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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1081 - 1082

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Ludwig Philippson
Date
1911-12-01
Page
Seite 1081 - 1082 (sequence 3)
Language
German
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1081 B. Saphra: Ludwig- Philippson. 1082 besonders am Herzen lagen, und deren Heraugsabc er noch auf dem Totenbett den Seinigen wärmstens empfahl, lange Jahre verpfändet waren. Als Lehrer und Forscher war er von grosser Selbständigkeit und Kühnheit.3) Während sein Meister R. Meir Lublin den damals in Schwang gekommenen Schulclian Aruch grundsätzlich ablehnte, behandelte er ihn viel rücksichtsvoller, ohne sich jedoch seinen Entscheidungen unbedingt zu beugen. Ueberhaupt setzte er den Anschauungen der Grössen der Vorzeit eine ungewöhnliche Unabhängigkeit entgegen: „Wenn du betonst, dass R. Josef Karo und R. Jakob ben Ascher die Sache anders aufgefasst haben", schreibt er an seinen seiner Freunde, „so hat das wenig zu bedeuten. Besitzen wir Heutigen denn nicht auch gesunden Menschenverstand? Nicht als ob wir uns den Alten etwa gleichstellen sollten, behüte! Aber immerhin haben sie uns Raum zur Entfaltung u n - serer Kräfte gelassen/' Oder: „Bei Gott, wenn die Autoritäten persönlich vor mir stünden und diese Ansicht verträten, ich kehrte mich nicht daran." Ein andermal: „Das ist das Uebcl unserer Zeit, dass man alles, was einmal in Druckerschwärze auf Papier verewigt ist, gläubig ohne Prüfung hinnimmt." „Ich weiss, meine Mühe ist vergebens, denn wenn einmal etwas in den neueren Responsen gedruckt vorliegt oder im Schulch an Aruch steht, so gilt es als Offenbarung, und käme Eliahu, der Prophet selber, und brächte die schlagendsten Beweise dagegen, man würde sich weigern, der Wahrheit gegen die Autoritäten die Ehre geben. Man nimmt lieber an, dass uns die Kraft ermangle, den Sinn der Alten, auch wo sie offenbar fehlgegangen, zu ergründen. Ich kann mich dem' nicht anschliessend Das war nicht etwa Freisinn moderner Art, sondern altrabbiriische Charakterfestigkeit und strenge Wahrheitsliebe. Diese Kämpfe focht er, der in rein rituellen Fragen ein strenger Rigorist war, meist in Verteidigung der Rechte verlassener Frauen (Agunoth) aus. Die „Agunah" war in jenen kriegerischen Zeiten, da die Welt in Waffen starrte, eine alltägliche Erscheinung. Blutjung verheirateten Frauen wurden bald die Ehemänner in die. ewige Gefangenschaft entführt, in der Ferne getötet, und die „lebendigen Witwen" mussten nicht selten ihr ganzes Leben vertrauern, wenn nicht der strikte Beweis geführt werden konnte, dass der Gatte, nicht mehr unter den Lebenden weilte. Josua war einer <ler unermüdlichsten Verteidiger dieser Unglücklichen gegen die Härten des Gesetzes. — In die Kabbalah, die in jener Zeit eine grosse Ausbreitung fand und gerade den kräftigsten Geistern eine Befriedigung •des metaphysischen Bedürfnisses bot, versenkte sich Josua tief, doch gestattete er ihr keinerlei Einfluss auf die Praxis. Ein Muster der Vornehmheit und Eleganz sind seine Polemiken mit grossen Zeitgenossen, z. B. Joel Särkes. Er zerpflückt seine Argumente gründlich und lässt kein Haar an seinen Behauptungen, tut dies aber mit so viel Zartheit und Anmut, warmer Hochachtung und treuherziger, unerschütterlicher Wahrheitsliebe, dass der Gegner entwaffnet werden musste. — Von seinen zahlreichen Jüngern, die sich einen Weltruf erwarben, seien hier nur genannt, der bereits erwähnte geniale Sabbathaj Konen; Rabbi GersonAschkenasi, nachmals Rabbiner von Krakau, Prossnitz, Hanau, Wien und Metz, Lehrer und Meister des R. David Oppenheimer, Begründers der jetzt in der Bod- 3) Seine Zeitgenossen gaben ihm den Beinamen „Charif", d. h. der Scharfsinnige, hat aber auch die Nebenbedeutung des Mutigen, Unerschrockenen. leyana zu Oxford befindlieh.m, weltberühmten hebräischen Büchersani inhing; R. Menachem Mendel Auerbach aus Wien, nachmals Rabinner in seiner Vaterstadt bis zur letzten Vertreibung der Juden von dort. Josuas drei Söhne bekleideten noch bei Lebzeiten des Vaters hohe Stellungen innerhalb der Judenheit und wurden Urheber von weitverzweigten Familien, die zum Teil noch in unserer Zeit blühen. Den drei Töchtern entsprossen gleichfalls zahlreiche Nachkommen, die zu den führenden Kreisen in den Gemeinden Polens, Russlands und Deutschlands gehörten. So wurde einer seiner Nachkommen, Benjamin Wolf, Rabbiner in Zmigrod, Galizien, von dort zum Landesrabbiner von Dessau erwählt, legte aber im Alter diese Würde nieder und zog sich nach Metz zurück, wo er ein vielbesuchtes Lehrhaus leitete. Ein anderer seiner Nachfahren war der 1869 verstorbene R. Salomon Kluger in Brody (der Brodyer Maggie!), eine der ersten und massgebendsten rabbinisehen Autoritäten des vorigen Jahrhunderts (er hinterliess nicht weniger als 10 000 Responsen auf Anfragen, die aus allen Weltgegenden bei ihm eingelaufen waren), dessen Nachkommen noch heute in geachteter Stellung in Galizien leben. Rabbi Josua Charif, Pene Jehoschua I, starb zu Krakau an einem Sonntag, den 25. Ab 1648, in dem Jahre, als die unheilvollen Kosakenwirren über Polen und die polnische Judenheit heraufzogen. * * * Josuas zweite Tochter heiratete Abraham llalewi. Genieindeältesten von Krakau und Marschall der Vierländersynode von 1684. Eine Tochter dieses Ehepaares4), Miriam, heiratete Zewi Hirsch, Sohn des Samuel Wendzymysler aus Rzeszow und gebar ihm zu Krakau 1680 oder 1681 einen Sohn, der nach seinem berühmten Urgrossvater den Namen Josua erhielt. Schon als Knabe zeichnete er sich durch grosse Begabung aus. Er heiratete jung die Tochter des Lemberger Gemeindepräsidenten Salomo Segel Landau, übersiedelte nach Lemberg, und als . jungen Mann schon finden wir ihn hier an der Spitze eines angesehenen Lehrhauses. Auch übertrug ihm die dortige Gemeinde das Amt eines Generalinspektors des gesamten Unterrichtswesens von Stadt und Land. Wahrscheinlich aus Anlass einer Krankheit wurde ihm, nach altem Brauch, der Name Jakob hinzugefügt, und seither zeichnete er immer ,,Jakob Josua von Krakau". Am 3. Kislew 1702 explodierte der in der Nähe der Lemberger Judengasse gelegene Pulverturm, viele Häuser, stürzten ein. Jakob Josua und seine ganze Familie gerieten in Lebensgefahr. Unter den Trümmern, zwischen Leben und Tod schwebend, gelobte der junge Gelehrte für den Fall der Rettung, eine Reihe von Abhandlungen über den Talmud zu verfassen, um nach System und Lehrweise seines Urgrossvaters den schlichten Sinn wahrheitsgemäss zu ergründen und der immer mehr einreissenden spitzfindigen Sophistik entgegen zu wirken. Das Werk wollte er ebenfalls Pene Jehoschua nennen. Er wurde wie durch ein Wunder gerettet, sein kleines Töchterchen, seine Frau und deren Angehörige worden als Leichen hervorgezogen. Jakob Josua stiftete zu deren Andenken einen prachtvollen. Vorhang für die heilige Lade, der an besonderen Sabbaten noch heutzutage in der alten 4) Einer ihrer Söhne. Samuel, war der Schwiegersohn des Isaak ben Abraham, Landesrabbiners von Posen und Grosspolen.

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