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Ost und West · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 13 - 14

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Article
Der Drang nach Osten
Date
1913-01-01
Page
Seite 13 - 14 (sequence 3)
Language
German
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13 Binjamin Segel: Der Drang nach Osten. 14 im Auslände, gewiss kein philosemitisches Organ, eine Abhandlung, in der mit grossem Nachdruck auf die Millionen „deutschsprechender" Juden in Osteuropa und deren Wichtigkeit Für den deutschen Einiluss hingewiesen wurde. Sogar die Kreuzzeitung fand diese Ausführungen sehr beachtenswert und lenkte die Aufmerksamkeit der „leitenden Kreise" auf sie. Und das Organ des Führers der österreichischen Alldeutschen, Wolf, in Wien, eines der wütendsten und rohesten Judenfressers, legte bei dieser Gelegenheit seine papierene Hand auf die Juden in Galizien, die moralisch verpflichtet wären, Deutsch als ihre Umgangssprache anzugeben, damit das Deutschtum in diesem Lande nicht zurückgehe! An der Peltew, an der Weichsel und am Don spricht der Jude offenbar Deutsch, wenn er nach Berlin kommt, mauschelt er. Und die Berliner Literaten fühlen sich verletzt und verlangen, dass man ihm den Aufenthalt in Deutschland verbiete. Das ist ja sehr schön und gut. Aber in einem Punkte habe ich meine Bedenken. Anfangs der 80er Jahre noch, als Deutschland keine 50 Millionen Einwohner zählte, wanderten ca. 200 000 Personen jährlich aus. Seither hat die Einwohnerzahl um etwa 15 Millionen zugenommen, die Zahl der brotsuchenden Auswanderer aber ist auf den zehnten Teil herabgesunken. Dass Deutschland die Möglichkeit gewonnen hat, eine so grosse Menschenzahl zu ernähren, verdankt es gewiss seiner intensiven und rationellen Landwirtschaft und Viehzucht, aber (wie ein Blick auf Frankreich lehrt, dessen Landwirte den deutschen keineswegs nachstellen) in einem noch höheren Grade dem förmlich beispiellosen Aufschwung seiner Industrie und seines Handels im letzten Menschenalter. An diesem Aufschwung haben die Juden Deutschlands als Pioniere, Organisatoren und Händler einen im Vergleiche zu ihrer Kopfzahl ganz unverhältnismässig grossen Anteil. Man muss entweder Waren oder Menschen exportieren. Wer dem Lande die Möglichkeit gibt, Waren zu exportieren, der erhält ihm die Menschen. Allein nicht bloss durch die Juden in Deutschland, sondern zu einem guten Teil auch durch die deutschredenden (mauschelnden) Juden ausserhalb Deutschlands wurde das ermöglicht. Wie wäre es nun, wenn diese 6—7 Millionen russischer Mauscheljuden sich eines Tages sagen würden: wenn wir eine so immonde, gemeingefährliche Rasse bilden, dass wir nicht würdig sind, deutschen Boden zu betreten, dass wir Deutschlands Luft verpesten, wenn wir dort vor blutigen Verfolgungen Zuflucht und Nahrung suchen, so fühlen wir uns auch ganz unwürdig, den deutschen fndustrieer Zeugnissen die Wege zu bahnen, bis tief nach Asien hinein, dem deutschen Gewerb efleisse gute Rohstoffe und Halbfabrikate 'zuzuführen; wir fühlen uns ebenso ganz unwürdig, deutsche Bücher zu kaufen und zu lesen, auf deutsche Zeitschriften zu abonnieren. Das würden die deutschen Arbeiter sofort an ihren Löhnen und, ich fürchte, sogar die deutschen Literaten an ihren Honoraren nicht ganz unempfindlich zu spüren bekommen. Ich meine, es wäre ratsam, dass die Teutonen (die jüdischen wie die nichtjüdischen) in Deutschland sich diese Erwägungen etwas gründlicher zu Gemüte führen möchten. Und noch auf eine Frage möchte ich gern Antwort haben. Warum war es" jenen 200 000 Deutschen alljährlich erlaubt, unbehindert in die weite Welt zu gehen und sich allüberall dort anzusiedeln, wo es ihnen gefiel und zu treiben, was ihnen beliebte, und warum schreit man Zeter und Mordio, wenn eine Handvoll nissischer Juden in Deutschland, das 65 Millionen ernährt, ihren Erwerb suchen? Jenen Deutschen drohte kein Pogrom, sie durften in ihrem grossen, schönen Vaterlande wohnen, wo sie wollten, kein Gesetz versperrte ihnen den Zugang zu irgend einem Gewerbe, einem Beruf oder zu irgend einer Schule. Wenn sie in die Fremde gingen, so folgten sie nur dem edlen germanischen Wandertrieb, oder sie strebten nach noch besseren Lebensbedingungen, als sie schon hatten. Ist es jemandem eingefallen, die Grenzen irgend eines Landes vor ihnen versperren zu wollen? Warum stehen nur die russischen Juden so ausserhalb der Grenzen aller Menschheit, dass man ganz ungeniert Vorschläge machen darf, sie da oder dort ohne weiteres nicht hineinzulassen, — während man mit ihren Peinigern wie mit seinesgleichen paktiert, Bündnisse schliesst, ihre ewig leeren Taschen immer von neuem mit Anleihen füllt? Von allen, die sich die Köpfe über die Zukunft dieser 6—7 Millionen Juden zerbrechen, ist keinem eingefallen, sich diese so einfache und naheliegende Frage zu stellen. Und vergebens mühe ich mich ab, des Rätsels Lösung zu finden. Denn es fällt mir schwer zu glauben, dass in der Ueberzeugung all dieser hehren Männer die physische Macht, die hinter den deutschen Weltwanderern steht, den russischen Juden aber fehlt, den ersteren ein höheres ethisches Recht geben könnte, in der Welt zu leben, als den letzteren. Untersucht man aber, seit wann die russischen Juden diesen so ,,trüben Zuzug" nach Deutschland entsenden, der Herrn Fritz Mauthner so sehr auf die Nerven geht, dass er nach gesetzlicher Sperrung der Grenzen gegen sie schreit, so findet man, dass dies erst seit dem Jahre 1881/3 der Fall ist, da die ersten offiziellen blutigen Pogrome in Russland stattfanden. Vordem kamen erwerbsuchende russische Juden nach Deutschland sehr selten. (Umgekehrt, zahlreiche deutsche Juden fanden in Russland ein auskömmliches Dasein.) Und die kamen, waren sehr willkommen: es waren nämlich mitgiftreiche Töchter, goldbeladene Rentiers, die in „zivilisierter'' Luft ihre Einnahmen verzehrten, wohlhabende Studenten oder Kaufleute, die grosse Bestellungen machten, Vergnügungsreisende oder Kurgäste, die lebten und leben liessen. Das verdross auch die grimmigsten Antisemiten nicht. Ein rechter deutscher Mann mag den Juden nicht, aber sein Geld nimmt er gern, sagt Unger. Damals herrschte in Russland gleiches Unrecht für alle. Die Juden waren zwar um einige Grade stärker bedrückt als die anderen, aber sie hatten sich daran gewöhnt wie an die harten Winter, an die zeitweilig auftretenden Pestilenzen oder andere Naturnotwendigkeiten. Der wirtschaftliche Organismus Russlands kann die Juden nicht nur vertragen, sie sind ihm geradezu unentbehrlich; und das Volk als solches ist trotz seiner tiefen Barbarei und den in ihm schlummernden blutdürstigen Instinkten keineswegs den Juden feindlich gesinnt. Von Zeit zu Zeit nur raste es auf und wollte sein Opfer haben, dann färbte es die Pfoten mit jüdischem Blut. Aber das war wie die Cholera, die von Zeit zu Zeit auftritt. So ein niedlicher kleiner Pogrom alle paar Jahre einmal gehörte dort nun einmal zu den Annehmlichkeiten des Daseins. (Haben wir ja ähnliches vor nicht langer Zeit in dem höehstzivilisierten England erlebt.) Sonst kamen die Juden ziemlich gut aus. Damals stellten die russischen Juden im Verhältnisse zu denen anderer Länder vielleicht das geringste Kontingent der Auswanderer. Nur der wahnsinnige Sadismus der Regierenden hat seit 1881/3 den systematischen Pogrom

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