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Ost und West · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 991 - 992

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Article
Tondichtungen alttestamentlicher Texte von Johann Sebastian Bach
Date
1911-11-01
Page
Seite 991 - 992 (sequence 3)
Language
German
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991 Dr. Leopold Hirschberg-: Tondichtungen Alttestamentarischer Texte von Johann Sebastian Bach. 992 33. P s a l m 120, V. 2 u. 3. C a n t a t e 110. „Unser Mund sei voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens. Der Herr hat Grosses an uns getan!" Wie fröhlich-herzinnige Heiterkeit, wenn sie auf wahres Gottvertranen gegründet ist, auch in ernstester Umgebung bestehen kann, das lehrt uns dieses wunderbare, für den ersten Weih nachtstag bestimmte Werk, in welchem Bach mit einer Kunst ohne gleichen, ohne zu ermüden oder gar komisch zu wirken, das Lachen malt. ] Ich gebe ein paar Proben: Wenn wir nun bedenken, dass hier vier Chorstimmen sich fugiert durcheinander wirren, dass immer neue Kombinationen ersonnen werden, dass endlich das Orchester noch seine selbständige Sprache führt, so gibt es keinen Ausdruck für unsre Bewunderung eines so souveränen und kühnen Beherrschens aller Mittel. Wollte ein Kleiner sich an solche, hart an der Grenze des ästhetisch Erlaubten stehende Dinge wagen, er erlitte ein schmähliches Fiasko. 34. Psalm 130. C a n t a t e 131. Und nun kommen wir zu dem ,.Psalm Bachs", d. h. dexi einzigengrossen, den der Meister vollständig komponiert hat.*) Und wir müssen ihn dem Höchsten beizählen, was die Kunst aller Zeiten je hervorbrachte. Nach einem unsäglich ernsten, rührenden Vorspiel (Sinfonie) beginnen zunächst die Frauenstimmen zagend und leise: „Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu dir", wobei der in (br Tat in den tiefsten Tiefen sich bewegende Alt besonders ergreifend wirkt. Dann treten die Männerstimmen hinzu. Alles belebt sich: „Herr, höre meine Stimme, lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens" — eine grosse, mächtige Fuge. In Zerknirschung hebt dann eine einzelne Bassstimme an: „So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?", sie hört die wie ein Engel des Lichts darüber schwebende Verkündigung einer Frauenstimme in einer sanften Choralweise kaum; als diese aber immer eindringlicher wird, da erhebt sich der Gebeugte: „Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte". Wie ein Chor himmlischer Cherubim dringt nun das Largo ein: ,,Tch harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoff? auf sein Wort"; in pastoraler Färbung bringt der Tenor die grossartige Stelle: ,.Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache zur andern'-, abermals umschwebt von tröstender Choral weise aus Frauenmund. Und jetzt ist die Langmut Gottes erkenntlich geworden; nach dreimaligem, gewaltigem Anrufe: Jtfay*'- 'S j I 9 1 w U —jrtx&L- **••<*■* T* dringen die Jubelmassen des ganzen Chors mit ihrem: „Hoffe auf den Herrn, denn bei dem Herrn ist die Gnade, und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden" unaufhaltsam, begleitet von dem wie ein entfesselter Strom dahinrauschenden Orchester, bis zum Ende. Vor solchen Werken zerbrechen alle Schranken der Konfessionen; wie die Liebe Gottes, gehören sie aller Welt. 35. Psalm 139, V. 23. C a n t a t e 136. Ein langer» grossartig durchgeführter Chorsatz: „Erforsche mich, Gott* und erfahre mein Her/-; prüfe mich und erfahre, wie ich's meine", der Kraft und Demut miteinander vereint. *) A ergl. Nr. 30. 36. P s a 1 m 143, V. 2. C a n t a t e 105. Wieder ein Busspsalm: „Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht", für Chor, in zwei deutlich geschiedenen Teilen, einem langsamen und einem belebten, von dem man nur schon Gesagtes wiederholen könnte. Aber das kann man nicht oft genug betonen, dass solche Werke, die tatsächlich den Sinn der Worte voll und ganz erschöpfen, alles Moderne kläglichst versinken lassen. 37. Psalm 147, V. 12—14. Ca n täte 119. Ein brausender Hymnus „Preise, Jerusalem, den Herrn usw., für die Katswahl zu Leipzig 1723 von Bach komponiert, Beethovens „Weihe des Hauses" an Pracht vergleichbar. Unter Mendelssohns Leitung wurde das Werk am 23. April 1S43 in Leipzig, am Tage der Enthüllung des Bachdenkmals, aufgeführt. 38. Psalm 149. V. 1- 3. Motette 1 u. C a n - täte 190. Das erstere Werk ist eines der kolossalsten der ganzen Kirchenmusik, ein achtstimmiger Chor, dessen genauere Zergliederung eine besondere Abhandlung erforderte. Genüge hier der Hinweis, dass von Bach die schwierigsten Probleme musikalischer Satzkunst darin gelöst werden, ohne dem Geist der Musik den mindesten Eintrag zu tun. In der Cantate sind die Textworte freier behandelt. V. Oer Prophet Jesaja. 39. Kapitel 38, V. 1. Cantate 100. Die AVorte, die der Prophet zu dem todkranken König Hiskia, spricht: „Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben, und nicht lebendig bleiben" hat Bach höchst eigentümlicherweise als lebhaftes Stück komponiert. Die eiligen Zwischenspiele, mit ihren fast hüpfenden Tönen: versinnbildlichen das eilende Nahen des Todes und stellen diesen Sterbegesang in bedeutsamen Gegensatz zu den beiden anderen derselben Cantate (vergl. Nr. 23 u. 53 unseres Verzeichnisses). 40. Kap. 41, Ar. 10. Motette 4. Abermals ein Gigant, von dem dasselbe gilt, wie von Nr. 38. 41. Kap. 55, V. 10 u. 11. Cantate IS. Bedeutsames Rezitativ für eine Bassstimme; doch das Schönste an dem AVerk ist die grosse orchestrale Einleitung (Sinfonie), die das Fallen des Regens und Schnees, wovon die Worte roden, versinnbildlicht. 42. K a p. 58, V. 7 u. 8. Cantate 39. Ein von Mitleiden und Innigkeit förmlich überfliessender Chorgesang: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe ins Haus: so du Einen nackend siehst, so kleide ihn, und entzeuch dich nicht von deinem Fleisch. Alsdann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Besserung wird schnell wachsen, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird dich zu sich nehmen". Für e i n e n Chor eine bei Bach ganz ungewöhnlich grosso Anzahl von Worten, die aber in der Musik zu prachtvollster Steigerung gebracht werden. 43. K a p. 60, V. 6. Cantate 65. Ein mit Recht berühmter, kunstreichster Chor über die AVorte: „Sie werden aus Saba Alle kommen, Gold und AVeihrauch bringen, und des Herren Lob verkündigen". AVir geben eine Faksimile - Reproduktion der Handschrift des Meisters (erste Seite) und danken gleichzeitig der Königl. Bibliothek, der Besitzerin des kostbaren Schatzes. VI. Der Prophet Jeremia. 44. K a p. 5, V. 3. Cantate 102. Ein von Bach mit unsäglicher Liebe gearbeiteter Chor. AVie sind hier die Gegensätze zwischen dem: „Herr, Deine Augen sehen nach dem Glauben" und der wahrhaft erschreckend grossartigen Fuge, mit dem fast realistisch malenden Thema: durchgeführt! Und wie leitet dann der Bass eine zweite Fuge, mit einem neuen Motiv: „Sie haben ein härter Angesicht denn ein Fels, und wollen sich nicht bekehren" ein!

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