Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- Das jüngste Bild von Judentum
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 1047 - 1048 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1047 Dr. Max Eschelbacher: Das jüngste Bild vom Judentum. 1048 ist der Güter Höchstes nicht, der Uebel Grösstes aber ist die Schuld", verkündet er einmal, während Goethe seinen Schatzgräber stöhnen lässt „Armut ist die höchste Plage, Reichtum ist das höchste Gut". Falls der Talmud, wie Sombart in seiner Unkenntnis behauptet, ein „Wust" ist, aus dem sich mit gleicher Leichtigkeit alles und jedes beweisen lässt, dann trifft der gleiche Vorwurf mithin das deutsche Schrifttum, ja jede Kultur in gleichem Masse. Im Talmud hat das Leben und Leiden von Menschen verschiedenster Art in verschiedenen Zonen, zu verschiedenen Zeiten, unter verschiedenen Verhältnissen seinen. Niederschlag gefunden, darum ist er so reich, so reich auch an Widersprüchen, wie das Leben selber, und dennoch eine einheitliche, in sich geschlossene, ganze Welt-. Wie willkürlich und einseitig Sombart bei der Schilderung des Judentums verfährt, wie er das Viele, das ihm nicht passt, einfach totschweigt, dafür e i n bezeichnendes Beispiel. Er will zeigen, dass die Juden immer ,,in zitternder Angst vor Gottes Zorn gelebt" haben und zitiert zum Beweis dessen aus dem 119. Psalm den Vers „Mir schaudert die Haut aus Furcht vor Dir, und ich bange vor Deinem .Gerichte", er setzt auch noch hinzu diese Worte des Psalmisten haben zu allen Zeiten für das-jüdische Volk ihre Gültigkeit bewahrt." Das Wort ist in Wirklichkeit ein erschütternder Ausdruck des .Bangens vor Gottes strafendem Gericht, aber es ist in keiner Weise die Darstellung der Empfindungen, die das jüdische Gemüt seinem Gotte gegenüber beseelen. Das hätte Sombart zahlreichen Worten des gleichen Psalmes entnehmen können: Zum Beispiel: Deine Gnade, Ewiger, lass mir widerfahren, Deine Hilfe, nach Deiner Verheissung. Ich freue mich an Deinen Geboten, die ich innig liebe. Dieses ist mein Trost im Leiden:. Dein Verheissen gibt mir neues Leben. Gesänge sind mir Deine Gebote in dem Hause meiner Pilgerschaft. Deiner Güte, Herr, ist der Erdkreis voll; Gott, lehre mich Dein Gesetz. Lass Deine Vaterliebe mich erquicken, dass ich lebe, denn Deine Lehre ist meine Freude. Wäre Deine Lehre nicht mein Trost, ich wäre längst vergangen in meinem Elend. Herr I Deine Barmherzigkeit ist gross, nach Deinen Rechten erquicke mich. Ueberströmend kommt hier und noch weiter in dem gleichen Psalm Freude in Gott, Liebe und Dankbarkeit zum Ausdruck, aber für Sombart existiert alles das nicht, er erwähnt nichts davon und kann dann stolz behaupten, dass wir Juden immer „in zitternder Angst vor Gottes Zorn gelebt haben." Wo er aber Stellen aus dem jüdischen Schrifttum wirklich anführt, sind seine Zitate ungenau und nicht selten völlig entstellt. Häufig verstümmelt er die Sätze, dafür fügt er zu anderen Stücke eigener Erfindung hinzu, bis das Zitat seinen Wünschen entspricht. Einige Stichproben mögen zeigen, welche Veränderungen das Quellenmaterial auf dem langen Wege vom Urtext bis in Sombarts Buch erfahren hat. Sombart. 1. Sirach 3,14. Güte gegen den Vater wird nicht vergessen werden und anstatt Sündenstrafen wird Dir Wohlstand werden. 2. Sirach 40,25. Gold und Silber erhalten auf festem Fuss (!). 3. Sirach 42, 1, 4, 5. Dieser Dinge schäme Dich nicht. . . . wegen des Erwerbs von viel oder wenig . . . wegen des Gewinnes bei Kauf oder Verkauf. Urtext. 1. Güte gegen den Vater usw. und anstatt Sündenstrafen w i r d sie feststehen1) 2. Gold und Silber erhalten auf festem Fuss, aber die Klugheit wird höher geachtet alsbeid e; nichts fehlt dem, der die Furcht des Herrn besitzt, und bei ihr darf man keine andere Hilfe aufsuchen. 3. Aber folgender Dinge schäme Dich nicht und lass Dich durch keinesMens.che n Ansehen zur Sünde verleiten: nicht der Genauigkeit m Mass und Gewicht, nicht eines geringen Vorteils in Kauf oder Verkauf. x) In diesem speziellen Fall ist Sombart unschuldig, da er hier der Uebersetzung von Ryssel (aus dem Griechischen) gefolgt ist. Wir übersetzen oben aus hebräischen Original. Der Sinn ist schwer festzustellen, aber sicherlich nicht, wie Ryssel übersetzt.