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Ost und West · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 977 - 978

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Article
Die beiden Schwestern
Date
1911-11-01
Page
Seite 977 - 978 (sequence 5)
Language
German
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977 J. L. Perez: Die beiden Schwestern. 978 mochte er nicht. So nahm er sein Weib und seine Tochter Nechamah und zog mit ihnen zu einem andern Gutsherrn in ein Dorf, das noch weiter von Prag entfernt war. Er fand des Gutsherrn Wohlgefallen und konnte sich einen kleinen Laden öffnen, in dem er Salz und Brot und andere Waren des täglichen Gebrauchs feilhielt. Nachdem er die notdürftigste Ordnung geschaffen, Hess er das Geschäft seinem Weib und seiner Tochter, und er selbst zog in die Amtsstadt, um seinen Prozess gegen den alten Grafen zu führen. Denn er hatte den Vertrag verletzt, obwohl er noch bestand. Auch jenen Juden wollte er vor den Rabbi laden, clor ihm sein Einkommen genommen hatte. Aber so schnell, wie gedacht, wird's nicht vollbracht, zumal wenn man leere Hände hat. Der sein Berater und Helfer war — der alte Rabbi — war wenige Tage nach der Hochzeit gestorben. Lange Monate war das Lehrhaus verwaist, und es war kein Richter und kein Gericht in der Gemeinde. Und als schliesslich doch seine Sache zur Verhandlung kam und Jcchicl als Sieger hervorging, da weigerte sich der Frevler, der ihn um Haus und Hof gebracht, das Urteil des Gerichtes anzuerkennen. Die Macht aber, dem Armen sein Recht zu erzwingen, hatte der neue Rabbi nicht. Er war jung, und die Zeiten begannen sich zu wandeln. . . . Vollends erfolglos war der Prozess gegen den Grafen. Jechiels Ansprüche wurden abgewiesen und, da er die Kosten des Verfahrens nicht beibringen konnte, musste er eine schwere Zeit im Schuldturm sitzen. Jahre waren ins Land gegangen. Das Unrecht, das ihm widerfahren, hatte Jechiel zum Greise gemacht. Die Spannkraft war ihm genommen. Das Leben ward ihm zur Qual. Und dann die Not! Wie ein gütiger Befreier kam ihm der Tod . . . Tapfer nahm sein Weib die Arbeit auf. Stolz trug sie die Last. Aber die Trauer zerfrass ihr Herz, und die Tränen in den langen Nächten der Schlaflosigkeit konnten das brennende Weh nicht löschen. An einem Wintermorgen war es, da stand Nechamah vor einem stillen Bett. Sie presste eine Hand, und die war kalt, und ihre Küsse bedeckten zwei Lider, die sich nicht mehr zu lieben Blicken heben konnten. . . . Nechamah war eine Waise geworden. W7io ein Stein so einsam und verlassen war sie im Dorfe. Nur die Not blieb ihr treu. Im Dorfe war ihres Bleibens nicht. Sie war eine Fremde und hilflos. Ihre stille Art machte sie den Bauern nur fremder. Und die Knechte wagten sich vor mit rohem Spass. Damals war es, dass sie sich aufraffte und ihrer Schwester einen Brief nach Prag schrieb. Aber sie erhielt keine Antwort. So gingen noch Wochen dahin qualvollen Wartens. Das Wort, das Hilfe bringen konnte, blieb aus. — Mühselig rang sie ihrer Zurückhaltung einen Entschluss ab. Sie musste fort. Sie musste ihre Schwester suchen. Die mit ihr das Lager geteilt, konnte doch nicht die Stimme des Blutes vergessen Es war eine schwarze Nacht, da sie sich auf den Weg machte. Sie verschloss ihren armseligen Kram und schlich sich wie ein Dieb zum Dorfe hinaus. Es war tiefe Stille rings auf den Feldern. Ihre Schritte hallten nicht in dem weichen Boden. Nur ihr Herz pochte. Und es war ein Rufen in seinem Schlagen von einer Stimme, die oft aus fiebrigen Träumen zu ihr gesprochen und sie aus dem Schlaf erweckt hatte. Gleichförmig zog sich der Weg hin. An Wiesen vorbei und an Aeckern, die eben erst der Pflug aufgerissen. Der dampfende Atem der Erde schlug ihr entgegen. Aber sie schritt durch das Dunkel hin, ganz ihrem Sinnen hingegeben.— Und also wandernd kam sie in einen tiefen Wald. Sie suchte vorwärts zu dringen und fand nicht Weg noch Steg. Ihre Kleider zerrte das Gebüsch. Neigendes Gezweigc schlug ihr ins Gesicht. Ihr Fuss stiess gegen Wurzeln, die sich der Haft dunkler Schollen entwanden. Es raschelte im dürren Laub, und wenn ein Windstoss gegen die Baumkronen schlug, war es ein Seufzen, das anschwoll zum Stöhnen und also klang, als wenn eine Mutter um ein krankes Kind weinte. Dunkle Stimmen wurden laut. Der Schrei eines aufgeschreckten Vogels, Krachen im Geäst, der unheimliche Hall von Schritten und plötzlich das Heulen der Wölfe. Nechamah lauschte den Stimmen der Nacht und ihr war, als hörte sie Schritte. Schleichen sich hungernde Raubtiere heran, sie zu verderben, eh sie ihr Ziel erreicht? Da griff ihr die Angst fest ans Herz. Auf der Erde konnte sie nicht bleiben, weil sie schutzlos zu jedem Unheil stand. Da tastete sie sich an einen Baum, kletterte an seinem Stamm empor und setzte sieh in das Geäst, wie sie es oft in den Tagen ihrer Kindheit getan; und dort unter dem schützenden Dach wollte sie wohlgeborgen des Morgens harren, der doch kommen musste, sie zu erlösen. . . . Da traten die lieben Gebete zu ihr und gingen in ihre Seele ein und füllten sie mit tröstender Hoffnung. Und ganz versunken in diesen stillen Wronnen hörte sie nicht, was der W'incl ihr zutrug. Erst als das Kläffen von Hunden näher und näher kam, und hier und dort das trübe Licht von Fackeln durch die Lücken des Laubwerks schlug und unheimlich verschwand, lauschte sie auf. Schon drang der Hall eines Hifthorns an ihr Ohr. Wildes Leben durchtobte den Wald. Stürmen Reiter einher? Es dröhnte der Hufschlag gepeitschter Pferde über krachende Reiser. Die Meute heulte. Stimmen von Menschen riefen. Immer näher und näher drangen die Schreie. Und bald stand ein Rudel bellender Hunde um den Baumstamm, auf den sich Nechamah geflüchtet. Jetzt sprengten auch die Reiter heran. Warum stehen nur die Hunde um den Baum? Haben sie ein edles Wild gestellt? Da verhüllte sich Nechamah tiefer in ihre Tücher, dass sie nur ein nächtiger Schatten bliebe. Aber schon leuchteten die Fackeln auf. Die Reiter sahen oben im Gezweigc die dunkle Gestalt. Es war kein Wild: ein armes, verhärmtes Judenmädchen. Man holte sie vom Baum herunter; und wie sie zitternd in ihrem Elend vor den Reitern stand, nur mit den Augen um Gnade bittend, da streichelte ihr der eins liebkosend das Haar und tröstete sie: Ihr würck kein Leid geschehen. War es die Not des Mädchens, die dem Reiter ans Herz griff? Wie ein Morgenstern leuchtete sie in ihrer stillen Pracht. Und lieblich schien sie wie eine Rose. Und da sie ein paar Schritte tat, war dem Reiter, als ginge eine Königin zu ihm im Bettler-

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