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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1079 - 1080

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Ludwig Philippson
Date
1911-12-01
Page
Seite 1079 - 1080 (sequence 2)
Language
German
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1079 B. Saphra: Ludwig Philippson. 10S0 seiner Zeit, u. a. des Maharam Lublin und des Josua Falk Kolien (Verfassers des „Sema"), einer seiner Freunde und Studiengenossen war der aus Deutschland nach Litauen gekommene Meir Kohen, Vater des nachmals so berühmt gewordenen Sabbataj Kohen (kurzweg als ,,Schach" bekannt). Jung heiratete er Miriam, die Tochter des Oberrabbiners von Brest in Litauen, und bald stand er an der Spitze eines sehr besuchten Lehrhauses, das seinen Ruhm weit hinaus in die Lande trug. Er war nacheinander Rabbiner in Prznmysl, Grodno, Tiktin und Lemberg; um das Jahr 1637 wurde er nach Krakau berufen, wo der Thron dos Oberrabbiners nach dem hochberühmten Nathan Schapiral) nahezu 6 Jahre lang verwaist gewesen. Das Krakauer Rabbinat gal t als die höchste Würde, die damals die Judenheit zu vergeben hatte. Lippmann Heller nennt Krakau „die grosse und hochgeachtete Muttergemeinde in Israel, weit berühmt im ganzen Abendland und auch in allen Ländern des Orients". Noch in viel späterer Zeit bewarb sich kein Geringerer als Simson Wertheimer von Wien um die Würde eines Rabbiners von Krakau, aber vergebens. Ein Rabbiner von Krakau war ein Souverän im Kleinen, freilich ein konstitutioneller Souverän, denn er hatte ein veritablos Parlament, die berühmte Vier-Länder-Synode von Polen, zur Seite, dh in der ganzen Judenheit das höchste Ansehen genoss, de- Ludwig ren Entscheidungen (Nach einer Büste in allen das jüdische Leben betreffenden Fragen in Polen volle Geltung hatten, die aber auch von den Juden der ganzen Welt respektiert, häufig angerufen wurden, so dass bei neueren Historikern sich die Legende herausbilden konnte, dass die Juden der anderen Länder der Synode auf irgend eine Weise rechtlich untergeordnet waren. Da die Synode die offizielle Repräsentanz der Judenheit der Regierung gegenüber war, hielt sie einen ständigen Legaten am königlichen Hoflager, den der König von Polen in seinen Erlassen „Judaeus, qui in nostra aula residet" nennt. Auf dieser Synode pflog der Rabbiner von Krakau, freilich als primus inter pares, zusammen mit den Rabbinern und Vertretern der hervorragendsten Gemeinden, Beratungen über die inneren und äusseren Angelegenheiten des jüdischen Volkes. Es 1) Verfasser des ,,Mcga Amukoth". war ein schweres und verantwortungsvolles Amt. dessen Träger darum auch die grossten Ehren genoss. Deswegen galt in Krakau auch der Grundsatz, dass ein Sohn nicht nach seinem Vater den Rabbinerthron besteigen durfte, damit sich nicht eine Art Erbrecht herausbilde, das diese vielbegehrte Würde in den Besitz einer Familie bringen könnte. Josua ben Josef aus Wilna stand in Krakau einem grossen Lehrhaus vor, zu seinen früheren Jüngern, die ihrem Meister nach seinem neuen Amtssitz gefolgt waren, gesellten sich zahlreiche neue aus aller Herren Ländern. Ausserdem bekleidete er die Würde des obersten Chefs der drei in Krakau residbrend-.m Geich tshöfe. Er amtierte gleichzeitig mit dem grossen Rabbi Joel Särkes und dessen Nachfolger, dem berühmten Lipmann Heller. Josua, der von Hause aus reich war, versah alle seine Würden und Acmter unentgeltlich, das verlieh ihm jedoch selbstverständlich keinerlei Ucbcrlegenheit seinen vom irdischen Glück minder begünstigten Kollegen gegenüber. Seine hervorragende Stellung verdankte er lediglich seiner persönlichen Kraft. Und es ist kennzeichnend für den Mann, dass er unter seinen Zeitgenossen als eine der gross ten Autoritäten, als eine der einflussreichsten und mächtigsten Persönlichkeiten galt, obwohl er bei Lebzeiten keine Zeile veröffentlicht hatte. Sein grosses Werk ,,Magine Salomo" Philippson wurde erst 66 Jahre ,-on Vandcrstappen.) nach Seinem Tode von seinem Urenkel Eljakum Götz, Rabbiner von Posen, in Amsterdam publiziert. Seine Responsen ,,Pene Jchoschna", nach denen ihn die Nachwelt benannte, ein Jahr darauf, aber nur zum Teil, im ganzen erst 1860 in Lemberg.2) Es war das Los der Rabbiner aus reichen Häusern, dass sie ihr ererbtes Vermögen im Dienste ihres Volkes aufbrauchten und meist arm starben. Rebus publicis serviendo consumimur, hätten sie sagen können, wenn sie Latein gekonnt hätten. So kam es, dass die Responsen ,,Penc Jchoschua", die ihrem Verfasser 2) „Maffine Sa^mo" wurde gleich nach dem Erscheinen vielfach begehrt und war bald vergriffen Jn Venedig erschien eine besondere Ausgabe für die sephardische Welt (1741). Die Responsen „Pene Jehöschua" bilden noch heute eines der wichtigsten Werke der rabbinischen Literatur, sind aber auch für den Forscher von grosser Bedeutung, zur Erkenntnis der Entwicklung des jüdischen Rechtes und der Sittengeschichte.

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