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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1095 - 1096

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Julie Wolfthorn
Date
1911-12-01
Page
Seite 1095 - 1096 (sequence 4)
Language
German
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•10D3 Georg Hermann: Julie Wolfthorn. 100G Wenn wir z. B. liier die Männerbildnisse clor Julie Wolfthorn betrachten, so wird es uns aufrallcn, dass ihre besten Stücke' immer dL Bildnisse von Künstlern sind, von Bildhauern, von Dichtern und von Dichterphilosophen wie Constantin Brunner und Gustav Landauer, deren Psyche — man verzeihe, dass das Wort so oft vorkommt, aber es lässt sich schwer durch andere ersetzen, ohne unklar zu werden — einen ausserordentlich starken Einschlag von weiblichem Wesen hat, . . . der ja selbst bei einer so männlichen Erscheinung wie Richard Dehmel keineswegs fehlt. Und gerade, dass die Frauen, die wirklich künstleiische Werte geben, sich nicht allzu weit von dem entfernen, was der adäquate Ausdruck ihres Wesens ist, dass sie nicht in Konkurrenz mit dem Mann treten, sondern aus der Welt ihre r Empfindungen heraus schaffen, darin liegt dann für den Kunstfreund der feinste Reiz ihrer Werke. Sie schaffen nicht gegen den Mann, sie schaffen auch nicht m i t dem Mann, sondern sie schaffen n cb e n dem Mann. Und das ist der Beweis ihrer höheren — man möchte fast sagen — kunsthistorischen Berechtigung. * * * Ich erinnere mich noch deutlich, wo ich der Malerin Julie Wolfthorn das erstemal begegnete. Es ist JULIE WOLLTÜORX. IJERLLV. Gustav Landauer. schon eine ganze Anzahl von Jahren her, da hing in der Grossen Kunstausstellung das Bildnis einer Frau Konsul Auerbach — der nunmehrigen Gattin Richard Dchmcls. — Es war eine ganz schlanke, grosse Figur, — wenn ich nicht irre, muss die Künstlerin'vielleicht gesessen haben, während das Modell vor'ihr stand, so dass es übermässig hoch und gross aufragte, — und die Dame hatte ein Kleid an, das in grünen, roten und bläulichen Tönen changierte, kraftvoll und duftig zugleich — wie ein Plakat Cherets. Das Bild wirkte damals in seiner starken, kühnen und hellen Farbigkeit ausserordentlich überraschend. Üobcrraschcnd auch durch den Mut der Komposition. Ich habe es seitdem nicht wieder gesehen; und ohne Zweifel-sind die heutigen Arbeiten Julie Wolfthorns weit: farbiger, weit grosszügiger, denn sie hat ihre Vorliebe für helle, leuchtende, changierende Töne, für durchsichtige, perlmuttrige, bläuliche, grünliche und rötliche Werte noch ausserord mtlich gesteigert und verfeinert, . . . aber damals sah man doch darin die neue glückliche Farbenfreudj eines Feuerwerks, erblickte darin eine Erlösung von der öligen, dumpfen Schwere., die aller Malerei in jenen Jahren bei uns noch anhaftete. Ich glaube, es muss sehr durchsichtig gewesen sein, das Bild, and das Material der Farbe ist darin überwunden gewesen, wie es ja — und das scheint mir eine der feinsten Vorzüge der Künstlerin — in fast all ihren Gemälden überwunden ist. Sie liebt den Duft, die Zartheit der Dinge, das farbige Cachct dieser Welt. Sie wird nie schwer, niemals undurchsichtig und ölig. Das Atelier gilt ihr nichts, und der lichte Zauber der Freiluft ist ihr alles; selbst wenn sie gezwungen ist, im Atelier zu schaffen. "Wenn es irgendwie geht, malt sie ja auch ihre Bildnisse im Freien, wie es das Dehmclbildnis hier zeigt, und wie es noch besser eines, ihrer letzten Bildnisse aus Riga beweist. Ja, selbst das Bild des armen kranken Mädchens ist, — was bei der Reproduktion nicht ganz zum Ausdruck kommt, — unerhört licht und durchsonnt und man ahnt, trotzdem man nur einen Ausschnitt des Lagers sieht., die geöffneten Fenster und die Blumen, die das ganze Zimmer ringsum mit Farbe und leichtem Duft erfüllen. Ich sagte, dass Julie WolFthorn sich gewandelt hat. Und diese Wandlung ist vielleicht so zu erklären, dass sie im Anfang den letzten Duft nnd H auch der Farben, die letzte Zartheit des Materials mehr liebte, als die F a r b c n sei b s t und das Material selbst. Das ist eine etwas aristokratische Kunstvorliebe, di-3 man wohl verstehen kann, die aber, — sich steigernd, — leicht zur Verweichlichung führt. In einer Hcrbstlandschaft sah sie viel mehr den Nebel, der um die Bäume flackerte und die Farben sanfter erglühen Hess, als diese Bäume selbst. Bei einer schönen Frau sah sie mehr den Duft ihres Haares und jenen Schimmer des Teints, — jenen ganz leichten Flaum der Wangen, der in seiner Köstlichkeit uns an die Schale eines Pfirsichs erinnert, — mehr als eben jene Schönheit selbst. Sie liebt es, ihre Bilder zart und doch kühn zu stimmen. Aber vielleicht, dass sie selbst fühlte, dass das zu einer Klippe in ihrem Schaffen hätte werden können, dass eine weitere Steigerung:

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