Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die beiden Schwestern
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 979 - 980 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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979 J. L. Perez: Die beiden Schwestern. 9S0 gewand. Sein .jugendlicher Sinn flammte auf. Erhob das MädcJien auf sein Pferd und sprengte mit seiner Beute im wilden Galopp in sein Scliloss. . . . 7. Als die Ohnmacht von ihr wich und Nechamah wieder die Augen dem Lichte öffnete, sah sie sich in einem prunkvollen Gemach. Kosende Hände strichen durch ihr Haar und streichelten ihre Wangen. Und auf ihren Lippen brannten zwei Lippen. Und da sie die Küsse des stolzen Marines fühlte, wusste sie, dass sie verloren war. . . . Stürmisch riss die Leidenschaft sie an sich und zwang sie nieder. Sie schrie auf. Aber nur das unheimliche Feuer zweier Augni gab ihr die Antwort. Da flehte sie: „Ich bin ein schwaches Weib. Ich weiss, dass ich wehrlos bin. Du hast meinen Körper genominen. Sag mir, dass du meine Seele nicht rauben willst. Lass mir ihre Reinheit. Lass mir meine Träume und lass mir die Heiligkeit meiner Gedanken.'' Und sie wurde die Gefangene seiner Leidenschaft. . Sie. war seine Sklavin. Und er diente ihr in Treuen und in Liebe. Und all sein Sinnen war, nur Freude in ihre Schwemmt zu tragen und Glanz in ihre dunkle Versonnenheit. Geschmeide wies sie herb zurück; und die kostbaren Gcwänderanit denen er sie schmückte, trug sie wie Trauerkleider. Aber einmal hellten sich ihre Blicke, als er ihr ein Buch reichte. Es war ein Gebetbuch in den alten, ernsten Zeichen. Hastig gl iff ihre Handnachdem Buch. Aber sie legte es schnell —zutiefst erschauernd! — beiseite: „Meine Hände — sagte sie — sind nicht würdig, das heilige Buch zu berühren." S. Fischer feierte am ±2. Oktober sein 25jähriges Verlngsjubiläum. Ich glaube, auch ausserhalb der literarischen Kreise ist man sieh der Bedeutung dieses Mannes und seine Verdienste um die moderne deutsche Literatur bewusfjt, wenn man sich fragt: wären all die Modernen auch so gediehen (freilich Wedekind, Hamsun und Strindbcrg, hat auch zu deren Schaden, Fischer verpas.it), würden sie jetzt so dastehen, wenn nicht der junge Samuel Fischer mit seinem sicheren Sinn im rechten, kritischen Augenblick eingesetzt hätte? Im jungen, aufstrebenden Berlin des neuerblühenden Deutschlands gab e? vor einem Vierteljahrhundert bessere, sicherere Geschäfte, eine beliebtere, gefälligere Literatur als die paar revolutionären Hitzköpfe, an die man erst glauben musste. Und dieser Glaube war das grosse Verdienst dieses Nichtliteraten, der jetzt ein so grosser Faktor im deutschen Geistesleben ist, von dem aufgenommen und anerkannt zu werden den Ehrgeiz und die Ehre eines jeden Schriftstellers innerhalb und ausserhalb Deutschlands bildet. Zwei Qualitäten sind es, die Fischer gross gemacht haben, ihm die führende Rolle gesichert und die Liehe der literarischen Welt erobert. Das sind: der sichere Instinkt, die feine Nase für alles, was in der Kunst lebensfähig, echt und ehrlich ist; herauszufühlen, wo der Nerv einer wahren Literatur vibriert, in wem das Blut des Künstlers pulsiert. Literarisch-kritische Schlagworte kommen auf und verschwinden, sind oft mir ihrer selbst willen da, ihrer eigenen witzigen, spielerischen Form willen, fast Selbst- 8. Eswarein seltsam verworrenes Leben, dass sie — die gefangene Königin! — auf dem Gutshof lebte. So ganz anders war es als das ihrer zücbtigcn Schwester in Prag. Beide waren sie Fremdlinge in ihrer Welt, und sie gingen ihren Weg des Zwanges, träumend von Wonnen, nach denen ihre Seele lechzte. Ihre Augen waren zu Boden gesenkt, denn das Leben, das um sie war, war Qual. Sie waren verbannt von den Quellen ihrer Seligkeiten. Malkas Seele war von den Sünden befleckt. Aber ihr Körper war nicht entweiht. Nechamabs Seele war keusch und rein, hatte sie auch ihren Körper preisgeben müssen. Bei den Küssen ihres Gatten fühlte Malka die Wonnen des Kusses des jungen Grafen. Aber Nechamah scliloss dann die Augen, und sie fühlte den Kuss — ihrer Mutter. Mutter herzt mich und küsst, und schmeichelnd khrt sie mich den Segen sprechen und liebe Gebete." Ein Fremder heischte ihre Liebe. Sie gab sie, und gab sie — der Mutter. Die Mutter war es, die sie umarmte. „Sag mir, Mütterchen, noch einmal den heiligen Spruch!" So hauchte sie leise, und ihre sündigen Lippen wagten kaum, die heiligen Worte der alten Sprache zu flüstern. Aber in ihrer Seele lebten sie, dort leuchteten sie in dunklen Flammen. Von Nechamahs Sarg stieg eine weisse Taube empor in den hellten Himmel. . . . Hörst du schwarze Krähen krächzen? Malka ist gestorben. Nachdruck verboten. zweck wie die Kumt. Aber seine feine Nase muss dem Verleger ein sicherei er Berater sein als der Mund des Kritikers. Die zweite Qualität, die für einen Verleger fast so wichtig ist als sein Instinkt, das ist die ritterliche Noblesse, die selbstverständliche Vornehmheit in der Behandlung seiner Autoren im allgemeinen und in Honorarfragen im besonderen,Fragen, denen so manche andere nicht gewachsen sind, hei denen so manche versagen. . . . Diese Eigenschaft im Verein mit der Grosszügigkeit und künstlerischen Lauterkeit, der wahrhaft kommerzielle Sinn, Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten von sich fernzuhalten und der Wille, die richtigen Redakteure und künstlerischen Beiräte heranzuziehen, machten ihn zum so ausgezeichneten Geschäftsmann, der es bewiesen, dass auch vornehmer Geschmack und rein künstlerische Absichten ein gutes Geschäft sein kann. Und sein guter Stern hat es gewollt, dass der zähe Idealismus, mit dem er seine Zeitschrift die „Freie Bühne" trotz systematischer Verluste aufrecht erhielt, belohnt winde, indem die daraus hervorgegangene „Neue Rundschau'" die führende Rolle in der deutschenGeistefwelt übernommen hat. Und vielleicht bestand?ein guter Stern nur darin, dass er die Fähigkeit hatte, den richtigen Stern herauszufinden, und das nennt man eben Glück. Und w,enn man noch eine andere Eigenschaft hinzufügt: seine sachliche Bescheidenheit, die Gabe, seinen eigenen Rahmen auszufüllen, der Takt, mit dem er nie die Vollmachten sprengt, die ihm von den Genien auferlegt — dann begreift man auch seine e.\zepticnelle gesellschaftliche Stellung. Im selben Masse, wie sich in seinem Verlag die besten Kräfte der deutschen Literatur vereinen, versammeln sich in seiner Villa im Gnme- S. FISCHER. Von Paul Barchan.