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Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 885 - 886

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Sein erster Vers
Date
1911-10-01
Page
Seite 885 - 886 (sequence 6)
Language
German
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885 Theodor ZLocisti: Sein erster Vers. Ein dünner, flackernder Lichtstrahl war ins Zimmer gekrochen. Er schlich sich an Elis Bett, stieg langsam tiio Decke empor und spielte mit den braunen Locken — in der Lust törichten Vergessens. Dann aber war '•s, als zuckte es durch das flimmernde Strählclien. Es war wie ein jähes Besinnen, das in das kosende Spiel sich drängt. Und erschreckt schmiegte sich das Strählclien an des Knaben Ohr und flüsterte ihm heimliche Worte zu. Und Eli hatte die Augen, aufgerissen, und sein Blick, um den noch das weiche Gespinst des Schlafes lag, folgte dem Lichtstrahl, der mit dünnen Finger auf einen Spalt in der Türe wies. Hörst du denn nicht? Ein Kind, dein kleines Brüderchen weint!"' Der Knabe. lauschte auf. Festumschlungen mit den Klagetüneji-war ein "Wiegenlied. Mutter sang es. Und ihre Lippen waren fest geschlossen. Es war nur ein Summen. Nur ein paar Takte. Und immer das gleiche Klanggeranke, "Wiegenlied und das Stöhnen und Weinen des Kindes. Das kleine, liebe Brüderchen. Mutter trug es auf ihren Armen, fest an die Brust gedrückt. Und sie schritt mit dem Kinde durch die Stube, von der Tür zum Fenster- Vom Fenster zur Tiir. Auf und nieder. Und es war eine unheimliche Melodie in dem Schreiten, da der nackte Fuss die Dielen berührte und mied. Und das Kind weinte, und Mutter summte ihr Wiegenlied. Nun blieb sie stehen und beugte sich über den Säugling, als wollte sie aus dem Keuchen seines Odems den Spruch, des Schicksals erlauschen. Und das Kind weinte und Mutter summte ihr Wiegenlied und der nackte Fuss berührte die Dielen, und wenn „Mutter stehen blieb, Avars, als risse die Strophe eines grausig-düstern Liedes ah, und da sie weiterschritt, wars, als höbe eine neue Strophe an. . . . Das Kind im Nebenhause hatte sich längst schon beruhigt. Aber Eli hörte noch immer ein Weinen, ein leises, schwaches Weinen, gedämpft vom Nebel der Jahre. Eli presste die Lider fester zusammen. Da sali er die verhärmten Züge seiner Mutter. Da sab er die dunklen Flechten, die sich auf die weissen Spitzen des Steckkissens legten. Ein feiner Saum von Licht lag um das Haupt gleich einem leisen Glorienschein. Aus einem feingeschliffenen Glase zitterten wie Herbst.- seide gelbe Lichtfäden. Oel war in dem Glase. Und ein Kerzelein schwamm müde darin. Am Abend war es entzündet worden. Und da Eli in das stille Flämmchen blickte, sah er darin das Auge seiner Grossmutter, die Jahre zuvor an diesem Tage gestorben. Eli war damals ein ganz kleiner Knabe noch. Er konnte sich der Alten kaum noch erinnern. Aber das Auge sah er ganz klar. Dieses wundersam-milde Auge mit den Scliattcnrändern, die das Schicksal mit breiten Strichen gleich Runen seiner geheimnisvollen Sprache gezeichnet hatte. Dieses Auge hatte so seltsam lachen können.;,Wie du nur lachst!'"' hatte er ihr oft gesagt, wenn sie ihn zwischen den Knien hielt und alte Geschichten erzählte. Es war so ein Lachen, das sich wie schweres Herbstgewölk auf die Seele legte. Nie wieder hatte Eli dieses Lachen L. ITL1CHOWSKI. . PARIS. Mussestunde* gefunden. In. seinen Träumen, die nachts zu . ihm kamen, wenn abends die Alte die Erinnerung wieder an den Tisch gerufen, in seinen Träumen war er durch Wälder gelaufen, war über Felsen geschritten, um den Glanz dieses lachenden Auges zu suchen. Er hatte die Mensehen gefragt: ,,Wisst ihr, wo ich die Augen meiner Grossniiitter finde?'*' Da kam der Spott in ihre Mienen, und sie wiesen ihn fort. Da fragte er die Rehe der Heide. Sie blickten ihn ängstlich an. Sie verstanden wohl die Frage des Knaben nicht. Zu den Sternen war er emporgeflogen. ,,Wisst ihr, wo ich die Augen meiner Grossmutter finde Sie'läclielten verschmitzt. Sie mussten's ■ wohl wissen. Aber sie sagten es nicht. . . . Er hatte vergebens gefragt. Vergebens hatte er gesucht. Bis zu" jener Nacht, da seine Mutter über die Stube schritt, mit nackten Füssen, den kranken Bruder auf den Händen. Im Jahrzeitlicht hatte sich das Auge der Grossmutter offenbart, das so seltsam lächeln konnte. Und die bunten Märchen

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