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Ost und West · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 993 - 994

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Article
Tondichtungen alttestamentlicher Texte von Johann Sebastian Bach
Date
1911-11-01
Page
Seite 993 - 994 (sequence 4)
Language
German
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993 Dr. Leopold Hirschberg: Tondichtungen Alttestainentarischer Texte von Johann Sebastian Bach. 994 4o. Kap. 10. V. 6. C a n t a t e 110. Ein sogen. Recitativo accompagnato. Wie sie die Zierden der Passionsmusiken sind, so auch dieser Cantate. 46. K a p. 16, V. 16. Cantate 88. Wohl die längste aller Bachselien Arien (108 Takte). Der erste Teil, ein liebliches Andante, durchweg sanft gehalten: „Siehe! ich will viel Fischer aussenden, spricht der Herr, die sollen fischen". Ein sehr schneller Satz schliesst sich als Gegenstück — in anderin Rhythmus — an: „Und darnach will ich viel Jäger aussenden, die sollen sie fahen auf allen Bergen und auf allen Hügeln und in allen Steinritzen". Die Schwierigkeiten des Vortrags dieser Arie (für Bass) sind als fast unüberwindlich zu bezeichnen. 47. Kap. 17, V. 9. Cantate 176. Einer der merkwürdigsten, aber auch wohl unbekanntesten Chöre Bachs. Die herbe, zornige Kraft der Prophetenworte: „Es ist ein trotzig und verzagt Ding um aller Menschen Herze" haben ihm zu einer Fuge mit fa-t grausam zu nennendem Thema:!tQ-tf'tjfc~+J Veranlassung gegeben. Dieser eifernde Ton hält während des ganzen Satzes, ohne dass sich seine Heftigkeit mindert, an und zeigt uns einmal auch den lehrenden, zornigen Meister. 48. Kap. 32, V. 41. Cantate 28. Lang ausgedehntes, ernst-schönes Recitativo accompagnato (Arioso) für Bass-SolOj mit feiner, selbständig ausgeführter Begleitung. VII. Die Klaglieder Jeremiä. 49. K a p. I, V. 12. Cantate 46. Von Kindheit an, noch lange bevor ich Baeh kannte, waren mir diese Worte als die ergreifendsten der Bibel erschienen: „Schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei, wie mein Schmerz, der mich troffen hat". Welch eine Welt von Klage und Jammer liegt doch in ihnen! Und so ist denn auch die aus ihnen gebildete Cantate Bach mein Lieblingsstück geworden. Schon durch die sanft-klagende Flötenrnelodie des Anfangs: beginnen und die anderen Stimmen den Gesang zu herzzerreissender Klage fortführen, dann steht man in Ehrfurcht vor der Grösse dieser Kunst. Heftiger, fast erbittert, erklingt das Gegenstück: „Denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht am Tage seines grimmigen Zorns". Die Sänger und Instrumentalisten sind wahrlich zu beneiden, denen die Ausführung dieses unvergleichlichen Stückes gegönnt ist. VIII. Der Prophet Hosea. 50. K a p. 11, V. 8. Cantate S9. Ungemein schwierige Bassarie: „Was soll ich aus dir machen, Ephraim? Soll ich dich schützen, Israel? Soll ich nicht billig ein Adama aus dir machen und dich wie Zeboim zurichten? Aber mein Herz ist anders Sinnes, meine Barmherzigkeit ist zu brünstig". Vielleicht eines der wenigen Stücke, die man als „veraltet" bezeichnen könnte. 51. K a p. 13, V. 14. Cant a t e 67. Ein Rezitativ mit freier Umbildung der Worte. IX. Der Prophet Micha. 52. K a p. 6, V. 8. Cantate 45. Abermals ein ungeheurer, mit der Einleitung volle 22S Takte umfassender Chorsatz bewunderungswürdigster Arbeit und dabei durchsichtigster Klarheit über die Worte: „Es ist dir gesagt, Mensch, Avas gut ist, und wa? der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, und Liebe üben, und demütig sein vor deinem Gott. " X. Das Buch Jesus Sirach. 53. K a p. 14, V. 18. Cantate 106. Und zum letztenmal treten wir in den Bereich des „Actus tragicus": „Es ist der alte Bund: Mensch, du musst sterben". Nur mit zwei Werken ist dieses erschütternde Memento mori zu vergleichen: mit Beethovens Lied „Meine Lebenszeit verstreicht" und dem zweiten Satz von Brahms' „Deutschem Requiem". Nur 15 Takte, aber Takte von wahrhaft grauenerregendem Düster und wehevoller Tragik, gleiten vor unserem Ohr vorüber. Das Thema: wird jeder empfindende Mensch beinahe zu Tränen gerührt. Und wenn die Alt-Stimmen, vom Tenor kanonisch gefolgt, das Thema des fugierten Satzes: mit seinen, zunächst den dröhnenden, ehernen Tritten des Schicksals vergleichbaren und dann wie ängstlich fliehenden Tönen, lassen uns einen abgrundtiefen Blick in des Meisters innerste Seele tun. Eür all das aber, was wir hier nur schwach und flüchtig andeuten konnten, gelten die schönen Worte, die Adolph Bernhard Marx für Beethovens „Missa solemnis" findet: Pähl, wie Nächtens der F e u e r b r a n d über versunken en Schätzen, leuchte t d a s beschreiben d e Wort, w o der Meister nicht Stimmen auf Erden gefunden hat, seine Gesichte zu v e r k ü n d i g e n. GLUECKUERLANGEN. Wenn sich zu uns die dichten Schatten neigen, Die lind und gut wie Sterbelinnen hüllen, Dann ist's, dass unsre tiefsten Wünsche steigen Nach letzten Glücken: dass sie sich erfüllen. A. Lewin zugeeignet. Der eine sucht, was er am" Weg'verloren, Nach einer Liebe, die er einst besessen. Und andr2 harren an den heil'gen Toren, Dahinter lächelnd waltet das Vergessen. Und Dunkle weiss ich, die beim Ruf des Fergen Zutiefst erbebend dieses Glück verlangen: Sie wollen e in mal — wär's aus ihren Särgen! — Nach einst verwehrten Kinderspielen langen. Theodor Zlocisti. Berlin

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