Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Der Drang nach Osten
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 4)
- Language
- German
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15 Binjamin Segel: Der Drang Dach Osten. 16 zum integralen Bestandteil der Verwaltung erhoben. Was war die Ursache dieses Systemwechsels? Meint man etwa, die Gewalthaber waren A'orhin menschenfreundlicher, gerechter, . barmherziger? Ach nein. Sie schämten sich bloss, es bangte sie um ihren Kredit und ihr Ansehen in Europa. Denn seit Jahrzehnten hatte es in Europa als schmählich und unwürdig gegolten, Juden zu verfolgen oder gar von Regierungswegen zu plündern und abzuschlachten. Aber- Jahre lang hatte der Antisemitismus, der in Berlin seinen Hauptsitz aufgeschlagen und unter dem Schutz mächtiger Gönner üppig gedieh, dieses Vorurteil gründlich zerstört. In dicken und dünnen, furchtbar gelehrten wie gememfasslichen Judenbüchern, in gesetzgebenden Körperschaften, in öffentlichen Volksversammlungen, von der Kanzel und der Tribüne herab wurde die Lehre verkündet, die Juden seien das odium generis humani, der Auswurf des Menschengeschlechtes, man müsste sie unter Fremdenrecht stellen, Ausnahmegesetze für sie schaffen, sie seien vogelfrei. Das schallte durch die ganze "Welt und weckte das Echo der Berge. In Russland aber fand es den kräftigsten Widerhall und wurde schliesslich in die Praxis umgesetzt. Die Regierung nahm die Sache in die Hand und regulierte den Gang der Dinge nach ihrem Bedarf. Was hatte man sich zu schämen? Was man in Deutschland woher die wahre Philosophie, die echte Wissenschaft und die hohe Bildung bezogen wurde, mit tausend Stimmen predigen durfte, sollte in Russland zu verwirklichen eine Schande sein? In Berlin wurde der Samen ausgestreut, der in Russland blutig aufging. In Deutschland war es technisch unmöglich, einen richtigen Pogrom zu veranstalten. (An Versuchen hierzu hat es freilich nicht gefehlt; man denke an den Brand der Neustettiner Synagoge). Ucberdies ist das deutsche Volk zu sehr an Zuclit und Ordnung und Selbstbeherrschung gewöhnt. In Deutschland müsste man zuerst nach allen Regeln der Kunst ein Gesetz stipulieren, das den Juden, sein Blut und seine Habe für vogelfrei erklärt. Aber während man in Deutschland über die Zulässigkeit solcher Gesetze öffentlich debattierte, griff der russische Mnschik unter Führung des Tschinownik zum blutigen Beil. In Berlin wurden die „wissenschaftlichen" und „ethischen" Grundlagen hergestellt, auf denen die russische Judenpolitik sich aufbauen konnte. Die Pogrome und die Judenaustreibungen und alle Sondergesetze und der Ansiedelungsrayon und Kischeneff sind nichts als deutsche Theorie in russische Praxis übersetzt.. In Deutschland hat der Antisemitismus Groll und Kummer erzeugt, er hat den edelsten und feinsten Naturen das Leben verbittert und verkürzt, aber physisch und wirtschaftlich hat er den Juden nur äusserst wenig geschadet. In Russland aber hat der deutsche Antisemitismus Hekatomben gefordert und den Wohlstand der Juden ruiniert. Dass die russischen Juden aus ihren alten Heimstätten verscheucht wurden und an den Toren Deutschlands um Einlass pochen müssen, ist das Werk des deutschen Antisemitismus. Indessen scheint man in Russland seit etwa 3 Jahren die Methode geändert zu haben. Man will nicht mehr den lärmenden, blutigen Pogrom kultivieren, der immerhin blamabel und gefährlich ist, man hat an seine Stelle langsam den stillen, schleichenden Pogrom gesetzt. Nicht mehr Morden und Brennen, sondern Aushungern ist das Losungswort, die unerbittliche Verdrängung der Juden aus allen Gebieten des Erwerbslebens. Der gewaltigen Suggestion Deutschlands und Russlands haben die Polen sehr lange Widerstand .geleistet. Noch vor 4 Jahren hätte man es unter den Polen perhorresziert, einen ökonomischen Ausrottungskampf gegen die J uden zu führen. Heute ist es geradezu das nationale Programm geworden. Und a u c h f ü r diese neue Pogro m - Methode ist die theoretische Basis und die ethische Rechtler ti g u n g v o n Berlin a us, und z w a r durch keinen a n d e r n a I s S o in b a r t, g e 1 i e f e r t w o r d e n. Nicht umsonst gehören Sombarts Judenbücher in Russland und Polen zu den meistgelesenen der letzten Jahre. Man kann es häufig von hei'vorragenden und einflussreichen Russen (und mit ein bisschen anderen Worten neuerdings auch schon von Polen) hören: Wir sind zufolge einer historischen Notwendigkeit gezwungen, den Juden nach Kräften alle Lebensmöglichkeiten abzuschneiden und sie aus dem Lande zu drängen. Wir brauchen nur auf Deutschland zu schauen. Dieses mächtigste Reich mit seiner unvergleichlich strammen Verwaltung, in unerhörtem Aufschwung und Machtentfaltung begriffen, kann mit der Handvoll Juden in seiner Mitte, die nicht 1% der Bevölkerung bilden und sich ihr sprachlich und kulturell schon völlig angepasst haben, nicht fertig werden, seit 40 Jahren beweisen Volkswirte und Politiker, dass die Juden das ganze Land in der Tasche haben und die Deutschen beherrschen. Erst neulich hat Sombart ausgerechnet, dass der ganze Reichtum des Landes in ihren Händen ist, er hat bewiesen, dass der Volks Organismus ihrer höchstens 1% und mit Not und Mühe 3% vertragen könne. Wras sollen wir Russen, (oder Polen) anfangen, die wir 10—12 mal so viel Juden haben, die dicht beisammen sitzen und sprachlich wie kulturell von uns bedeutend differenziert sind? Wenn war ihnen die geringsten Rechte einräumen und nicht fortwährend auf der Hut vor ihnen sind, fressen sie uns ja mit Haut und Haaren. W^as bleibt uns anderes übrig, als sie zu bedrängen und zu dezimieren, auszuhungern und auszutreiben, bis wir sie mindestens auf dieselbe Verhältniszahl herabgebracht haben, wie im Deutschen Reiche. AVenn Berlin unter dem Joche seiner 4% Juden so bitter seufzt und die totale Verjudung fürchtet, so bedenke man doch, dass Galizien nahezu 12%, Russisch- Polen 16,7%, Warschau 39,8%, Lodz 36,4%, Bendzin 50%, manche Städte und Städtchen in Galizien und Polen 70—80% Juden haben. Welch' eine energische Exterminationspolitik muss da einsetzen und andauern, bis man auf der .Kulturhöhe Deutschlands angelangt sein wird! —Auch Rumänien, das 5% Juden hat, darf auf das deutsche Muster hinblicken und ihm nachstreben. Aus Anlass der neuesten Blutbeschuldigung in Russland hat eine Anzahl hervorragender Männer in Deutschland eine ebenso würdige wie energische Protesterklärung gegen das wahnsinnige Märchen erlassen. Sogar der Prinz Heinrich soll in einer edlen Wallung von Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe sich dem Protest angeschlossen haben. Man darf wohl annehmen, dass Prinz Heinrich nicht verfehlt hat, seinen Schwager, den Zaren, auch persönlich aufzuklären. Aber man kann sich auch leicht ausmalen, was die Russen sich dabei denken: Diese guten Deutschen! Bilden sich ein, dass wir im Ernste glauben, die Juden brauchten Christenblut, um es in ihre Mazzes zu kneten, oder die Katamenien ihrer Männer zu heilen. Haben sie selber etwa das geglaubt, als sie in früheren Jahrhunderten ihre Juden zu Hunderten