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Ost und West · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 19 - 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Article
Der Drang nach Osten
Date
1913-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 6)
Language
German
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19 Binjamin Segel: Der Drang nach Osten. 20 von neuem beginnen? Um dem Uebel vorzubeugen, bliebe nur übrig, den Judenstaat mit einer unübcrsteigbaren chinesischen Mauer zu umgeben, damit die Juden nicht ausschwärmen könnten, eine Art grosses Völkerghetto zu schaffen, und vor dessen Toren Wachen aufzustellen, wie ehemals vor dem Stadtghetto. Insbesondere müsste in jenem internationalen Vertrag, der den Juden die berühmte „völkerrechtlich gesicherte Heimstätte" bereiten soll, ein Paragraph aufgenommen werden, der den Juden den Malthusianismus auferlegt; es würde sich empfehlen, die Ueberwachung dieser Vorschrift einer internationalen Gendarmerie zu übertragen. Sonst könnten die Juden am Ende, von der Notwendigkeit getrieben, die Tore des Völkerghettos sprengen, und ehe man sichs versieht, ist es um das schöne Ideal der Judenreinheit der anderen Staaten geschehen. Allein, damit wäre die Sache noch lange nicht abgetan. Wie, wenn Slawen, Germanen, oder andere Leute mit Seelen nach dem Judenstaat kämen und sich dort niederliessen? Müssten die Juden sich nicht schleunigst auf und davon machen und neue Plätze aufsuchen, wo vorderhand keine Germanen- oder Slawenseele Gefahr liefe, durch sie in ihrer Eigenart Schaden zu nehmen? Sombart irrt gewaltig, wenn er glaubt, dass er der erste ist, der den Zionismus entdeckt hat. Vor mehr als 30 Jahren forderte Paul de Lagarde, man solle die Donau- und Weichselländer annektieren und die paar Millionen Juden von dort nach Palästina verpflanzen. Ein vorzionistischer Zionist! Damals aber verkündete Bismarck, dass die Deutschen ein „saturiertes Volk" seien und dass der Balkan und der ganze Orient ihm nicht die Knochen eines einzigen hinterpommerschen Grenadiers wert wären. Seither haben sich die Zeiten gewaltig geändert. Man braucht ja nicht auf die hohe Politik sich zu berufen, es genügt, Arthur Dix, Paul Rohrbach, Kurt Breysig, Friedrich Naumann, Karl Jentsch zu befragen und man wird wissen, wohin der Wind weht. Stark ist der Drang nach Osten. Das Vaterland muss grösser werden! Wir sind des Hammergottes Geschlecht und wollen sein Weltreich erben! Deutschland, Deutschland überall! In Amerika, in Afrika, in Kleinasien, Syrien, Palästina bis nach Mesopotamien hinein und weiter hinaus! Dasselbe Lied, nur nach rauheren Noten, singen die Russen. Wie nun, wenn wir heute den Judenstaat in Palästina begründen und morgen die Russen oder die Germanen erscheinen? Werden da die Juden nicht packen und weiter ziehen müssen, von den Slawo-Germanen immerfort einhergejagt und dezimiert und auf das sakrale eine Prozent reduziert, bis sie endlich vom Erdball auswandern und ihren Judenstaat auf dem Mond errichten? Kurz vor Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges hörte ich einmal der Unterhaltung zweier russischer Auswanderer zu: ,,Was braucht unser Zaar die Mandschurei? Er hat ja genug Land/4 — „Er braucht sie, um von dort die Juden auszuweisen." — „Aber dort gibt es doch gar keine Juden." — ,,So braucht er sie gewiss, um die Juden dort nicht hineinzulassen.'"'' So ist es um den Sombartschen Zionismus bestellt. Und es wird ganz unbegreiflich erscheinen, dass Juden es gewesen sind, die ihm als Imp^esarii durch ihre Agitation, durch ihre Vorspanndienste und ihre Reklame es ermöglicht haben, in ganz Mittel - und Osteuropa seinen Lehren einen unglaublichen Widerhall zu erwecken und seine Verkündigung von der Gefährlichkeit der Juden, wenn sie die Maximalziffer von 3 % überschreiten, bis an die russische Grenze, bis an die Tore von Rumänien zu tragen. Sombart rühmt den „nüchternen, scharfen Verstand" der Juden, (was Ed. Meyer und viele andere schon viel früher getan). Er muss sich jetzt nicht übel ins Fäustchen lachen über diesen angeblichen scharfen Verstand der Juden. Noch nie hat einer die Juden so fein hineingelegt wie er, und sie angehalten, selber das Schwert zu schleifen, mit welchem sie einst sollen ausgerottet werden. * * * Doch das Gehässigste und Abstossendste, was in den ,, Judentaufen"' steht, stammt von einem geborenen Juden, Fritz Mauthner, und ist darum auch gewürdigt worden, noch besonders in Hardens „Zukunft" abgedruckt zu werden. M. versichert, dass das Uebelwollen gegen die Juden sich durchaus nicht auf die Kreise der Antisemiten beschränke; auch sei der Judenhass bei den abendländischen Kulturvölkern nicht bloss auf gemeine Motive zurückzuführen, denn z. B. die Liebe zur Muttersprache empfinde die Verhunzung dieser Muttersprache durch die Juden wie eine Kränkung; da aber die Sünden der Juden gegen die Muttersprachen ihrer Wirtsvölker geringer werden usw., so kann ja noch manches besser werden. Vollends unbegreiflich scheint es ihm, dass ein deutscher Jude, dem Kant, Goethe und Beethoven die stärksten Erlebnisse seines Daseins geschenkt haben, zionistisch, (d. Ii. in seiner Sprache natürlich jüdisch überhaupt) empfinden könne. Merkwürdig! Und ich habe Männer gekannt, denen Kant, Goethe und Beethoven die besten Erlebnisse ihres Daseins geschenkt haben und die Engländer, Franzosen, Russen, Polen waren und bleiben wollten. Andererseits kenne ich Urdeutsche, die doch * wohl mit Kant und den andern mindestens so eng verwandt sind, wie Fritz Mauthner, und die sich für immer in Amerika, England oder gar Russland niedergelassen. Von einem leibhaftigen Neffen des Ernst Moritz Arndt weiss ich, der ein fanatischer russischer Nationalist ist und die Russen als die auserwählte, zur Herrschaft über Europa berufene Rasse betrachtet. Für eine gründliche Lösung der abendländischen Judenfrage bleibt, nach Fritz M.\ nur die Assimilierung der Juden übrig; „eine beschleunigte, oder gar die durch einen Beschluss der Juden erzwungene allgemeine Assimilierung". (Der Passus ist leider etwas dunkel). Zwar auf dem Wege der Taufe und der Mischehe ist gottlob schon vieles in dieser Richtung geschehen, aber alles wird vereitelt durch die Einwanderung von Juden aus Russland und aus Polen. „Verhinderung dieses Zuzuges wäre das sicherste Mittel, die Assimilierung, besonders der deutschen Juden, zu beschleunigen. Ich fühle mich nicht zu der Untersuchung berufen, ob eine solche Sperrung der Grenzen nicht allen abendländischen Grundsätzen von Freiheit widerspräche. Die abendländischen Juden und die abendländischen Antisemiten müssen eine solche Sperrung wünschen." Wir dürfen also hoffen. Die deutsche Kultur weiss von Glück zu sagen, dass eine solche Sperrung nicht schon vor 60 oder 70 Jahren durchgeführt worden ist, (da sich das besser gepasst hätte), und dass Fritz Mauthner und Maximilian Harden nicht ein paar hundert Kilometer weiter ostwärts geboren wurden. Sonst müsste die deutsche Kultur heute dieser beiden Säulen entbehren. „Gegen die Assimilierung durch Taufe wendet sich der Spott der Christen und die Entrüstung der treu gebliebenen Juden", sagt Mauthner. „Nicht ganz ohne Grund. Es ist ja an sich nicht ganz un-

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