Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 1083 - 1084 (sequence 4)
- Language
- German
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10S3 B. Saphra: Ludwig Philippson. 1084 Lemberger Synagoge im Gebrauche ist. Seine zweite Gattin, Täubchen, Tochter des Isachar Bor in Lemberg, gebar ihm 3 Söhne und 2 Töchter. Jakob Josua wurde Rabbiner in Tarla, Karow und Lisko (Linsk), nach dem Hinscheiden des Ghacham Zewi5) wurde er nach Lemberg berufen, von dort wurde er zum Oberrabbincr von Berlin erwählt. (Sein Schwager war Oberrabbmer von Halberstadt). In einem Prozess, den ein Berliner Bürger gegen den reichen Veitel Ephraim führte, wurde dieser nicht nur verurteilt, sondern bekam, auch noch vom Rabbiner ob seiner Ungerechtigkeit und Gewalttätigkeit ein kräftiges Wörtlein zu vernehmen. Das verzieh der allmächtige Emporkömmling und Gemeindopascha nimmer, er verbitterte dem gerechten Richter das Leben in Berlin so sehr, dass dieser mit Freuden dem ehrenvollen Ruf nach Metz (1734) Folge leistete. Dort publizierte er den ersten Band seines Pene Jehoschua, der seinen Namen in der ganzen Jndenheit berühmt machte, so dass ihm die Glaubensgenossen in der Türkei und Palästina das Ehrenprädikat eines Nassi erteilten. Von Metz wurde er (1740) nach Frankfurt am Main, der angesehensten und ehrwürdigsten Gemeinde Deutschlands, berufen. Seine letzten Lebensjahre waren getrübt durch neue Bedrückungen der Juden von Seiten des Frankfurter Rats, durch den Oligarchenstreit zwischen den dortigen Familien Kann und Kulp, schliesslich brachen noch Zwistigkeiten um Jonathan Eibenschütz aus, dessen Gegner Jakob Josua war, der aber in Frankfurt zahlreiche Anhänger hatte. Der Frankfurter Rabbiner verliess seine Gemeinde und führte Jahre hindurch ein unstätes Leben. Zu Mannheim starb seine Frau am letzten Thischri 1751. Nachher riefen ihn die Frankfurter zurück, aber nicht lange danach übersiedelte er nach Offenbach, wo er am Freitag, den 14. Schebat 1756 starb. Am Sabbat abends wurde er nach Frankfurt überführt, wo er tags darauf unter grosser Teilnahme der ganzen Gemeinde, die ihm viel abzubitten hatte, zu Grabe getragen ward. Sein ältester Sohn Nathan war Rabbiner in Dobromil (Galizicn) und half dem Vater in den letzten Tagen beim Ordnen und Drucklcgen seiner Werke. Sein zweiter Sohn Isaschar Ber, Rabbiner in Podhajcc (Galizien), wurde nach Frankfurt a. M. berufen, um neben seinem grossen Vater das Lehrhaus zu leiten, starb aber auf der Durchreise am 22. Cheschwan 1744 in Berlin, wo er auch begraben liegt. Er hinterliess einen Sohn Zewi Hirsch Rosanes, der nachmals Oberrabbincr von Lemberg war. (Das ist der Urahn des in Brody geborenen, berühmten Breslaucr Professors der Mathematik gleichen Namens). An die Stelle des so jung Dahingerafften wurde sein Bruder Arjeh Löb, vorher Rabbiner in Sokal und Swierz (Galizien), nach Frankfurt a. M. berufen, wo er bis 1748 amtierte. Dann kehrte er nach Sokal zurück, von wo er 1761 zum Landesrabbiner von Hannover erwählt wurde. Er starb daselbst 1789. Sein Sohn und Nachfolger Isaschar Ber (gest. 1807) hatte zwei Söhne, von denen der eine, Josef, der Stammvater der bekannten Familie Kehrend wurde, der andere. Samuel, nahm den Familiennamen Bernstein an, und wurde als Nachfolger seines Schwiegervaters zum Oberrabbiner von Amsterdam gewählt, in welchem Amte ihm sein Sohn Berisch folgte, der später zum Rabbiner von Haag gewählt wurde. (Als die deutschen Familiennamen eingeführt wurdrn. passierte es leider oft, dass leibliche Brüder 5) Vaters von .Jakob Emden, Urahn der noch heute in Hamburg blühenden Familie gleichen Namens. sich verschiedene Namen beilegten und .o den historischen Zusammenhang der Abstammung verwischten, so dass es dem Forscher Mühe bereitet, ihn wieder herzustellen.) So war der Stamm beschaffen, dem Ludwig Phi - lippson entsprosstf.6) Es ist ein stolzes Kapitel jüdischer Geschichte, welches sich vor uns bei der Betrachtung dieses Stammbaumes entrollt, und es erstreckt sich über drei Länder. Als blutjunger Mensch Hess einmal Ludwig Philippson in seinen „Liedern griechischer Weisheit" den Philosophen Anaxogoras sagen: „Meiner Väter Purpur warf ich hin, Den ererbten Schatz mit freiem Sinn : Der Gedanke ist mein höchstes Gut, Nicht der Körper und sein dunkles Blut." Er aber brauchte nicht den ererbten Schatz hinzuwerfen, um die Freiheit des Gedankens zu suchen, denn seiner Väter Purpur war nicht aus dunklem Blut, sondern aus Gedanken gewoben. Er brauchte nur ihr Werk in dem Geiste seiner Zeit und deren Bedürfnissen entsprechend fortzusetzen, um sich als würdiger Spross seiner Ahnen zu erweisen. Ludwig Philppsons Lebensgang und Wesensart als Mensch und Dichter sind in diesen Blättern ausführlich dargelegt worden.7) Hier möge er als Vorkämpfer der Emanzipation seiner Glaubensgenossen nach innen und nach aussen in seinen Hauptzügen charakterisiert werden. Er war noch nicht drei Monate alt, als die Juden Preussens „Gleichberechtigung" erhielten (11. März 1812), die Pforten der unteren und der höheren Schulen wurden ihnen geöffnet, zu Staatsämtern durften sie nur auf die jedesmalige ausdrückliche Genehmigung des Königs hin zugelassen werden. Dafür wurden den Juden alle Bürgerpflichten auferlegt, zunächst die J^lutsteuer. Preussen rüstete sich, das Joch der französischen Fremdherrschaft abzuschütteln. Napoleon hatte in den von ihm unterworfenen Ländern nach seiner Art auch den Juden bürgerliche Freiheiten gewährt. Als man sich nun anschickte, sein Joch zu brechen, bedurfte man der vereinten Kräfte aller Schichten der Nation, auch der Juden. Diese fochten und bluteten in den Freiheitskriegen an der Seite ihrer christlichen Mitbürger tapfer mit, aber kaum war der Sieg errungen, war auch der Rausch vorüber, und mit der „Mitbürgerschaft" hatte es ein vorzeitiges Ende. Die Juden wurden in ihre frühere Rechtlosigkeit zurückgedrängt. Die Hepp-Hepp-Bewegung war die Antwort auf die patriotische Begeisterung und Opferfreudigkeit der Juden, deren sich nun eine tiefe Depression bemächtigte. Der .Schmerz und die Beschämung, sich wieder zu Bürgern zweiter Klasse degradiert zu sehen, entlud sich bei einer zahlreichen 6) Interessant ist es, dass auch ein anderer grosser und erfolgreicher Verteidiger der Emanzipation der Juden in Deutschend, Gabriel Riesser, mütterlicherseits aus Litauen stammte. Sein Vater Lasar Riesscr-Katzenellenbogen, war der Schwiegersohn des vielverehrten und vielbewunderten Oberrabbiners von Hamburg-Altona-Wandsbeck, Raphael Kohea. Dieser war in Livland als Sohn des dortigen Oberrabbiners Ieknthiel geboren (1722). Er war Rabbiner in Wilkomir, Minsk und Pinsle (Litauen). Von dort ward er zum Landesrabbiner von Posen und von dort nach Hamburg berufen. Gabriel Riesser's Vater fand in seinem Sohn das geistige Ebenbild und die Charakterzüge des. Grossvaters wieder. 7) „Ost und West" Dezember 100L