Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Der Drang nach Osten
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 21 - 22 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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21 Binjamin Segel: Der Drang nach Osten. 22 möglich, dass ein erwachsener und gebildeter Jude aus Ueberzeugung Christ wird; nur dass mir ein solchei' Fall in meinem Leben nicht vorgekommen ist'*' . . . Hör mal einer an! Wie? Also auch der Harden nicht?! Und ich hatte immer geglaubt . . Na, der Mauthner wird's wohl wissen. Indessen, hier muss ich protestieren. Meine Lebenserfahrung ist nicht halb so lang und gewiss nicht den zehnten Teil so reich, wie die Mauthners, aber von einem, der aus Ueberzeugung Christ geworden, habe icli wenigstens gehört. Das war der Vater des vor einigen Jahren verstorbenen österreichischen Ministers, vormaligen Professors des Kirchenrechtes und Lehrers des jetzigen Thronfolgers im Staatsrecht, Eduard Rittner. (Er war seinerzeit einer der mächtigsten Männer in Oesterreich und ist der eigentliche Urheber des allgemeinen Wahlrechtes daselbst. Sein Sohn Thaddäus Rittner ist Ministerialrat und leider auch Dichter dazu. Dessen,,Sommer" wird jetzt im Lessing-Theater gespielt). Sein Vater hiess, glaube ich, Jossei, und war Chirurg (Heilkünstler niederen Grades) in dem ostgalizischen Städtchen Bursztyn. Das klang im Munde der Juden ,,Chirik". Auf einmal hatte sich Jossei Chirik getauft. ,,Mensch, was hast du getan? Warum hast du dich geschmadt?" fragte ihn ein Bekannter. ,,Aus Ueberzeugung!" antwortete Jossei würdevoll auf hochdeutsch. ,,Wa—as? Bist du verrückt, oder hältst du mich zum Narren?" — ,,Pass auf. lieber Freund, sieh dir mal das Jüngel, mein kleines Eduardchen, an. Er hat einen guten Kopf, einen sehr guten Kopf. Ich bin überzeugt, dass er als Goj es zum Professor, Statthalter oder gar Minister bringen kann. Ebenso bin ich überzeugt, dass er als Jude höchstens Advokat und schliesslich Gemeindevorsteher werden wird. Willst du nun behaupten, dass ich mich nicht aus Ueberzeugung getauft habe?*' Indessen, damit die Juden sich nicht dem Vorwurf der Lüge aussetzen, rät ihnen Mauthner zu, sich zwar nicht zu taufen, aber dem Judentum zu entsagen, indem sie sich konfessionslos erklären, aus ihrer Religionsgenossenschaft, aus ihrer rassenhaften Gemeinde austreten. Das wäre im Grunde das bequemste. Was soll Ich Mich darum kümmern, was aus den Juden und ihrer Religion und ihren Institutionen werden wird? Mögen sie verfolgt werden, mögen unendliche Leiden über sie kommen, möge man sie verliöhnen und verleumden, mögen sie verkommen und zugrunde gehen, dass sie zum Gespött der Völker werden, was kümmert das Mich? Ich sorge nur für Mich. Und wenn Ich Mich in Sicherheit gebracht, habe Ich Meine Aufgabe erfüllt. Der Uebermensch! Leider ist die Sache nicht so einfach. In Wien nämlich haben es gewisse Kreise schon versucht, und geraume Zeit war dort die Konfessionslosigkeit unter den Juden sehr verbreitet. Sobald ein solcher Konfessionsloser, etwa vor einer Behörde, nach seiner Konfession gefragt wurde und ..konfessionslos''' angab, bemerkte der AmtSTtenseh: „Wozu die Umschweife? Sagen Sie doch gleich: Jud!" Und auch der Austritt aus der Rasse dürfte wenig nützen. Ich kenne viele, die aus der Rasse ausgetreten sind, aber die Nase wollte nicht mit; sie blieb darin. Dann kommt ein Sombart und liest an ihr den jüdischen Ursprung ab. Was hat es also gefrommt? Aber Mauthner geht weiter und macht einen Schritt ins Ueberpersönliche und rät uns sozusagen einen Firmenwechsel an. Wir täten nämlich gut, uns als die atheistische Gemeinschaft par excellence zu etablieren. Wir sollen der Welt mit dem Beispiel voranleuchten „gottlos zu leben!" Nun haben wir endlich eine Aufgabe in der Welt. Wir brauchen gar nicht aus der Reihe der Völker ausgetilgt zu werden. Wir sollen weiter leben, aber als das gottlose Volk auf Erden. Eine hohe Mission! Gleich wie wir einmal der Welt Gott gegeben haben, so sollen wir ihn ihr jetzt wieder nehmen. Aber wenn die Welt uns einst nur langsam und widerstrebend gefolgt ist, so würde sie uns diesmal auf Mauthners Pfaden schon ganz und gar nicht nachgehen wollen. Würde sich 'ein * Jude unterstehen, das Problem weit und breit zu erörtern, ob und inwieweit irgend eine Menschengruppe, und wären es Hereros oder Botokuden, ein Recht hat, auf der Erde zu leben und sich zu vermehren, würde er gar eine Umfrage darüber veranstalten und dieser Menschenart ein ziffermässiges Existenzminimum vorschreiben, so würde man gewiss von Roheit sprechen, von jüdischer Vordringlichkeit und Anmassung, von jüdischer Chuzpeh. Mir widerstrebt es aber in der Seele, dem Herrn Prof. Sombart mit Gleichem aufzuwarten. Denn erstens ist er ein Germane und ich bin nur ein Jude. Oh, ich weiss schon die Distanz zu wahren! Zweitens habe ich trotz alledem und alledem doch viel zu viel aus seinen Büchern gelernt. Und wie lehrt der Talmud? „Wer von seinem Nächsten nur einen Satz, ein Wort gelernt hat, ist verpflichtet, ihm Ehre zu erweisen l" Ach, wenn man sich der gewonnenen Erkenntnisse nur ruhig erfreuen könnte. Man lebt in steter Angst, dass nicht da bald wieder ein Eschelbacher, ein Ravenstein, ein Rachfahl, oder ein anderer respektloser Ketzer Mit diesem Fritz Mauthner, der sicher meinen Xamen nie gehört, hatte ich vor mehr als 8 Jahren ein hübsches Erlebnis, welches hier erzählt werden muss. Damals schickte mir mein verehrter Freund Herr Karl Bolhoevener, Redakteur der Zeitschrift „Aus fremden Zungen" ein kleines Büchlein von Mauthner über Aristoteles zur Besprechung. Beim Lesen dieser Schrift stieg mir die Schamröte immer heisser ins Gesicht. Aristoteles war hier wie ein dummer Schuljunge behandelt, wie ein frecher, anmassender Charlatan, der durch niederträchtige Bänke der Kulturmenschheit seine geistige Oberhoheit bis ins 15. und 17. Jahrhundert hinein aufgeschwindelt. Nun hatte ich mich von den Lehren ebenso wie von der Persönlichkeit des Stagiriten nie sonderlich angezogen gefühlt. Meine Liebe gehörte den Vorsokratikern und dann Plato. Gleichwohl erregte in mir die Art, wie hier einer der erlauchtesten Erzieher des Menschengeschlechtes, den meine Väter seit mehr .als tausend Jahren verehrt und der (wie z. B. Mndlinger will) schon in Palästina auf ihr Denken Einfluss geübt haben dürfte, — und mit ihm die ganze hellenische Kultur und Philosophie behandelt wurden, tiefsten Ekel und Empörung. Nur das Pamphlet Dührings gegen das ,,Hebräertuin" hatte mich einmal in gleichem .Masse innerlich verletzt und besudelt. Für mich ist die griechische Kultur einei der höchsten Güter der Menschheit, und in einer Welt ohne hellenische Götter, hellenische Plastik, Dichtkunst und Philosophie wünschte ich gar nicht zu leben. Aber während ich das unflätige Gerede Dührings leicht abschüttelte, musste ich mir hier sagen, dass es mein Stammesgenosse war, der diese ignoble und platte Blasphemie vollführte. Da ich damals noch dem törichten Grundsatz huldigte, nur gute Bücher zu besprechen, die ich aus voller Seele loben konnte, weigerte ich mich anfangs, die gewünschte Rezension zu schreiben. Aber ich las weiter \md fand den Ausruf: „Das ist talmudisch!" Wenn Mauthner seinen Kollegen Aristoteles so recht beschimpfen will, nennt er ihn talmudisch. Vorhin hatte ich in Burckhardts Griechischer Kulturgeschichte gelesen, dass Aristoteles vom jüdischen Geiste so entfernt sei, dass man sich ihn in hebräischer Sprache gar nicht denken könne. Burckhardt konnte natürlich nicht wissen, wie viele Bücher des Aristoteles in hebräischer Uebersetzung existieren, was für einen grossen und tiefgehenden Einfluss er auf die Juden geübt; dass heute noch im Volke ein tiefer, dem Alltäglichen abgewandter, über höhere Dinge sinnender Geist „ein Aristoteles-Kopf" benannt wird. Auch nicht, dass ein so eminenter Talmudist wie Chisdai Kreskas nicht der Geringste unter denen war, die die Ueberwindung des Aristoteles anbahnten. Indessen, was man einem Burckhardt nachsehen kann, braucht man sich von einem Mauthner nicht gefallen zu lassen. Ich schrieb also die Rezension; ich nahm die Sache von der heiteren Seite, tat, als ob ich eine Parodie Mauthners auf Mauthner vor mir hätte und behandelte sie danach. Das erregte damals viel Lachen. Mittlerweile hatte ein Professor eine Broschüre herausgegeben, in der er gegen die „Juden" Fritz Mauthner und Georg Brandes (den Redakteur der ganzen Sammlung) fürchterlich zu Felde zog, weil sie inihrer semitischen Borniertheit und jüdischen Verständnislosigkeit diesen echt arischen Genius so misshandelt hatten. Kurz darauf reproduzierte eine grosse westdeutsche Zeitung meine Rezension, und spendete dem anonymen Verfasser höchstes Lob, weil er in so'energischer, echt arisch-germanischer Art, mit so viel kernigem, deutschem Humor, die pöbelhaften Anrempelungen des Juden Mauthner zurückgewiesen habe. Ich, der echte Talmudjudc, der typische Bethammidrasch-Bachur als arischgermanischer Kämpe für Aristoteles gegen den „Juden" Fritz Mauthner! Das war eins der ergötzlichsten meiner Erlebnisse. — Wenn Hans Heinz Ewers versichert, die Judenfrage sei sehr verzwickt und schwer lösbar, so kann ich ihm das aus eigener Erfahrung bestätigen.