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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1045 - 1046

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Das jüngste Bild von Judentum
Date
1911-12-01
Page
Seite 1045 - 1046 (sequence 3)
Language
German
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1045 Dr. Max Eschelbacher: Das jüngste Bild vom Judentum. 1046 rechenhafte Gemütsverfassung" erwarte man von den Gläubigen. So bearbeite das Judentum die Seele seiner Bekenner und gebe ihnen die Seele des Kapitalisten. Wollte man ein Motto über dieses Bild vom Judentum setzen, man könnte nichts Besseres finden, als die Umkehrung von Ezechiels Wort „ich nehme das Herz von Fleisch aus ihrem Leibe und setze dafür ein Herz von Stein." Woher stammt dieses abstossende Bild? Es ist nicht gewonnen durch eingehende Betrachtung des Judentums. Denn genau in der gleichen Weise hat Sombart früher, als er noch nicht an die jüdische Religion dachte, den Kapitalismus charakterisiert. In einem kürzeren Auszug aus seinem grossen Werke „Der moderne Kapitalismus", den er 1904 gegeben hat, sagt er: „Das Symbol dieser Wirtschaftsform (der kapitalistischen) ist das Hauptbuch; ihr Lebensnerv liegt in dem Gewinn- und Verlustkonto. Im Konto: im Rechnen. In der Uebersetzung jedes Phänomens in das Ziffernmässige, im Aufrechnen und Gegenrechnen, in der nackten Geldwertung jeder Leistung. ... Die Idee einer notwendigen Kongruenz zwischen Leistung und Gegenleistung ist damit in die Welt gekommen. Wir können diese Seelenveranlagung, die solchem Verhalten zugrunde liegt, die Rechenhaftigkeit nennen." Genau das, was er 1904 vom Kapitalismus behauptete, sagt Sombart jetzt, 1911, dem Judentum nach. Die Charakteristik, die er diesem widmet, ist sichtlich nicht das Ergebnis einer tiefgreifenden Untersuchung unserer Religion, sondern sie ist von der Schilderung des Kapitalismus hergenommen und von aussen her wie eine Etikette dem Judentum aufgeklebt.* So gibt Sombart vom Judentum nicht ein Bild, sondern ein Zerrbild. Die Quellen und Zeugnisse des Judentums, die er anführt, hat er dazu noch zum guten Teil unrichtig zitiert und verkehrt wiedergegeben, nicht wenige besagen im Original genau das Gegenteil, wie die Wiedergabe in seinem Buche. Kritik an der Art, wie er seine Quellen und Zeugen reden lässt, ist darum unsere erste, aber nicht unsere einzige Waffe in der Auseinandersetzung mit ihm. Imponierend freilich wirkt zunächst die breite Grundlage, auf der unser neuester Schilderer sein Urteil über das Judentum aufgebaut hat. Die Bibel und die Apokryphen, den Talmud und den Midrasch, die Ikkarim des Joseph Albo und den Choreb von Samson Raphael Hirsch und noch sehr viel andere jüdische Literatur zitiert er, und der Riesenfleiss, mit dem er sich in ein ihm fremdes Gebiet eingearbeitet hat, erweckt aufrichtige Bewunderung. Um so mehr muss man es bedauern, dass er nur Sammelfleiss geblieben ist, während auf die Durchdringung des Stoffes und auf die Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten, die er bietet, keine Sorgfalt verwendet ist. Soweit die Darstellung der jüdischen Religion in Betracht kommt, hat Sombart aus dem jüdischen Schrifttum nur das ausgewählt, was seine Ideen zu stützen schien, alles, was ihnen widerspricht, hat er ignoriert. So hat er es sich trotz seines grossen Sammelfleisses in diesem Punkte dennoch sehr bequem gemacht und das Problem zum Schaden der Wahrheit wie seines eigenen Verständnisses ungeheuer vereinfacht. Nicht eine Darstellung der jüdischen Religion hat er so geliefert, sondern ein Plädoyer für seine Ideen, ein Plädoyer von seltener Einseitigkeit. Sombart fühlt wohl selbst, wie sehr seine Behauptungen anfechtbar sind, und um eine Kritik daran abzuschwächen, ja unmöglich zu machen, versichert er, dass man „aus dem Talmud alles, aber auch alles beweisen könne." Durch nichts konnte er seine eigenen Gedankengänge so sehr entwerten, wie gerade durch diese Behauptung. Kann man schon alles beweisen, dann kann man auch beweisen, dass der Talmud die Verkörperung kapitalistischen Geistes ist, dann ist aber auch, eben weil man alles beweisen kann, dieser Nachweis wertlos. Aber die ganze Behauptung ist falsch. Richtig ist nur, dass im Talmud die verschiedenartigsten Anschauungen von Welt und Leben ihren Ausdruck gefunden haben. Da kann man z. B. einmal lesen „Vor Gericht gibt es kein Erbarmen", ein anderes Mal aber das gerade Gegenteil „Jerusalem ist nur zerstört worden, weil seine Richter nach strengem Recht urteilten". In solchen Verschiedenheiten kommt der Reichtum des Lebens zum Vorschein, nicht aber die Vieldeutigkeit des Talmud. Es ist anderwärts damit nicht anders; wer auf irgend einem Gebiete darauf ausginge, Widersprüche zu finden, würde überall auf sie stossen. Schiller preist z. B. einmal den Menschen, er redet ihn an „Herr der Natur, die Deine Fesseln liebet, die Deine Kraft in tausend Kämpfen übet und prangend unter Dir aus der Verwilderung stieg", während er ein anderes Mal im schroffsten Gegensatz dazu klagt, „Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual." „Das Leben

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