wenngleich es die Gefahren nicht verkennt, die sich für den einlocisti, Preuss.-Stargard. zelnen Menschen und die soziale Gemeinschaft daraus ergeben können. Weit entfernt, das Streben nach irdischem Besitz als moralisch verwerflich zu verurteilen, bekämpft es lediglich dessen Auswüchse und Uebertreibungen und sucht es im übrigen einmünden zu lassen in den edlen Trieb des Wohltuns und der Opferwilligkeit und dadurch zu weihen. So ist Gott gegeben, was Gottes ist, und der Welt, was ihr gebührt. Die christliche Kirche hat allerdings Erwerb und Handel nicht verboten, soweit die Bibel keine Handhabe dazu bot, wenn sie auch in Konsequenz der Mahnung ihres Stifters, nicht Schätze auf Erden zu sammeln, welche die Motten und der Rost verzehren, die Armut, zumal die freiwillige, als eine höhere Stufe der Moral gepriesen hat. Vollends gewinnbringenden Geldhandel zu untersagen, gaben die ökonomischen Verhältnisse in den ersten Jahrhunderten des deutschen Mittelalters keinen Anlass. Das Geldbedürfnis war ein geringes, da bei der vorherrschenden Naturalwirtschaft die überwiegend bäuerliche Bevölkerung von den Erträgen des Ackerbaus lebte und demgemäss die Abgaben an die Kirche und die weltlichen Machthaber in Naturalien leistete. Als aber infolge äusserer Kriege und innerer Streitigkeiten die bäuerliche Wirtschaft immer mehr vernachlässigt wurde, stieg natürlich die Nachfrage nach barem Gelde in der grundbesitzenden Bevölkerung. Auch andere Stände bedurften in wachsendem Masse bares Geld. Die hohen Kirchenfürsten mussten grosse Summen nach Rom senden, um von den Päpsten in ihren Aemtern bestätigt zu werden. Die Pfarrherrn wollten Kirchen bauen und die Kirchengüter in Ordnung halten. Den weltlichen Grossen fehlte es an Geld bei kriegerischen Unternehmungen, zumal für die Kreuzzüge. Dehn der Zug in ein fernes Land erforderte für alle Beteiligten, vom König herab bis zum Knappen, kostspielige Sorgfalt und Reichhaltigkeit der Ausrüstung. Die Berührung mit der höheren und ver-