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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1085 - 1086

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Ludwig Philippson
Date
1911-12-01
Page
Seite 1085 - 1086 (sequence 5)
Language
German
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1085 B. Saphra: .Ludwig Philippson. 1086 Schichte als Groll gegen das Judentum, die grosse Taufseuche fing damals an mit Heftigkeit zu wüten. Doch schon war das Heilmittel bereitet, welches der Abfallspest Einhalt gebieten und eine Verjüngimg des Volksorganismus herbeiführen sollte: die Wissenschaft des Judentums, deren vornehmster Repräsentant in Deutschland Leopold Zunz war, Philippsons um 17 Jahre älterer Zeitgenosse, den er um 3 Jahre überlebte. Eine starke geistige Gärimg erfasste die besten Köpfe der jüngeren Generation. Die prachtvollen Fernsichten auf die Vergangenheit des jüdischen Volkes, welche die jungen Forscher eröffnet hatten, stärkte das Selbstgefühl der Besten und belebte die Herzen mit neuer Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Mut zum Ausharren im Kampfe und zur Arbeit an der innern Verjüngung trat in die Gemüter. Und was diese Generation im Laufe des 19. Jahrhunderts suchend, irrend und findend, in schweren inneren und äusseren Kämpfen geleistet, wird ewig zum Ruhm des jüdischen Stammes gehören: der Ausbau der modernen Wissenschaft und Literatur des Judentums, die Versöhnung und Harmonisierung des Judentums mit den Formen der modernen Kultur, und endlich die grundsätzliche Anerkennung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden. Nach allen diesen drei Richtungen hin finden wir Ludwig Philippson in den ersten Reihen der Arbeiter und Kämpfer. Um die Wissenschaft und die Literatur des Judentums hat er sich ein zweifaches Verdienst erworben. Er war einer der fruchtbarsten Schriftsteller auf dem Gebiete der jüdischen Publizistik und der Belletristik, er hat sich unvergängliche Verdienste als Uebersetzer und Kommentator der Bibel erworben, und was viel wichtiger ist, er hat, über die Einzelforschungen seiner Mitstrebenden sich erhebend, deren Resultate zu einer Synthese ausgestaltet, den Sinn der jüdischen Geschichte, deren Wert für die Juden und die Gesamtmenschheit gedeutet. Er hat den tiefen Zusammenhang des religiösen Problems mit dem sozialen und mit der ganzen Krilturentwickhing erkannt und ist nicht müde geworden, in einer Reihe von Schriften, die zum grössten Teil noch heute äusserst wertvoll sind, dies zusammenfassend darzutun. Das heute so aktuelle Jesus-Problem hat er in einer scharfen, aber sehr vornehmen und objektiven Polemik gegen Kaiser Napoleon III. vor 45 Jahren noch angeschnitten. Diese Schrift Philppsons, die ungeheures Aufsehen erregte und in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde, hatte damals eine ganze Literatur hervorgerufen. Ebenso vornehm im Ton, als rücksichtslos und erschöpfend in der Sache, ist seine polemische Schrift gegen David Fr. Strauss' „Alten und neuen Glauben", die auch in der christlichen Welt tiefen und nachhaltigen Eindruck machte. — Philippson,' eine grosse und gönnende Natur, brach sehr oft anderen Gelehrten die Bahn und ebnete ihnen die Wege, teils indem er ihre Schriften durch das von ihm gegründete Institut für jüdische Literatur ans Tageslicht brachte, oder in seiner Zeitung und auch persönlich ihre Bestrebungen liebevoll förderte. Die Freude an allem Gedeihen, an allem kräftig sich regenden Leben war einer seiner tiefsten Wesenszüge. Das starke Bedürfnis nach einer Anpassung der äusseren Erscheinung und der Ritualvorschriften des Judentums an das, was man damals mit Vorliebe Zeitgeist nannte (das Wort klingt heute banal und leer), gab sich in einer zeitweise sehr heftig auftretenden Reformbewegung kund und tobte sich in Stürmen aus, die bis heute noch nicht beschwichtigt sind. Die Stellung, welche liier Philippson einnahm, war nicht etwa die eines Vermittlers zwischen den Extremen, sondern sie entsprang seinem tiefen Lebensgefühl und seinem grossen Verständnis für die Forderung der lebendigen Wirklichkeit einer lebendigen Gesellschaft. Er wusste, dass das Leben der grösste und unwiderstehlichste Reformator ist. „Nicht Reformation, sondern Regeneration", das war seine Devise. Er wusste, dass alles Bestehende aus den realen Bedürfnissen des Lebens hervorgewachsen ist und so lange eine Daseinsberechtigung hat, bis neue Formen, von innen heraus geboren, nicht von aussen künstlich aufgetragen, ins Leben hineingewachsen und mit dem Organismus sich so innig verflochten haben, dass sie sein Gedeihen sichern. Nicht die graue Theorie war seine Lehrmeisterin, darum war er kein Doktrinär, und liebte es nicht, wenn die Forscher alles, was sie am grünen Tisch ausgeheckt hatten, oder gefunden zu haben glaubten, brühwarm in die Tat umsetzen und das Leben damit tyrannisieren wollten. Er wusste, was für eine wichtige Funktion in der Oekonomie des sozialen Lebens einer konservativen Partei zukam und forderte für sie Toleranz von Seiten der Fortschrittler mit derselben Festigkeit, mit der er Freiheit des Gedankens und der Forschung für alle geistigen Bestrebungen forderte. Und weil er ein Feind aller seelenlosen, blutleeren Abstraktionen war, konnte er auch ein Judentum ohne Juden nicht fassen; während also andere direkt auf ein Schisma unter den Juden hinarbeiteten (was vollends den Untergang bedeutet hätte), war i h m „das leitende Moment bei allen seinen Bestrebungen dio geistige Vereinigung der Juden aller Länder". Derselbe staatsmännisch-praktische, von hoher geistiger Kultur getragene Sinn leitete Philppson bei seinen Kämpfen um die Emanzipation. Nicht nur für die Juden, sondern für das Judcnt u m forderte er Gleichberechtigung, darum stellte er dessen Sache auf das Prinzip der Gewissensfreiheit. So verknüpfte er scharfsichtig und weise die Interessen des Judentums mit den höchsten geistigen Interessen der Menschheit. „Der Jude muss wissen, wer er und was er in der grossen Geschichte der Menschheit ist, was er durch die Zeiten getragen, was er geschaffen und gewirkt und was er noch schaffen und wirken soll, jetzt und in zukünftiger Zeit." Just ein halbes Jahrhundert nach jener Scheinemanzipation der Juden, März 1862, erklärte der preussische Kultus minister v o n B e t h m a n n - H o 11 w e g imAbgeordnetenhause, ein Jude dürfe nicht als Lehrer an einer Bürgerschule-geduldet werden, denn „das Christentum allein sei tolerant, das Judentum und der . . . Atheismus dagegen unduldsam und verfolgungssüchtig!" So wenig nahe war man ans Ziel herangekommen. Philippson war stets wachsam gewesen und hatte keine Gelegenheit verabsäumt, die Absvehr gegen ungerechte Beschuldigungen sowie die Forderung nach Gerechtigkeit zu organisieren. Er war der unermüdliche und unerschrockene Rufer im Streite, und trug das Banner, um das sich die Gesamtheit scharte. Glücklicher als sein grosser Mitkämpfer Riesser erlebte er noch, dass die völlige Emanzipation errungen wurde und konnte sich ihrer Früchte nahezu zwei Jahrzehnte, freilich nicht ungetrübt, erfreuen. Er stand noch am Tage seines Todes in den ersten Reihen derer, die die Emanzipation gegen ihre neuen Feinde verteidigten. Aber wie sein Blick stets auf das Ganze gerichtet war, so verfocht er auch nicht nur die Emanzipation der Juden in Deutschland allein, sondern kämpfte für

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