Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- Julie Wolfthorn
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 1093 - 1094 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1093 Georg Hermann: Julie Wolhhorn. 1094 soll dio Entwicklung beginnen, dann wiederholen sie sich, werden nach kurzer Zeit schwächer und schwächer, und sinken nur allzu bald wieder in das Chaos der Unbekannten und Unbenannten hinab. Frauen, deren Psyche die Kraft hat, sich weiter zu entwickln, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, die sich wandeln, die reifer und besser werden, aus deren Wesen immer wieder neue Werke mit sich steigernder Vervollkommnung emporblühen, . . . solche Frauen sind sehr selten. Und auch zu ihnen muss Julie Wolfthorn gerechnet werden, die nicht bei den Resultaten ihrer Früh zeit stehen geblieben ist, sondern gerade in den letzten Jahren mit Glück und Kraft nach der Stärke eines neuen Stils strebt. Nun könnte man ja das eine sagen: Wii* haben genug Männer, die künstlerische Persönlichkeiten sind; und wenn noch ein paar Frauen zu ihrem Kreis hinzukommen, die dasselbe machen, wie die Männer, ebenso gut und ebenso stark, so ist das doch nur mehr ein n u m e r i s c h c r Gewinn. Aber der Witz an der Sache ist, dass ja dem nicht so ist, sondern dass die Frauen uns Dinge geben, — vermöge ihrer anders gearteten Seele, — die uns von der Kunst der Männer nicht geboten werden. Wenn mir jemand von der Zeichnung einer Frau sagt: „Sehen Sie nur diesen wundervoll kraftvollen Strich, ganz männlich," so habe ich von vornherein Misstrauen. Denn ich weiss, es ist etwas Angelerntes, das nicht ihrem Wesen entspricht. Vor einem Bild der Juli e W o 1 f t h o r n aber, oder der D o r a H i t z , oder vor einem graphi- JUL1E WOLFTHORN. BERLIK. Frau Ducha Przibischewska. JULIE WOLFTHORN. BERLIN, Richard Dehmel. sehen Blatt der Käthe Kollwitz, da habo ich die Empfindung, dass die Arbeit gewisse Qualitäten hat, die ein Mann nicht geben könnte. Er würde es vielleicht ebenso gut machen, aber sicherlich würde er es a n d e r s machen. Eine Frau, einen Stoff, ein Kleid, eine Landschaft, ein Kind, er sieht sie mit anderen Augen, vielleicht mit einer stärkeren Sinnlichkeit, aber sicherlich mit einem geringeren Verständnis für die rein ästhetischen Reize, für die Pieize des Materials, für den Duft oder für das Zusammenklingen der Farben. Jenes Mitleid mit der Schwester, das sich in einer Käthe Kollwitz zur Monumentalität steigert, würde e r nicht aufbringen, denn für ihn sind es doch zum Schluss Klänge aus einer anderen Welt, die er nur ganz fern und verschwommen hört, während es bei der Künstlerin die Grundakkorde der eigenen Welt sind.