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Ost und West · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 973 - 974

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Article
Die beiden Schwestern
Date
1911-11-01
Page
Seite 973 - 974 (sequence 3)
Language
German
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973 J. L. Perez: Die beiden Schwestern. 974 nur immer stärker an, da er Malke nur nocli versonnener sah in der Welt ihrer Phantasie, und ganz verloren in Träumen, die er nicht kannte, die aber gefährlich sein mussten. Da Hess es ihn nicht mehr in seinem Hanse. Er mussto nach Prag fahren, sich zu beraten. Aber es war wie ein Fluch: Jede Stunde brachte neue Hindernisse und Sorgen, die ihn festhielten. Zudem peinigte ihn dD Ungewissheit. Was mochte wohl d >r nächste Tag bringen? Tag um Tag stellte sich der junge Graf in der Sehenkstube ein. Lauerte nicht hinter jedem Worte eine neue Gefahr? Und es kam das Verhängnis. Eines Tages sagte der Jüngling plötzlich wie von ungefähr: „Moischc, verkauf mir deine Tochter I" . . . Da wurde es Jechiel finster vor den grauen Augen. Aber der Graf fragte harmlos lächelnd: „Heisst sie Esterka?" — „Nein, Malka heisst sie." „Nun, denke dir/' sagte der Graf, „sie hiesse Esterka, und du wärest Mordechai, und ich bin Ahasveros. Eine Krone freilich kann ich ihr nicht aufsetzen. Aber du . . . du bekommst das Wirtshaus umsonst für dich und deine Kinder." Und der Graf setzte ihm eine Zeit zur Uebcrlcgung. 4. Da fühlte Jechiel Michel, class es schlecht war. Ehe noch der Tag graute, spannte er sein Pferd an und fuhr nach Prag, und ging, ohne sich aufzuhalten, zum Rabbi ins Lelirhaus. Er traf ihn beim Studium der Gemara. Ehrfurchtsvoll begrüsste er ihn und richtete dann ohne Umschweife an ihn die Frage: „Rabbi, darf man die jüngere Tochter vor der älteren verheiraten?" — Der Meister des Lehrhauses stützte seinen Ellenbogen auf die Gcmara und antwortete : „Nein, Jechiel Michel. Das ist jüdische Sitte nicht." Und er erinnerte ihn an die Geschichte mit Jakob und Laban. Sagte Jechiel Michel: ,,Ich weiss es wohl. Wie ist es aber, wenn man solches tun m u s s?" Und Jechiel Michel schüttete vor dem Rabbi die Bitternis seines Herzens aus und berichtete, was sich zugetragen. Der Rabbi sann eine Weile. Dann sprach er gelassen : „ In der Tat, Jechiel, in dieser Not darfst du den Brauch der Väter brechen."' Da ihn aber der Pächter an sein Versprechen erinnerte, ihm einen Schwiegersohn unter den Jüngern des Lohrhauses zu wählen, wehrte der Rabbi ab und sagte: „Nein, Jechiel Michnl, Und bebend fragte ihn der Krüger: „Warum nicht, Rabbi? Hat sieh denn meiner Malka Seele versündigt? Sie ist ein junges Kind, ein junges Däumchen. Wie man es biegt, so . . ." „Gott verzeih mir!" antwortete der Meister des Lehrhauses. „Ich sorge nicht, dass sie sich etwa versündigt hat. Nicht in Gedanken glaubte ich dieses. Sieh, Jechiel Michel, gesündigt hat deine Tochter nicht. Aber, du begreifst, die Sünde hat sie doch gestreift. Und dann: du weisst, ich will nur dein Gutes. Dein Kind bedarf der Leitung eines Mannes, der ein ganzer Mensch ist, — eines Kaufmanns, und der Aufsicht von Schwäher und Schwieger und der ganzen Sippe, wie es so ist. Sie muss erlöst werden von all den fremden Gedanken. Darum muss sie in ein Haus kommen, das viele Augen und Ohren hat. Mit dem bösen Trieb muss man schwer ringen, wenn er eindringt . Er ist wie ein böses Kraut. Ein Samcnkörmchen nur, und es wächst und wächst und zerstört den Acker." Und der Rabbi fuhr fort: „Bedenke nur ernsthaft, Jechiel Michel: Ich hielte Wort und gäbe dir als Eidam nach deinem Willen einen Jüngling von den Schülern des Lehrhauses. Ein armes Kind, einen Einsamen! Glaubst du, dass es gut wäre? Was ist dieser Jüngling? Ein Sohn der Lehre. Ei'wird vor seinen Büchern sitzen und lernen. Ein anderes weiss er nicht, will er nicht wissen, soll er nicht wissen. Bei dir, in der Nähe des Grafen, werden sie nicht wohnen können. Und hier? Die Heimat des Jünglings ist das Lchrhaus, ist die ■ Thora und der heilige Dienst. Was wird da mit dem jungen Weibe sein? Welche Gedanken werden sie erfüllen? In welchen Wollen der Phantasie wird sich ihre das kann ich nicht.' MAX FABIAN". Zillenschiffer. (Ans der diesjährigen „Grossen Berliner Kunstausste'.'.ung".) BERLIN.

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