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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1077 - 1078

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Ludwig Philippson
Date
1911-12-01
Page
Seite 1077 - 1078 (sequence 1)
Language
German
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1077 1078 LUDWIG PHILIPPSON. Ein Qedenkblatt zu seinem hundertsten Geburtstag. Xachdruek verboten, Der achtundzwanzigsbc Dezember des Jahres 1911 sollte ein freudiger Erinnerungstag der deutscJien Judenheit sein. Und die Juden aller Länder des europäischen Kulturkreises, aber auch die in Westasien und Nordafrika werden sich eins mit ihren deutschen Brüdern wissen in der Huldigung an das Gedächtnis des Mannes, der vor hundert Jahren an diesem Tage das Licht der Welt erblickte. Denn Ludwig Philippson war einer der tapfersten und erfolgreichsten Vorkämpfer der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in Deutschland und zugleich einer der unerschrockensten, tatkräftigsten und besonnensten Pioniere des gesunden, organischen und normalen Fortschritts innerhalb des Judentums, dessen letztes Ziel ist: eine Synthese und harmonische Ausgleichung der vieltausendjährigen jüdischen Ueberlieferung mit dem, was das beste und lebensfähigste ist an der europäischen Kultur. Wenn heutzutage der deutsche Jude sich als Vollbürger seines Vaterlandes fühlen darf, wenn er hocherhobenen Hauptes von den Machthabern im Namen des Gesetzes die Erfüllung der ihm von der Staatsverfassung gewährleisteten Rechte fordern kann — aber auch wenn er mit berechtigtem Stolz auf seine grossen kulturellen Leistungen geistiger und wirtschaftlicher Natur hinzuweisen vermag und dabei sein Judentum nicht als etwas Ueberlebtcs oder Minderwertiges unter den Scheffel zu stellen braucht, sondern es als kostbaren Schatz, als Palladium, der Nachwelt zu überliefern, auf den Schild hebt, so möge er bedenken, dass er all dies zu einem sehr grossen Teile der fruchtbaren und segensvollen Lebensarbeit des Mannes verdankt, dessen Geburtstag am achtundzwanzigsten Dezember dieses Jahres zum hundertsten Male sich jährt. Allein die Tätigkeit Ludwig Philippsons, des Kulturförderers, des Vorkämpfers für Recht und Gerechtigkeit, des Schützers der Bedrängten und Entrechteten erstreckte sich weit über die Grenze seines deutschen Vaterlandes hinaus. Sein grosses und gütiges Herz umfasste die Glaubens- und Stammesbrüder alle, wo immer sie unter dem Druck der mittelalterlichen Vorurteile litten und im Dunkeln wandelten. Unter seinen Zeitgenossen war Mose s Montcfiore wohl der einzige, dessen Name weit und breit in der Judenheit einen solchen Klang hatte als Helfer in der Not, als Annehmer und Verteidiger der unterdrückten Brüder, wie der Ludwig Philippsons. Doch wäre es weit gefehlt, zu glauben, dass sein Herz nur für das Leid seiner Glaubensbrüder schlug. In seinem Kampf um Freiheit, Recht und Aufklärung kannte er, der glühende und überzeugungstreue Jude, die Grenzen des Bekenntnisses und der Nationalität nicht. Dafür zeugt jede Seite seiner Schriften und Reden. Wenn er vornehmlich als Vorkämpfer der Juden erscheint, so nur deshalb, weil er, durch Geburt und Schicksal in ihre Mitte gestellt, zu ihrem Wortführer sich berufen fühlte, und weil sie treuer und furchtloser Kämpfer mehr bedurften, als die andern. Diesen erstanden ja sogar aus den Reihen der Juden so zahlreiche Streiter, die ihre Interessen mit Leidenschaft und Wucht verfochten. Man denke z. B. an Lassalle, den um 14 Jahre jüngeren Zeitgenossen Philippsons, iW seine geniale Kraft ausschliesslich der Emanzipation der deutschen Arbeiterklasse widmete und in seiner ganzen Laufbahn — von den zeitweiligen Anwandlungen des sechzehnjährigen Knaben (IS'iO) abge- Von B. S a p h r a. sehen —"keinen Moment bedachte, dass seine eigenen Stammesgenossen in ganz Mittel- und Osteuropa als rechtlose Subjekte galten, die ausserhalb dos Staatsverbandes standen, nur zum Tragen seiner Lasten herangezogen wurden, aber von den Rechten des Bürgers ausgeschlossen waren. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, welch eine stattliche Reihe von bedeutenden Männern die letzten Dezennien des 18. und die ersten des 19. Jahrhunderts hervorgebracht haben. Wir leben heute noch von den Früchten ihrer Arbeit und blicken dankbar zu ihren Gestalten empor und feiern ihre Zentenari2n, und müssen uns mit banger Seele fragen, ob unsere Nachfahren dermaleinst unsere Namen mit derselben Verehrung nennen werden. . . Besonders im Schosse der deutschen Judenheit, die doch alles in allem nur einen kleinen Bruchteil des Gesamtjudentums bildete, sind Geister ersten Ranges geboren worden, die auf die intellektuelle und moralische Entwicklung des ganzen jüdischen Volkes die tiefsten Wirkungen ausgeübt und den deutschen Juden die führende Stellung unter ihren Glaubensgenossen bis auf den heutigen Tag gesichert haben. Unter ihnen ragte Ludwig Philippson hervor. * * * Sein Vater Moses, der sehr jung verstarb, war ein Urenkel des „Pene Jehoschua". Und so hoch schätzte er diese edle Abkunft, dass er auf dem Totenbett in der letzten Stunde zu den Umstehenden sagte: ,,Seht, ein. Enkel des Pene Jehoschua legt sich hin, um zu sterben \" Die Tatsache, dass ein junger Mensch im 39. Lebensjahre, Gatte und Vater von vier kleinen unversorgten Kindern, sich zum Sterben rüstete, war gering im Vergleiche mit der Tatsache, dass es ein Enkel des Penß Jehoschua war, der aus dem Leben scheiden sollte. Und sterben wollte er seiner glorreichen Ahnen würdig: ,,Jetzt gilt es, unser Gottvertrauen zu erproben. Wir wollen in liebevoller Ergebung die Schickung ertragen." Das waren seine letzten Worte an die Gattin. Wrer war der Pene Jehoschua? So manchem Leser wird vielleicht dieser Name ein Rätsel sein. Es ist auch gar nicht der Name eines Menschen, sondern eines Buchs, richtiger einer ganzen Serie von Büchern, die, anders als sonst in der Welt, dem Verfasser den Namen gaben und ihn in das Gedenken der Nachwelt herübertrugen. Aber eigentlich gibt es zwei Pene Jehoschuas. Urgrossvater und Urenkel, und von beiden will ich hier zum Ehrentag ihres illustren Sprossen etwas erzählen. Der erste Pene Jehoschua, Rabbi Josua ben Josef, wurde Ende der siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts in Wilna geboren. Er entstammte einer alten, hochangesehenen, durch Gelehrsamkeit undWohltätigkeit ausgezeichneten Familie, die seit Generationen zu den führenden Kreisen der Judenheit ihres Landes gehörte. Einer der Brüder Josuas war Rabbiner in Wilna und in einer anderen litauischen Gemeinde. Ein anderer Bruder, Mordechaj war Rabbiner in Lemberg, von wo er nach Tomaszow in Volhynien berufen wurde, dort fand er, ein Greis schon, den Märtyrertod in den Chmielnickischen Gräueln vom Jahre 1649. Der berühmteste der Brüder war Josua. Er war der Schüler der bedeutendsten Gelehrten

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