Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die beiden Schwestern
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 975 - 976 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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075 J. L. Perez: Die beiden Schwestern. 976 Seele suchend und harrend verlieren. "Wird die Sünde sie nicht auf einsamen Wegen finden? . . ." „Dank Euch," sagte Jechicl Michel mit heiserer Stimme. „Ihr habt recht.Doch,was soll ich selbst tun?'*' Da sagte der Rabbi: „Ich werde dir helfen. Mein Bote wird gehen, wohin ich ihn schicken werde. In ein Haus, wo Menschen sind, in die Stadt, wo Leben ist und —soviel wie uns erlaubt ist, — ein bisschen vom Diesseits. Sei guten Mutes: Gottwird helfen. Zu deinem Tröste aber, Jechicl Michel, sage ich dir, wenn du mit deiner zweiten Tochter kommst, dann werde ich dir zu einem Eidam veihelfen, zu einem Kleinod/' 5. Und also kam es. Auf des Rabbi Rat und ganz geheim wurde Malka mit einem schlichten Mann verheiratet. Bis zur letzten Minute hatte sie nicht geahnt, warum die Schneider so schöne Stoffe brachten und Mass zu bunten und dunklen Kleidern nahmen, und warum man sie eines Tages in grauer Frühe weckte, um sie nach Prag zu führen. Und als sie endlich begriff, sprach sie kein Wort und schloss nur fester ihre junge Seele ab. Was drinnen lobte, wusstc keiner. Aber sie sah blass aus, und ihre Augen waren zu Boden gesenkt. Zuerst liiess man es bräutliehe Scham, dann sagte man ergeben: Gott hat sie also geschaffen. . . . Sie trat in ein fremdes Haus und liess sich leiten. Ohne die Schwieger ging sie keinen Schritt. „Malka! Willst du heut nicht spazieren gehen?" Sie sagte nichts. Sie folgte. Nur ihre Blicke zogen in die Ferne. . . . Ihr Leben floss dahin ohne Wunsch und ohne Verlangen. Jeder Tag war wie der andere, und sie nahm ihn gelassen. Ihre Sitte war züchtig, gemessen und schien geadelt zu sein in festlicher Stille. Und wundersam-ernst wurde ihre Schönheit, still und feierlich. Wenn sie am Sabbat im schwarzen Kleide mit den goldenen Spangen, die Alabasterkette auf dem weissen Hals, blitzende Steine in den Ohren, durch die Strassen schritt, blieben die Frauen stehen, und sie sagten: Sie ist eine Prinzessin. Sie aber sah nicht um sich und hörte nichts. Sondern ging unberührt von Wort und Blick zwischen Schwicgcr und Schwägerinnen in die Frauen-Synagoge. Am Gitter war ihr Platz. Und immer gleich blieben Geste und Gebärde: ihre Lider gesenkt. Ihre weissen Finger lösten die silbernen Klammern des goldgeschnittenen Gebetbuches. Und es schien, als zitterten ihre Lippen --im Gebete? . . . Wahrlich! Eine Zierde war sie, wie ein edler Kristall, glitzernd und schön, die Lust des Gatten. Aber vor ihrer Seele standen die nächtigen Bilder aus der Schenkstubc. Da tönte Gesang und Spiel, der Hall der tanzenden Schritte und das fröhliche Lachen der Bauern und Mägde. Da wurden die bunten Träume wach, die so schelmisch kosen können, und im verschwebenden Glorienschein stand vor ihr die seimige Gestalt des jungen Grafen. Sie brauchte nur die Augen zu schliessen — am Gitter des Tempels; wenn der Sabbat fortging oder wenn sie die Sabbatlichte segnete, und ein süsser Rausch durchwalltc sie. Weiche Jünglingshände griffen nach ihr. Da pochten zwei junge Herzen aneinander. Hell klangen die Zimbeln, lustig zwifschertenj_die Geigen. Baiierjungen schlugen den Takt mit derben Händen, und die schweren Stiefeln dröhnten gegen den Boden. Und er — der stolze Grafensohn — hüpfte mit ihr im Wirbcltanzc einher. Und dann drängten sich andere Träume in ihre Seele: Der dunkle Wald. Das dampfende Stoppelfeld. Und zweiMenschen stürmten auf weissen Pferden über dasLand. Sie und der Graf. Da dröhnte die Erde, und ihr tiefer Sang klang ein in den Jubelruf der Reiter. . . Vor ihren Augen und vor der Welt stand das Bild ihres Helden. Und wenn ihr Mann sich ihr näherte, dann schloss sie die Augen und herzt,) und küsste — den jungen Grafen. Und wenn ihr Mann sie anflehte: „Mein Lieb7 öffne mir dein Auge, die Pforte meines Paradieses!" — Vergebliches Flehen! Und wollte er sich zürnend abwenden, dann umschlangen ihn ihre Hände wie Klammern. Und schrak er zusammen von der Gewalt dieser Leidenschaft und wollte sieh freimachen, dann hat sie mit verhauchender Stimme: „Mein Graf, mein Graf, mein Adler!" Da glaubte er, dass sie ihn in der Sprache ihres Dorfes als „ihren Grafen, ihren Adler" herzte. Und selig liess er sie gewähren. „Mag sie die Augen nicht öffnen, wenn sie sich schämt!''' —--— So lebte Malka ihre Jahre dahin. Still und einsam. Und in verzehrendem Sehnen. Sie blieb kinderlos.— 0. Ganz anders entwickelte sich das Schicksal von Jechicl Michels ältester Tochter Nechamah. Bitterer noch, da auch die Verhältnisse der Eltern eine vollständige Umwandlung erfuhren. Natürlich, wie es sich nun einmal trifft, nicht zum Besseren! Kaum war das letzte Lied verklungen und der letzte Tanz auf der Hochzeit der jüngsten Tochter vorbei, als Jechicl Michel von Prag wieder heimfuhr. Nur wenige Taler hatte er in der Tasche. Aber der Fragen an die Zukunft und der Kümmernisse seines Herzens waren viele. Wie Ewigkeiten dauern ihm die Stunden der Fahrt. Eine dunkle Ahnung spornte ihn zur Eile. Und kam doch viel zu früh für die Schwere seines Unglücks. Schon an der Grenze seines heimatlichen Dorfes sah er die Not: all sein Hausgerät, Betten, Tische und Bänke der Gaststube lagen auf freiem Felde. Ein Bauer vom Gutshof stand bei dem Cxcrät als Hüter. Aber schlimmer noch: Sogar der Eintritt ins Dorf wurde ihm verwehrt. Nur dieses konnte er erfahren, dass ihm jemand, als er noch auf der Hochzeit tanzte, die Schänke ausgemietet hatte. Der junge Graf hatte den Vater überredet, das Mehrangebot auf die Wirtschaft anzunehmen. Und schon sass ein anderer Jude auf dem Krug. Da hüben das Weib und die Tochter zu weinen und zu wehklagen an. Jechicl Michel aber bat den Hüter, ihm wenigstens zu gestatten, zum alten Grafen zu gehen, um mit ihm zu sprechen. Aber der Hüter trieb ihn zurück und nahm drohend seine Büchse von der Schulter und sagte: „Geh! Oder ich schiesse; ich — muss schiessen." Es war ein Bauer, der Jechicl gut kannte. Ihm standen die Tränen in den Augen. Doch der Gutsherr hatte befohlen; und er hätte sicher geschossen. Was sollte da Jechiel Michel machen? Nach Prag zurückfahren und mit seiner Armut cÜ3 junge Ehe verfinstern,